Die Wende und ihre Folgen haben in Frankfurt auch Neues entstehen lassen: zum Beispiel die jüdische Gemeinde. Es war die letzte frei gewählte Volkskammer, die im Frühjahr 1990 das Verhältnis der DDR zum Staat Israel und den Juden neu justierte und Juden aus der Sowjetunion Heimat in Deutschland anbot. Sie kamen zu hunderttausenden. Nach Frankfurt kamen die ersten Juden 1998, im gleichen Jahr wurde auch wieder eine Gemeinde gegründet – 60 Jahre nachdem die Nazis die Frankfurter Synagoge angezündet, die seit 1294 bestehende Gemeinde zerschlagen und ihre Mitglieder vertrieben und ermordet hatten.
Einer der ersten neuen Frankfurter Juden ist Yosyp Vaysblat. Der 73-jährige stammt aus der Stadt Schytomyr im Nordwesten der Ukraine. Jetzt sitzt er im jüdischen Gemeindehaus in der Halben Stadt.  Seine grauen Haare bedeckt ein Basecap. Im Laufe des Gesprächs nimmt er es ab, und seine schwarze Kippa kommt zum Vorschein. Er diente in der sowjetischen Armee in der Luftfahrt, war im Krieg in Afghanistan. Im Militär gab es, wie auch sonst in der Gesellschaft, Diskriminierung. Vaysblat wurde zum Beispiel nicht in die Militärakademie aufgenommen.
Er trug keine Kippa auf der Straße, den Sabbat feierte er nur in seinen eigenen vier Wänden mit der Familie. Erkennbar war er aber durch seinen Pass. In allen sowjetischen Pässen gab es einen Vermerk zu "Nationalität". Bei Vaysblat stand "Jüdisch". Sonst war das Judentum meist unsichtbar. Als Yosyp Vaysblat in der westukrainischen Stadt Lutsk lebte, wurde die dortige Synagoge als Sporthalle genutzt. Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat er sich mit anderen jüdischen Aktivisten für den Wiederaufbau der Synagoge eingesetzt.
Ausreiseantrag 1993
Zu Sowjetzeiten wurden jüdische Soldaten nicht einmal in die DDR, dem wohlhabendsten Land des östlichen Blocks, zum Dienst abkommandiert. Erst unter Gorbatschow änderte sich das. Da wurde Vaysblat doch als Belohnung für seine Verdienste nach Deutschland in den Dienst geschickt. Als Kommandant der Automobil-Kompanie genoss er mehr Freiheit und daher Einblick in das Leben außerhalb der Kaserne. Die DDR gefiel ihm. Und als er Anfang der 90er Jahre von der Chance erfuhr, dass Deutschland seine Tore für Juden aus dem Osten öffnet, beantragte er seine Ausreise bei der deutschen Botschaft in Kiew. Als sogenannter jüdischer Kontingentflüchtling.
Das war 1993. Mehr als vier Jahre wartete er auf Antwort. 1998 war es endlich soweit. Er wurde nach Potsdam zugeteilt. Doch in Potsdam war kein Platz mehr. Er wurde nach Frankfurt geschickt. Dort war gerade eine jüdische Gemeinde neu gegründet worden. Die Gemeinden mussten sich um die Neuankömmlinge kümmern.
"Einige Juden würden aus Prinzip nie nach Deutschland ziehen. Aber ich dachte, wenn es eine solche Möglichkeit gibt – warum nicht? Ja, meine Verwandten wurden von den Faschisten getötet, aber das moderne Deutschland kümmert sich jetzt um mich", sagt Vaysblat. Um dem deutschen Staat irgendwie zu danken, beschloss er, sich in der jüdischen Gemeinde in Frankfurt zu engagieren. Früher war er Vorsitzender, jetzt pflegt er das kleine Gemeindemuseum sowie den jüdischen Friedhof.
Am Anfang hatten die Juden nicht einmal einen Treffpunkt in Frankfurt. Erst 2001 wurde der Gemeinde die zweistöckige Villa des ehemaligen Kindergartens übergeben, in dem sich jetzt sowohl der Betraum als auch das Museum und Büros befinden. Von außen scheint es, als würde niemand da sein, Türen und Fenster sind geschlossen. Aber im Inneren ist es lebendig. An den Wänden hängen Fotos von Gemeindefesten, dem Chor und den Sportgruppen, die es früher einmal gab. Das Leben für die jüdischen Bürger in Frankfurt war ruhig und friedlich. Aber das Leben in den vergangenen Jahren sei schwieriger geworden, seitdem Migranten aus arabischen Ländern gekommen sind.
So jedenfalls sehen es die Mitglieder der jüdischen Gemeinde. "Einige beleidigen ältere Menschen, unabhängig von ihrer Religion, stehlen Taschen", erzählt Vaysblat. Das sei einigen Gemeindemitgliedern im Hausflur und am Hortenvorplatz  passiert. Wenn wichtige Gäste wie Rabbiner die jüdische Gemeinde besuchen, würden sie in den letzten Jahren verstärkt von Polizisten geschützt werden. Sicherheitshalber. "Und überregionale Medien empfehlen, dass wir keine Kippa tragen", sagt Vaysblat und spielt auf die jüngeren Diskussionen um Antisemitismus in Deutschland an. Auf den Straßen zieht er es daher vor, den Kopf mit einem Basecap zu bedecken.
Schwierig für die Frankfurter Gemeinde sind auch die strengeren Regeln beim Zuzug nach Deutschland, die seit dem neuen Zuwanderungsgesetz 2004 gelten. Wer als Jude aus einem Land der ehemaligen Sowjetunion einwandern will, muss – anders als in den 90ern –  mindestens ein Deutschzertifikat auf A1-Niveau besitzen und auch ein gutes "Integrationspotenzial", so heißt das im Behördensprech. Das bedeutet, dass junge Juden mit einem Bildungsabschluss und Berufserfahrung mehr Chancen haben, den Antrag bewilligt zu bekommen.
Auch im Vorfeld muss mit einer jüdischen Gemeinde in Deutschland über die Aufnahme verhandelt werden. Viele jüdischstämmige Menschen können diese Anforderungen nicht erfüllen und daher auch nicht zu Familienmitgliedern nachziehen, die bereits in Deutschland leben. Daher gibt es in den letzten Jahren kaum Zustrom. Im Gegenteil: Die Frankfurter Gemeinde erlebte einen Mitgliederschwund. Im Moment sind es rund 200. Zur Sabbatfeier kommen durchschnittlich etwas mehr als die Hälfte. Zu Festen wie Pessach oder zum "Tag Israels" kommen auch Frankfurter, die nicht zur Gemeinde gehören.
Die jungen Juden aber sind nach Berlin oder in andere Großstädte gezogen. Sie seien oft sehr assimiliert und haben meist wenig Interesse daran, Zeit in der Gemeinde zu verbringen. "In den Zeitungen wird viel über Antisemitismus geschrieben, sodass die Jugendlichen oft verschweigen, dass sie Juden sind. Wenn die Zeitungen auf der ganzen Welt darüber schreiben würden, welchen Beitrag die Juden zur Entwicklung der Zivilisationen geleistet haben, würde der Antisemitismus weniger werden", glaubt Tamara Inozemtseva. Die 76-Jährige kam im Jahr 2003 aus Usbekistan.
Rückgang der Aktivität
Die ist jetzt mehr ein Treffpunkt für die Älteren. Man spricht Russisch und fühlt sich nicht einsam. Innerhalb der Gemeinde gibt es einen Seniorenclub, einen Frauenclub und einen Chor. Etwa 60 Prozent der Mitglieder nehmen daran teil. Die meisten sind Rentner. "Früher haben wir aktiver gelebt", seufzt Yosyp Vaysblat. Aber selbst der Rückgang der Aktivität stört ihn nicht. Es gab eher andere Probleme: Wie soll man nach jüdischen Gesetzen ein Gemeindemitglied begraben? Wie kann man Bestattungsunterlagen ausstellen? Bei diesen Fragen hilft Yosyp Vaysblat.
*Autorin Mariia Vakhrusheva kommt aus Kaliningrad und ist MOZ-Praktikantin im Rahmen des Deutsch-­Russischen Forums.