Der Corona-Lockdown im Frühjahr machte auch vor Spielhallen und Wettbüros in Frankfurt (Oder) nicht Halt. Vom 17. März bis 27. Mai blieben alle Spielotheken geschlossen. Das führte zwar zu Einnahmeverlusten für die Kommune aus der Vergnügungssteuer. Weniger pathologische Spielsüchtige gibt es deshalb trotzdem nicht.
Im Gegenteil. In der Fachstelle Sucht am Holzmarkt – jetzt in Trägerschaft der Prowo gGmbH – ist die Zahl der Hilfesuchenden in den vergangenen Wochen deutlich angestiegen. Das berichtet Silke Woick, Suchttherapeutin in der Beratungsstelle. „Nachdem die Spielhallen wieder offen hatten, sind einige Katastrophen eingetreten“, sagt sie.

Während des Lockdowns in die Sucht gerutscht

Die einen seien gleich zu Beginn ins Internet zu den rund um die Uhr offenen Online-Casinos und Wettanbietern abgewandert. Andere warteten, bis sie sich – unter Corona-Auflagen wie Anwesenheitsnachweisen und Abstandsgeboten – wieder an Spielautomaten setzen durften, „und verspielten dann gleich mehrere Tausend Euro, weil sie das Gefühl hatten, etwas nachholen zu müssen“, sagt die Sozialpädagogin.
Hinzu kommen jene, bei denen die Spielsucht in der Corona-Zeit überhaupt erst pathologisch, also krankhaft wurde. „Das betrifft unter anderem Menschen, die in Kurzarbeit geschickt wurden und sich plötzlich nicht mehr gebraucht fühlten“, so Silke Woick. Beim Alkohol sei es ähnlich gewesen. Viele hätten während des Corona-Lockdowns häufiger und mehr getrunken, weil es ihnen zu Hause schlecht ging. Nicht selten fallen Alkohol- und Spielsucht auch zusammen.

Zahl der Geldspielgeräte leicht gestiegen

Genaue Zahlen fehlen, denn Dunkelziffern lassen sich schwer erfassen. Doch hochgerechnet und bemessen an offiziellen Schätzungen dürfte es auch in Frankfurt zirka 500 Spielsüchtige geben. Sie finden in der Stadt nachwievor genügend Möglichkeiten, sich und ihre Familien schlimmstenfalls in den Ruin treiben.
Nach Angaben der Pressestelle des Rathauses gibt es in Frankfurt zwölf Spielhallen, eine mehr als vor einem Jahr. Davon befinden sich zwei in der Innenstadt, je vier in Beresinchen und Nord sowie je eine in West und Süd. Hinzu kommen zwei Wettbüros, in denen auf Sportergebnisse weltweit getippt werden kann.
Auch die Zahl der Geldspielgeräte hat zuletzt mit 134 Automaten in Spielhallen – zuzüglich 30 in Gaststätten – wieder leicht zugenommen. Der Bedarf scheint also da zu sein.

Gravierende Folge für das familiäre Umfeld

Es sei nicht hauptsächlich Langeweile, die Betroffene immer wieder in die Spielhallen führe, erklärt Silke Woick. Stattdessen stünden oft unbewältigte Konflikte dahinter. „Viele sagen mir: Ich will da eigentlich nicht wieder hin, aber es zieht mich rein. Dort kann ich alles vergessen, den ganzen Stress draußen lassen.“ Es ist ein Teufelskreis. Mit gravierenden Folgen für das familiäre oder berufliche Umfeld. Den Angehörigen von Betroffenen ist deshalb auch der bundesweite Aktionstag gegen Glücksspielsucht an diesem Mittwoch gewidmet.
Das Leid der Ehepartner oder Kinder von Glücksspielsüchtigen stehe selten im Fokus, weiß auch Silke Woick. „Viele Frauen denken zuerst, dass der Mann vielleicht eine Geliebte hat, weil regelmäßig viel Geld vom Konto abgeht, und er verheimlicht, wofür er das Geld braucht“, erzählt sie.
Es fehle an Bewusstsein dafür, dass es sich auch um Spielsucht handeln könnte. Doch wenn mit der Zeit die finanzielle Belastung steige, Geburtstagsgeschenke und Urlaube ausfallen, und Schulden überhand nehmen, drohen die Familien auseinanderzubrechen.

Beratungsstelle gemeinsam besuchen

Doch eine Trennung müsse nicht der Weg sein, macht Silke Woick Betroffenen Mut. Sie rät stattdessen, als Paar eine Beratungsstelle aufzusuchen, um gemeinsam etwas gegen die Krankheit und den Vertrauensverlust zu unternehmen. Silke Woick: „Allein kommen Spielsüchtige verdammt schwer da raus – sie brauchen die Unterstützung ihrer Familie.“

Die Fachstelle Sucht am Holzmarkt beteiligt sich heute mit einer Telefonsprechstunde am Aktionstag gegen Glücksspielsucht. Von 9 bis 12 Uhr und 13 bis 16 Uhr stehen unter der Nummer 0335 6802735 Suchtexperten Rede und Antwort. Das Angebot richtet sich in diesem Jahr vor allem an Angehörige. Mehr Informationen zum Aktionstag gibt es auch hier.

Vergnügungssteuer in Frankfurt


Im Jahr 2019 betrugen die Einnahmen aus der Vergnügungssteuer 434.412 Euro; 2018 waren es 554.255 Euro, 2014 jedoch nur 380.694 Euro. Unter Vergnügungssteuern fallen auch die Einnahmen aus Glücksspielen an Spielautomaten in Imbissbuden oder Spielhallen, die jedoch nicht separat aufgeführt werden, heißt es von der Pressestelle der Stadt.

Vergnügungssteuerpflichtig sind darüber hinaus Tanzveranstaltungen jeder Art – in Frankfurt fallen darunter beispielsweise das Oktoberfest oder auch Tanznachmittage für Senioren im Café Diana.

Nach Ermittlungen der Kämmerei sei wegen der Corona-Pandemie in diesem Jahr mit einem Ausfall bei der Vergnügungssteuer in Höhe von knapp 130.000 Euro zu rechnen, also rund 30 Prozent. Tanzveranstaltungen gab es 2020 so gut wie keine, auch Spielautomaten und Spielhallen waren einige Wochen lang außer Betrieb. Bei einigen Bürgern wirkten sich die Einnahmeausfälle beispielsweise durch Kurzarbeit zudem auch auf das persönliche Spielverhalten aus, erklärt die Pressestelle der Stadt.