Flüchtlinge
: Frankfurt (Oder) fünf Jahre nach „Wir schaffen das“

„Wir schaffen das“, sagte einstmals Kanzlerin Angela Merkel. Ist die Integration Hunderter Flüchtlinge in Frankfurt (Oder) gelungen?
Von
Thomas Gutke
Frankfurt (Oder)
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  • Leben seit 2015 in Frankfurt (Oder), sind aus Syrien wegen des dortigen Krieges geflohen und wohnen nun beide im Pablo-Neruda-Block: Alaa Mamou und sein Freund Basel Alfeddawi.

    Leben seit 2015 in Frankfurt (Oder), sind aus Syrien wegen des dortigen Krieges geflohen und wohnen nun beide im Pablo-Neruda-Block: Alaa Mamou und sein Freund Basel Alfeddawi.

    Jan-Henrik Hnida
  • Joseph aus Kamerun lebt seit 20 Jahren in Deutschland. Seit zwei Monaten arbeitet der 55-Jährige in den Obst- und Gemüseplantagen von PlantAge in Markendorf. In seiner Heimat war er bereits auf Kakao- und Kaffeeplantagen tätig.

    Joseph aus Kamerun lebt seit 20 Jahren in Deutschland. Seit zwei Monaten arbeitet der 55-Jährige in den Obst- und Gemüseplantagen von PlantAge in Markendorf. In seiner Heimat war er bereits auf Kakao- und Kaffeeplantagen tätig.

    Jan-Henrik Hnida
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„Gott sei Dank hat mir Deutschland ein Zimmer gegeben“ — das war Fatemeh Zeinalis erster Gedanke, als sie 2015 in der Gemeinschaftsunterkunft in Seefichten ankam. Ein Jahr lang war das Heim ihr neues Zuhause. Im Iran wurde sie als Angehörige einer christlichen Minderheit verfolgt. Sie wollte nicht nach den Dogmen des muslimischen Glaubens leben. Und machte sich auf den Weg nach Deutschland. Dafür nahm sie eine mehrmonatige Flucht über mehrere Ländergrenzen hinweg auf sich — wie auch viele andere Menschen, die zu dieser Zeit in ihrer Heimat in Not gerieten.

Hunderttausende kamen zwischen 2014 und 2016 nach Deutschland, vor allem aus den von Krieg und Krisen gezeichneten Ländern Syrien, Irak und Afghanistan. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise erklärte Angela Merkel am 31. August 2015: „Wir schaffen das!“

Auch Frankfurt (Oder) stellte die Situation damals vor ernste Herausforderungen. Als die Erstaufnahmeeinrichtung Eisenhüttenstadt im Sommer 2014 an die Kapazitätsgrenze kam, wich das Land auf die nächstgelegene größere Stadt aus und eröffnete in der früheren Oderlandkaserne in West eine Außenstelle. 2015 kamen eine weitere Außenstelle und zwei Notquartiere hinzu — das Ramada–Hotel und die Messehallen. Von 350 auf mehr als 1300 wuchs die Zahl der Flüchtlinge bis Ende 2015. Konflikte blieben da nicht aus. Welten und Wertvorstellungen prallten aufeinander. Es gab Anwohnerproteste und aufgeregte Bürgerversammlungen. Auch Rechtsextreme marschierten durch die Stadt. Doch Frankfurt stellte sich nicht nur Parolen und Populisten mit Kundgebungen für ein tolerantes Miteinander in den Weg. Sondern lebte mit vielen Initiativen auch Willkommenskultur. Zugleich setzte ein Beschluss der Stadtverordneten für eine prioritäre Unterbringung Geflüchteter in Wohnungen bundesweit Maßstäbe.

Chronik:Frankfurt (Oder) und die Flüchtlingskrise 2014 und 2015 — ein Rückblick

Am Anfang sei die Lage diffus gewesen, erinnert sich Thomas Klähn, Vorsitzender des Integrationsbeirates. Er gründete 2014 die Initiative „Vielfalt statt Einfalt“, aus der später ein Verein wurde. „Wir besuchten die Oderlandkaserne und redeten dort mit den jungen Männern“, erinnert sich Klähn. Die Familien seien oft erst später nachgezogen. Er und seine Mitstreiter gaben Deutschunterricht und halfen, wo Hilfe nötig war. Das Engagement wurde gut angenommen. „Viele wollten am liebsten jeden Tag Deutsch lernen“, erzählt er. Einige von ihnen hätten später eine Ausbildung oder Studium begonnen. Andere hingegen zogen sich zurück, als die Familie nachkam.

Hat es Frankfurt fünf Jahre später geschafft? Ist das Zusammenwachsen gelungen? Die Antworten sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst, die seit 2015 in die Stadt kamen. Es gibt viele positive Beispiele für gelungene Integration. Flüchtlinge, die eine Ausbildung abgeschlossen haben, sich einbringen, in Vereinen, Kirchengemeinden oder bei Projekten wie dem Brückenplatz. Auf der anderen Seite gab es auch den Angriff mehrerer syrischer, junger Erwachsener auf den Frosch–Club vor zwei Jahren – verurteilt sind die Täter bis heute nicht.

Viele Flüchtlinge suchen Arbeit

Darüber hinaus lassen Statistiken der Agentur für Arbeit erahnen, wie schwierig die Integration in den Arbeitsmarkt ist. Zum 31. Juli 2020 waren in Frankfurt 571 erwerbsfähige Personen aus nichteuropäischen Asylherkunftsländern gemeldet, aus denen 2014, 2015 besonders viele Menschen flüchteten — 211 von ihnen sind arbeitslos. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten lag bei der letzten Erhebung im Januar bei 166, Tendenz leicht steigend. Eine weitere Zahl: 677 Flüchtlinge aus Syrien und 90 aus Afghanistan beziehen in Frankfurt Grundsicherungsleistungen, worunter auch nicht erwerbsfähige Personen wie etwa Kinder fallen. Häufig stehen strukturelle Gründe hinter anhaltender Arbeitslosigkeit; Sprachkenntnisse, die nicht ausreichen, fehlende Anerkennung von Abschlüssen, unsichere Bleibeperspektiven, aber auch Geschlechterrollen, die Frauen beruflich ausbremsen.

Fatemeh Zeinali ist ebenfalls auf staatliche Unterstützung angewiesen. Doch sie sagt: „Ich will eine feste Arbeit, am besten in der Altenpflege“. Denn im Pflegebereich arbeitete sie bereits im Iran.  Derzeit wohnt sie mit ihrem Freund in einer eigenen Wohnung und hat Praktika in der Alloheim–Seniorenresidenz und bei der Diakonie absolviert. Nebenbei unterstützt sie Projekte auf dem Brückenplatz, Hunderte Schutzmasken hat sie dort in der Corona–Zeit genäht. Ihr Wunsch? „Ein Job als Altenpflegerin — und eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung“, sagt Zeinali. Dann brauche sie nicht mehr alle sechs Monate eine Verlängerung beantragen.

Gerade erst einen neuen Job gefunden hat dagegen Joseph aus Kamerun. Vor zwei Monaten fing er für die Genossenschaft „PlantAge“ in Markendorf an zu arbeiten. Dort kümmert er sich um das Unkrautjäten oder in den Folientunneln um die Tomaten, die später in Gemüsekisten verpackt und verkauft werden. „Tomaten brauchen viel Licht, deswegen schneide ich überschüssige Blätter ab“, erläutert Joseph. Er flüchtete bereits vor 20 Jahren aus seiner Heimat, aus humanitären Gründen.  "Bei uns herrschte gerade Bürgerkrieg. Ich bin damals abgehauen, weil sich der französische Landesteil, die Mehrheit, und der englische, die Minderheit, nicht verstehen“, erzählt der 55–Jährige. Repressionen, Gewalt gegen die Zivilbevölkerung oder willkürliche Verhaftungen seien Alltag gewesen. Wegen behördlicher Entscheidungen sei er in Frankfurt gelandet. Er hofft seit langem darauf, irgendwann einen deutschen Pass zu bekommen.

Mit seinen Händen arbeitete ebenso Alaa Mamou bis 2015 in Syrien. Dann musste er seinen Schneider–Betrieb schließen, als sein Wohnviertel in Aleppo zerbombt wurde.  „Ich hatte vier Mitarbeiter. Alles musste ich da lassen“, erzählt der 35–Jährige. Über das Mittelmeer flüchtete er nach Griechenland, vier Stunden lang saß er mit 50 Leuten zusammen im Plastikboot. In Deutschland schlug er sich zuerst in Berlin mit Mini–Jobs bei McDonalds und im Amazon–Lager durch. Jetzt wohnt der Syrer seit zwei Jahren im Pablo–Neruda–Block, mit seiner kleinen Tochter und seiner Frau. Zusammen mit seinem Freund Basel Alfeddawi, ebenfalls aus Syrien, spielt Mamou beim FC Habibi Fußball.

Businessplan für einen Gebäckladen

„Einfach war es oft nicht“, sagt er. Das Erlernen der deutschen Sprache sei schwierig, nach dem A2–Niveau sei erstmal Schluss für ihn gewesen. Doch Mamou hat Pläne. „Ich will im Zentrum einen orientalischen Gebäckladen eröffnen“, sagt der 35–Jährige, mit seinem Businessplan in der Hand.

„Wir haben es geschafft“, findet dagegen Basel Alfeddawi — in Anlehnung an Merkels „Wir schaffen das“. In Syrien studierte er Jura, jetzt will er eine Ausbildung als Betreuungsassistent beim ASB machen.

Trotzdem: Beruflich Fuß zu fassen, fällt vielen Geflüchteten schwer. „Der Zugang zu den Systemen ist heute ein anderer“, erklärt Thomas Klähn. Das nach wie vor größte Hindernis: die Sprache. Ein B1–Niveau im Deutschtest habe 2015 vielen Arbeitgebern gereicht — 2020 sei B2 oft ein Muss. Und „zuerst müssen Praktika oder Freiwilligenarbeit absolviert werden“, sagt Klähn. Zudem schwebe die drohende Abschiebung wie ein Damoklesschwert über vielen Köpfen — eine verlässliche Lebensplanung mit unsicherem Status ist schwierig.

Sicherheit hat jetzt Abdulhalim Bakkour. „Ich bin seit einem Monat fester Mitarbeiter beim Marketing– und Sozialmanagement der Wohnungswirtschaft“, erzählt der 27–Jährige, der vor fünf Jahren aus Syrien floh. Im Herbst 2015 dolmetschte er in der Notunterkunft auf dem Messegelände, später für den Verein „Miteinander wohnen“. 2017 begann er mit der Ausbildung zum Immobilienkaufmann bei der Wowi. Nun die Festanstellung, Bakkour hat es geschafft. Und er hat heute vor allem einen Wunsch — seine Familie fünf Jahre nach der Flucht endlich einmal wiederzusehen.