Ihr Herz gehört dem Jazz, aber in Deutschland gilt sie nach mehr als 60 Jahren Bühnenerfahrung vor allem als Schlagerstar: Gitte Haenning. Am 2. November wird die in Berlin lebende mehrfach preisgekrönte Künstlerin Stargast beim 34. MOZ-Talk mit Musik im Kleist Forum sein. Nach mehreren Einladungs-Anläufen sagte sie nun prompt zu, zur größten Live Talk-Bühnenshow in Ostdeutschland zu kommen. Begleitet wird sie von zwei exzellenten Musikern am Piano und Kontrabass. Die Hamburger Entertainerin Lilo Wanders und der deutschsprachige Meister im Poetry Slam David Friedrich machen am 2. November dabei die im vergangenen Jahr gemachte Zusage wahr, die im Dezember 2021 wegen der Corona-Pandemie ausgefallene Show, mit einer zusätzlichen Veranstaltung 2022 nachzuholen.

In Deutschland wurde ihr Schlager „Ich heirate Papi“ zum Hit

Gittes Karriere begann als Kinderstar in Dänemark. Ihr Vater, der Liedermacher Otto Johansson, holte die damals Achtjährige auf die Bühne im dänischen Fernsehen, wo sie mit ihm Duette singt. In Deutschland wird ihr Schlager „Ich heirate Papi“ zum Hit. Mit 13 emanzipierte sie sich, sagte dem Vater, sie fände die gemeinsamen Auftritte „nicht mehr geschmackvoll“, und begann eine Solokarriere in Deutschland. Mit „Ich will ‚nen Cowboy als Mann“ gewinnt Gitte 1963 die Schlagerfestspiele in Baden-Baden. Marlene Dietrich gratuliert der 16-jährigen Sängerin. In dieser Zeit wird auch für eine Fernsehshow mit Gitte ein männlicher Partner an ihrer Seite gesucht.
Den übernimmt der damals schon gefeierte Schlagerstar Rex Gildo. Ihr daraus hervorgehender Nummer-Eins-Hit „Vom Stadtpark die Laternen“ hält sich 24 Wochen in den deutschen Charts. Von ihrer Plattenfirma wurde sie mit Rex Gildo zum Traumpaar zusammengespannt, die Illustrierten meldeten bereits die Verlobung. Gildo war in Wirklichkeit schwul, Gitte mit einem Jazzbassisten liiert.

Sie feierte auch als Schauspielerin Erfolge

1973 geht sie beim Grand-Prix in Luxemburg für Deutschland ins Rennen. Sie landet mit ihrem Beitrag „Junger Tag“ auf dem achten Platz. Die Liste ihrer Hits ist lang, unter anderem: „Man muss auch mal Nein sagen können“, „So schön kann doch kein Mann sein“, „Lampenfieber“, „Freu dich bloß nicht zu früh“ ... Bei YouTube findet sich zu Gitte aktuell auch der Eintrag: „Es gab soviel Sehens- und Hörenswertes von Gitte und vor allem wurden die Lieder nicht wie heute vom Publikum überklatscht.“
Doch Gitte hatte nicht nur als Schlagersängerin Erfolge. So spielt Gitte Haenning etwa die Hauptrolle in „Die rote Kappe“, einer dänisch-schwedisch-isländischen Produktion, die bei den Filmfestspielen in Cannes 1967 einen Spezialpreis erhält. In diesem Film hatte sie auch ihren einzigen Nacktauftritt, der für ziemlich viel Wirbel sorgte. Später steht Gitte erneut auf der Bühne: Sie spielt in Shakespeares „Was ihr wollt“ bei den Ruhrfestspielen einen Narr. Doch vor allem widmet sie sich ihrer eigentlichen Leidenschaft – dem Jazz. Ihre Vorbilder sind Ella Fitzgerald und Judy Garland. Udo Lindenberg huldigte Gitte mal als „Bluesröhre“ und „grandiose Jazz-Sängerin“.

Vor allem für jüngere Frauen ein Vorbild, eine Gallionsfigur

Nicht alle Fans trugen ihre musikalischen Trends mit. Ihr Jazz-Gesang erschien ihnen wie eine Rebellion. In einem Interview sagte die vielseitige Künstlerin dazu mal: „Ich muss klug genug sein, die Menschen immer wieder zu überraschen und mitzuziehen.“ Sie ergänzt jedoch selbstbewusst: „Wenn man sich zu sehr vom Publikum leiten lässt, verliert man sich selber.“ Sie selbst sah sich während ihrer langen Karriere mehrfach am Boden. Dennoch wollten ihre Fans sie immer wieder hören. „Ich glaube, ich hatte und habe den Menschen etwas zu geben, das weit über die Musik hinausgeht. Ich kann Ihnen aber nicht sagen, was es genau ist. Wahrscheinlich ein bestimmtes Gefühl“, sagte sie einmal.
Gitte wurde insbesondere für jüngere Frauen eine Art Vorbild, zu einer Galionsfigur. Vermutlich, weil sie das Leben einfach aufrecht durch gestanden hat („Ich bin stark“, 1982). „Denn ich bin nie mit dem Strom geschwommen“, bekennt sie. Zeitweilig brach sie völlig mit der Musikbranche. Doch die Leute wollen bis heute immer wieder „Ich will ’nen Cowboy als Mann“ von ihr hören. Inzwischen hat sich Gitte mit ihrem größten Hit versöhnt: „Es ist ein Lied mit Persönlichkeit.“
Tickets gibt es im Kleist Forum, Mo.-Fr., 12-17 Uhr, in der Tourist-Information, Mo.-Fr., 9-17 Uhr und Sonnabend, 10-14 Uhr sowie über www.kleistforum.de