ESC
: Vier Frauen aus Stettin erfinden polnischen Pop neu

Trachten und traditioneller Gesang kombiniert mit Gitarren und fetten Beats: „Tulia“ vertritt Polen am 18. Mai in Israel
Von
Nancy Waldmann
Stettin
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Dominika Siepka, Joanna Sinkiewicz, Patrycja Nowicka und Tulia Biczak (v.l.) alias "Tulia" begannen mit Depeche Mode und Metallica. Inzwischen singen sie eigene polnische Songs. Mit "Pali sie - Fire of Love" treten beim Songcontest in Israel an.

Grzegorz Golebiowski

London, Madrid, Amsterdam – „Tulia“ ist derzeit pausenlos unterwegs zu Auftritten. Innerhalb einer Woche einen Interviewtermin ausmachen? Undenkbar.

Das wundert nicht, wenn man verfolgt, was die Frauen in den letzten Wochen alles entscheiden und wofür sie sich erklären müssen. Mit traditionellen Bezügen, sowohl musikalisch als auch ästhetisch auf die poppige Bühne des „Eurovision Song Contest“ zu treten, hat seine Tücken. Lieber auf englisch singen statt auf polnisch? Der Kompromiss: eine zweisprachige Version, aufgenommen extra für Tel Aviv. Dann war da das Kreuz an der Dorfstraße, die die vier Frauen in einer Anfangsszene ihres Videoclips entlangschreiten. Religiöse Symbole verstoßen gegen das Reglement des ESC, also ließen sie das Kreuz in der internationalen Version des Videoclips weg, worauf eine Welle kritischer Kommentare in sozialen Medien über die Frauen hereinbrach: Sie sollten doch lieber gar nicht antreten, als sich „der Zensur“ zu unterwerfen. „Die Kommentare taten weh, erst recht, da wir alle gläubig sind. Das Kreuz in dem Clip aber hatte damit gar nichts zu tun“, sagte Tulia Biczak, die Namen gebende Sängerin des Ensembles gegenüber Radio Szczecin.

Die langen Zöpfe und leuchtenden Trachten lassen darauf schließen, dass man es mit einer Folk- oder Ethnoband zu tun hat. Doch „Tulia“ ist auch ohne den speziellen Zuschnitt auf den ESC eher eine Popband. Bekannt wurde das Quartett im Oktober 2017 mit einem bewegenden Cover des Depeche-Mode-Songs „Enjoy the silence“, das auf Youtube inzwischen fast vier Millionen Mal aufgerufen wurde. "Depeche Mode“ selbst war entzückt und teilte die Tulia-Version sofort auf der eigenen Facebookseite. Im Mai folgte das Debütalbum mit weiteren Coversongs, etwa von Kayah und Bregovic und Metallica, sowie eigenen Liedern. Die Frauen erhielten den „Fryderyk“, den wichtigsten polnischen Musikpreis.

Das Besondere an „Tulia“: die traditionelle Art der Stimmbildung. Für ein deutsches Ohr ähnelt sie am ehesten dem, was als „Weißer Gesang“ oder auch Schreigesang bezeichnet wird, der seine Wurzeln im alten vielsprachigen Ostpolen hat und oft mehrstimmig ist. „Tulias“ Gesang zwar einstimmiger und melodisch einfacher Gesang erinnert daran, arrangiert ist das Ganze jedoch in poppigen Beats. Die Videoclips sind geprägt von langsamen, fast statischen  Bewegungen der vier Frauen, in denen sie sich etwa im verschneiten südostpolnischen Bergland im Schnee vor Holzbauden inszenieren. Unnahbar und ikonenhaft wirken sie.

Lied über das „Feuer der Liebe“

Von der eher in Zentral- und Ostpolen beheimateten Folkszene in der verschiedenste regionale Gesangstraditionen und Liedgut gepflegt und auch neu arrangiert werden, ist „Tulia“ jedoch recht weit weg, sowohl geografisch als auch musikalisch. Auf einem einschlägigen Warschauer Festival fragen sich manche: Passt „Tulia“ nicht einfach gut in die patriotische Linie der Regierung? Über die Teilnahme am Grand Prix entschied diesmal kein Zuschauervotum, sondern eine ­Kommission des staatlichen PiS-nahen Fernsehsenders TVP, der unter mehreren Bewerbern auswählte.

Mit „Pali sie“ fiel die Wahl auf den poppigsten Titel, ein musikalisch eher langweiliges Lied über das „Feuer der Liebe“, das „in uns brennt wie ein trockener Wald“. Spannend ist der vor 50er-Jahre-Dorfkulisse spielende Videoclip – inspiriert vom Oscar-nominierten polnischen Spielfilm „Cold War“ (Deutsch: Der Breitengrad der Liebe), der sich eben um ein auf Beschluss der Regierung gegründetes Folklore-Ensemble dreht, das nach dem Zweiten Weltkrieg verlorenes polnisches Volksliedgut sammeln soll. Auch ohne das umstrittene Kreuz, erkennt man katholische polnische Provinz. Die Figur des heiligen Nepomuk etwa blieb drin.

Wie polnisch wird es dann live in Tel Aviv zugehen? Nichts ist Zufall – auch das charmant gerollte "r“ im englischen Intro „Fire of Love" wird zu hören sein.

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Hier beginnt der Infotext fett danach wieder normal⇥Autor XXX