Die Linken-Vorsitzende Katja Kipping wählte einen Dresdener Plattenbau. SPD-Chef Norbert Walter-Borjans den Kölner Dom. Und CSU-Ministerpräsident Markus Söder ein bayrisches Urlaubsidyll. In den ZDF-Sommerinterviews steht den Gesprächspartnern traditionell frei, vor welcher Kulisse sie über Bundespolitik plaudern wollen. Grünen-Chefin Annalena Baerbock entschied sich für Frankfurt (Oder).
Am Sonntag direkt an der Promenade, mit Blick auf die vorbeiziehende Oder und die Stadtbrücke, wurde die 39-Jährige von Journalistin Shakuntala Banerjee 20 Minuten lang interviewt. Am Abend ging das Gespräch über den Sender.
Das Fernsehteam des ZDF-Politikmagazins "Berlin direkt" war bereits am Sonnabend angereist, um Podeste aufzubauen, Licht- und Tontechnik einzurichten. Die Aufzeichnung fand dann in der Mittagssonne an der Pension Oderblick statt. Vor den Augen neugieriger Spaziergänger und Radfahrer sprach Baerbock mit Shakuntala Banerjee über den Kampf gegen den Klimawandel und Farbkonstellationen nach der Bundestagswahl im Herbst 2021.
Zu Frankfurt pflegt Annalena Baerbock seit vielen Jahren ein besonders enges Verhältnis. 2009 hatte sie sich hier – erfolglos – um das Direktmandat beworben. Vier Jahre später kandidierte sie in Potsdam, zog über die Landesliste der Grünen in den Bundestag ein und eröffnete anschließend auch ein Bürgerbüro in der Oderstadt. Mit dem Frankfurter Kreisverband um Sprecherin Alena Karaschinski und die Landtagsabgeordnete Sahra Damus steht sie in engem Austausch. Die Schließung der Stadtbrücke in Frankfurt und Słubice gleich zu Beginn der Corona-Krise nahm sie mit großer Sorge aus der Entfernung wahr.
"Die ersten Wochen der Pandemie haben uns dramatisch vor Augen geführt, dass Europa zerfällt, wenn jeder nur an sich denkt", urteilte Annalena Baerbock am Rande des ZDF-Interviews auf MOZ-Nachfrage. "Die Bundesregierung hat als erstes ein Exportverbot für medizinische Schutzausrüstung  verhängt und Italien in der Not im Regen stehen lassen. Grenzen wurden von verschiedenen Regierungen einseitig geschlossen. Die Folgen hat man hier in Frankfurt direkt gespürt: Das Herz der Doppelstadt konnte nicht mehr richtig schlagen, weil man nicht mehr tagtäglich über die Brücke konnte, Freunde besuchen, einkaufen. Manche haben wochenlang ihre Familien nicht gesehen, weil sie auf der eine Seite der Oder arbeiten und auf der anderen leben." Die Lehre, so die Grünen-Co-Vorsitzende, müsse daher sein: "Europa funktioniert nur solidarisch. Wir können die globalen Herausforderungen  – ob nun Pandemie, Klimakrise oder Artenverlust – nur europäisch anpacken."
Die Dynamik der Ansteckungen bezeichnete Annalena Baerbock als "besorgniserregend, und zwar an vielen Orten bundesweit". Vor dem Hintergrund wieder ansteigender Fallzahlen forderte sie eine klare Prioritätensetzung. Bereiche, in denen es bisher keine Beschränkungen gab, aber von denen verstärkt Infektionen ausgehen – darunter beispielsweise Familienfeiern – müssten jetzt besonders im Blick behalten werden. "Es gilt, alles daran zu setzen, dass Schulen und Kindergärten geöffnet sind. Das ist für das Wohl der Kinder und Jugendlichen unerlässlich." – In Frankfurt hatte zuletzt mit dem Liebknecht-Gymnasium gleich wieder eine ganze Schule schließen müssen, weil zwei Schüler und eine Lehrkraft positiv auf Covid-19 getestet worden waren.

Klare Ansage an die CDU

Annalena Baerbock spricht sich für ein vorausschauendes Handeln sowohl bei der Pandemiebekämpfung als auch in Sachen Klimakrise aus.  Und sie kündigte an, dass die Grünen nach der Bundestagswahl 2021 mindestens mitregieren wollen. "Selbstverständlich fordern wir mit unserem Führungsanspruch die Union heraus. Die CDU hat kein Abo aufs Kanzleramt. Aber der Wahlkampf ist nächstes Jahr, nicht jetzt. Jetzt ist die Zeit, die Corona-Krise und die Wirtschaftskrise zu bekämpfen", stellte sie klar. Das sei die politische Aufgabe – "und nicht Wahlkampfgetöse 13 Monate vor der Wahl".
Die Tesla-Ansiedlung in Grünheide sieht Baerbock als große Chance für die gesamte Region. "Ich teile den Optimismus. Wenn alle Genehmigungen vorhanden sind, kann diese Ansiedlung einen Sogeffekt für ganz Ostbrandenburg auslösen", erklärte sie. Allerdings sei Tesla auch nach Brandenburg gekommen, weil es hier viele erneuerbare Energien gebe. "Der weitere Ausbau ist also eine Voraussetzung für weitere Ansiedlungen von Unternehmen und damit die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen". Hier sei die Bundesregierung gefragt, so die Grünen-Co-Vorsitzende. "Sie legt aber gerade der Windbranche wirklich Steine in den Weg".