Seit Jahren werben Frankfurt und Słubice als Europäische Doppelstadt gemeinsam mit dem Slogan: Ohne Grenzen – Bez granic. Nun ist die Grenze seit über einem Monat und wahrscheinlich noch für längere Zeit nahezu komplett geschlossen. Was bedeutet dies für die Zusammenarbeit beider Städte und welche Emotionen bewegen Sie angesichts dieser Umstände auch persönlich?
René Wilke: Die Zusammenarbeit beider Städte leidet sehr darunter, dass die Grenze derzeit geschlossen ist. Wir sind als Europäische Doppelstadt in fast allen Bereichen des öffentlichen Lebens sehr stark miteinander verflochten. Wir realisieren zahlreiche gemeinsame Projekte und Großveranstaltungen. Menschen leben auf der einen und arbeiten auf der anderen Seite. Familien leben auf beiden Seiten.
Was geschieht, wenn die Schulen auf der einen oder anderen Seite wieder öffnen, die Grenze aber geschlossen bleibt? Dann können zig Schülerinnen und Schüler nicht zur Schule gehen. Auch die Umsetzung des von den Stadtverordneten beschlossenen Handlungsplans 2020-2030 mussten wir erst einmal stoppen. Ich empfinde die Grenzschließung als sehr belastend. Schlimm und eine gravierende Veränderung des Alltags ist es für die vielen Menschen auf beiden Seiten der Grenze, deren Leben direkt davon betroffen ist.
Mariusz Olejniczak:Meine Emotionen sind in diesem Fall ohne Belang, zumindest darf ich mich nicht von ihnen leiten lassen. Die zeitweiligen Beschränkungen des Grenzverkehrs dienen dem Ziel, die Ausbreitung des Coronavirus zu beschränken. Früher oder später wird ein großer Teil der Bevölkerung dennoch mit der Krankheit in Berührung kommen. Wir brauchen aber dringend die Zeit, um uns darauf vorzubereiten. Selbst in Ländern mit besser entwickelten Gesundheitssystemen ist die Zahl der Infektionen lawinenhaft angestiegen, sind Mediziner selbst erkrankt und es gibt nicht genügend Beatmungsgeräte.
Wir hoffen jedoch, dass es uns mithilfe der Maßnahmen gelingt, schneller wieder zum früheren Alltag zurückzukehren, denn die derzeitige Situation in unserer Doppelstadt ist für uns alle sehr schwierig.  Es fällt schwer, sich nicht mehr frei bewegen zu können. Darunter leiden nicht nur unsere beiden Städte, sondern die gesamte Grenzregion.
Zugleich spüren wir sehr deutlich, wie wir uns gegenseitig brauchen. Die polnischen Berufstätigen sind sehr wichtig für den deutschen Arbeitsmarkt, und die deutschen Bürger sind begehrte Kunden in polnischen Geschäften und bei Dienstleistern. Und sobald es wieder möglich ist und niemand davon gefährdet wird, werden wir unsere gemeinsamen Vorhaben fortsetzen.
Die Tatsache, dass Bürgermeister Olejniczak am 17. März die vollständige Schließung der Stadtbrücke forderte, hat beiderseits der Oder Irritationen ausgelöst. Gab es in dieser Extremsituation keinen Kontakt zwischen den Rathäusern? Wie informieren Sie sich derzeit über akute Probleme?
Mariusz Olejniczak: Ich muss unterstreichen, dass der Beschluss zur Schließung der Grenze von unserer Regierung gefällt wurde. Wir waren zunächst froh, dass es dabei eine Ausnahme für polnische Grenzpendler gab. Leider aber zeigten schon die ersten Tage, dass die Situation noch komplizierter als erwartet war. Die Personen, die von der Arbeit aus Deutschland zurückkamen, bildeten große Ansammlungen auf der Grenzbrücke. Sie achteten nicht auf Sicherheitsabstände, genau so wenig  wie die vielen Zurückreisenden aus anderen europäischen Ländern. Und das auf einer Brücke mitten im Zentrum unserer beiden Städte!
Viele unserer Einwohner, die das sahen, waren davon sehr besorgt und verängstigt. Deshalb habe ich gemeinsam mit den Bürgermeistern von Kostrzyn, Rzepin, Cybinka, Osno Lubuskie und Gorzyca an den Wojewoden appelliert, die Brücke auch für Grenzpendler zu schließen.
Wir haben darüber nicht vorab mit den Partnern aus Frankfurt gesprochen, weil es unser Problem war, das wir lösen mussten. Das war keine leichte Entscheidung, aber angesichts der bestehenden großen Gefahr in meinen Augen die richtige. Leben und Gesundheit sind die höchsten Werte, die wir schützen müssen.
René Wilke: Wir sind im regelmäßigem Kontakt miteinander. Das ändert aber nichts daran, dass wir für unsere jeweiligen Städte täglich – auch unabhängig voneinander – zahlreiche Entscheidungen treffen müssen. Mindestens ein Mal pro Woche haben wir eine gemeinsame Videokonferenz, teilweise zusammen mit unseren Stellvertretern beziehungsweise Dezernenten.
Tatsächlich hatten wir natürlich Fragen auf dem Herzen, nachdem mein Słubicer Kollege eine resolutere Grenzschließung gefordert hat. Ich verstehe mittlerweile, warum er so entschieden hat. Erfreut bin ich darüber bis heute nicht. Aber das gilt für Mariusz selbst ganz genauso. Das wiederum ist eine große und entscheidende Gemeinsamkeit. Das trägt auch für die Zukunft.
Haben beide Städte überhaupt die Möglichkeit, sich in dieser außergewöhnlichen Lage zu unterstützen?
René Wilke: Natürlich sind die Möglichkeiten begrenzt. Wichtig ist, dass wir im regelmäßigen Kontakt stehen, einander zuhören und versuchen zu verstehen, warum der andere in einzelnen Fragen aufgrund einer unterschiedlichen Lage auf seiner Seite der Oder zu anderen Bewertungen gelangt oder was die Motivation für bestimmte Entscheidungen ist. Das tragen wir dann auch weiter, um gegenseitiges Verständnis zu stärken.
Darüber hinaus suchen wir nach Lösungen für ganz konkrete Probleme. Wir haben zum Beispiel einen Weg gefunden, wie 21 polnische Schüler aus Słubice und Umgebung jetzt an den Abitur­prüfungen am Karl-Liebknecht-Gymnasium in Frankfurt (Oder) teilnehmen können.
Mariusz Olejniczak: Falls Sie finanzielle Hilfen meinen sollten – die Möglichkeit dazu hat unsere Stadt nicht. Polen, die in Deutschland eine Arbeit haben, können diese weiter ausüben, müssen wegen der Corona-Gefahren dafür aber vorerst in Deutschland wohnen bleiben.
Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um hier der deutschen Seite für all die Unterstützung zu danken, die es für die Pendler gibt, die sich für diesen Weg entscheiden. Ich verstehe sehr gut, dass die Situation aller Familien, in denen es Berufspendler gibt, gegenwärtig sehr schwierig ist. Von einigen hab’ ich erfahren, dass sie sehr dankbar sind, derzeit erst mal Kurzarbeitergeld zu erhalten. Und dass sie bereit sind, wieder nach Deutschland zurückzukommen, wenn die Notwendigkeit besteht, und auch dort zu wohnen, um ihre Angehörigen nicht anzustecken.
Natürlich sind die Meinungen in dieser Frage geteilt. Manche Berufspendler sehen kein Problem und der wirtschaftliche Aspekt ist für sie der wichtigste. Natürlich versuchen wir als Stadt auch, im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten unseren örtlichen Unternehmern zu helfen.
Viele Bürger der EU sind enttäuscht vom nationalstaatlichen Agieren ihrer Länder in dieser Situation. Was ist Ihre Meinung dazu? Gibt es in den Hauptstädten zu wenig Verständnis für die vielfältigen Kontakte in der Grenzregion, die ja oft auch als "Europa im Kleinen" bezeichnet werden?
Mariusz Olejniczak: Zweifellos unterscheiden sich unsere Probleme von denen in anderen Regionen Polens und Deutschlands. Schon häufig in der Vergangenheit haben wir deshalb in Gesprächen mit Parlamentariern beider Staaten betont, dass die Grenzregionen eigentlich spezielle rechtliche Reglungen für ihre Zusammenarbeit bräuchten. Doch immer wieder hörten wir, dass dies nicht möglich sei.
Ein globales Problem wie SARS-CoV-2 zeigt uns nun, dass solche Lösungen erforderlich sind. Und zwar nicht nur für die Wirtschaft,  sondern auf zahlreichen weiteren Gebieten, etwa bei Schulen oder im Gesundheitswesen. Ich denke schon, dass man in Berlin und Warschau weiß, wie unser Leben in der Grenzregion  aussieht. Doch die gegenwärtigen Gefahren und auch die Erfahrungen aus anderen Staaten haben zu den jetzigen Maßnahmen geführt.
Rene Wilke:Es ist für mich eine Lehre aus der Corona-Krise, dass wir gemeinsam als Doppelstadt noch mehr dafür tun müssen, in den Hauptstädten Verständnis dafür zu wecken, dass wir ein grenzüberschreitender Verflechtungsraum sind – und dass man, ein wenig zugespitzt formuliert, beide Städte genauso zusammen denken muss wie man ganz selbstverständlich in Berlin das linke und das rechte Spreeufer und in Warschau das rechte und das linke Weichselufer zusammen denkt.
Ich persönlich bin der Meinung, dass uns Covid-19 zeigt: Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Europa, um Probleme, die sich nicht national isolieren lassen, gemeinsam, also europäisch, zu lösen. Das Virus orientiert sich nicht an nationalen Grenzen. Das tun wir Menschen. Aus meiner Sicht macht es keinen Unterschied, ob eine Infektion in Eisenhüttenstadt oder in Słubice auftritt. In beiden Fällen geht es um die Nachverfolgung von Infektionsketten und die Isolierung von Clustern. Grenzen spielen da keine Rolle.
Werfen wir einen Blick voraus: Welche Probleme müssen am dringendsten besprochen werden, wenn die Grenze wieder offen ist?
René Wilke: Wir werden uns einerseits daran setzen, die vor Covid-19 vereinbarten Projekte konsequent umzusetzen, vor allem unseren gemeinsamen Handlungsplan zu realisieren. Andererseits müssen wir die Krise zusammen auswerten. Wir müssen krisenfester werden.
Ich habe die Hoffnung, dass sie uns letztlich noch stärker miteinander verbindet, weil jetzt vielen bewusst wird, wie wertvoll das ist, was wir haben. Und dass es nicht selbstverständlich ist. Und vielleicht auch ganz konkret, wie wir im Gesundheitsbereich stärker zusammenarbeiten können, um uns in Zukunft in Notfallsituationen helfen zu können, anstatt uns abzukapseln. Denn machen wir uns nichts vor: Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass uns so etwas wie Covid-19 nie wieder trifft.
Mariusz Olejniczak:  Als Erstes werden wir wohl über all die Dinge sprechen müssen, die uns derzeit zwar direkt betreffen, auf die wir aber keinen Einfluss haben. Oder darüber, welche Probleme sich aus unseren unterschiedlichen Kompetenzen ergeben.
Wahrscheinlich werden wir aber auch viele Fragen zu besprechen haben, die uns derzeit noch gar nicht bewusst sind. Und die jetzige Situation wird möglicherweise auch dazu führen, dass wir vorsichtiger bei der Bestimmung künftiger Ziele sein werden und dass wir uns auf ganz konkrete Handlungen konzentrieren sollten.

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