Dass so laut gejohlt und mitgesungen wird, passiert beim MOZ-Talk nicht alle Tage. Doch bei der 33. Ausgabe der Live-Bühnentalkshow im Kleist Forum in Frankfurt (Oder) bebte der Saal sowohl zur Eröffnung als auch am Ende der Veranstaltung. Denn als Gojko Mitić singend auf die Bühne trat, gab es für viele im Publikum kein Halten mehr. Es wurde geschunkelt, mitgeklatscht und mitgesungen, als der Schauspieler in seine Vergangenheit als Winnetou abtauchte.

Gojko Mitić will weiter „Indianer“ sagen

1024 Mal habe er die Rolle des Häuptlings übernommen; mehr als er je gedacht hätte, erzählte Mitić auf der Bühne im Gespräch mit dem Moderatorenduo Lilo Wanders und David Friedrich. „Hut ab vor dieser Fantasie, die dieser Mann hatte“, sagte er über Winnetou-Erfinder Karl May. 15 Jahre trat er bei den diesem gewidmeten Festspielen in Bad Segeberg auf, doch irgendwann sei einfach Schluss gewesen – „ich warte nicht, bis man mich mit einem Kran aufs Pferd hieven muss“, sagte der 82-Jährige. Schnell drehte sich das Gespräch von Erzählungen seiner Studienzeit in Belgrad und seinem Deutschunterricht in der Schule hin zur aktuellen Debatte rund um die Winnetou-Bücher.
Gojko Mitić sang und äußerte sich zur aktuellen Winnetou-Debatte.
Gojko Mitić sang und äußerte sich zur aktuellen Winnetou-Debatte.
© Foto: Rene Matschkowiak
Er wolle weiter „Indianer“ sagen, so der Schauspieler. Auch Entertainerin Lilo Wanders ließ die Anführungszeichen, die sie anfänglich in die Luft malte, bald weg. Der Vorschlag von David Friedrich, den Begriff „indigene Völker“ zu verwenden, traf nicht auf Zustimmung – das würde laut Mitić verwirren und den Ureinwohnern Nordamerikas nicht helfen. Der Poetry-Slammer, der seit einem Jahr mit Lilo Wanders moderiert, unterstrich selbst, dass „die Debatte total überhitzt“ sei, und dass es anders als oft propagiert nicht verboten werde, bestimmte Ausdrücke zu verwenden. Aber dass man sich überlegen sollte, ob sich einige betroffene Menschen damit womöglich unwohl fühlten.

„Anti-deutsche Propaganda“ gehöre zum Selbstverständnis der PiS-Regierung in Polen

Reizthemen sprachen auch weitere Gäste an. Die Journalisten und langjährigen Freunde Adam Krzemiński von der polnischen Wochenzeitung „Polityka“ und Dietrich Schröder, 30 Jahre lang für Themen der deutsch-polnischen Nachbarschaft bei der Märkischen Oderzeitung zuständig, sprachen über die Beziehungen zwischen den beiden Nachbarländern. „Diese anti-deutsche Propaganda, das zieht nicht“, kommentierte Krzemiński die Versuche der PiS-Regierung in Warschau Stimmung gegen Deutschland zu machen. Es sei das Fundament „ihres antiquierten Selbstverständnisses“, erklärte er, warum die polnische Regierung immer wieder gegen Berlin schieße.
Seit drei Jahrzehnten Kollegen und Freunde: Adam Krzemiński, Journalist der "Polityka", und Dietrich Schröder, ehemaliger Redakteur für deutsch-polnische Nachbarschaft bei der Märkischen Oderzeitung.
Seit drei Jahrzehnten Kollegen und Freunde: Adam Krzemiński, Journalist der „Polityka“, und Dietrich Schröder, ehemaliger Redakteur für deutsch-polnische Nachbarschaft bei der Märkischen Oderzeitung.
© Foto: Rene Matschkowiak
Mit dem Moderatoren-Duo sprachen die beiden Journalisten aber auch darüber, wie sehr die Bevölkerungen der beiden Nachbarländer in den vergangenen 30 Jahren aneinander gerückt seien, vor allem, weil über gemeinsame Traumata und Erlebnisse endlich gesprochen worden sei, erklärte Dietrich Schröder. Sein polnischer Kollege appellierte aber auch an die derzeit politisch Verantwortlichen, gemeinsame Interessen zu finden, um die Zukunft der deutsch-polnischen Nachbarschaft zu sichern.
Zum 30. Mal war die MOZ-Talk-Showband mit Thomas Strauch, Jacek Fałdyna und Søren Gundermann dabei.
Zum 30. Mal war die MOZ-Talk-Showband mit Thomas Strauch, Jacek Fałdyna und Søren Gundermann dabei.
© Foto: Rene Matschkowiak

Für Kevin Kühnert haben Osttermine Vorrang

Dass es nicht immer einfach ist, seine Interessen durchzusetzen, weiß auch Kevin Kühnert. Lange Zeit das Enfant terrible der SPD, kam der Generalsekretär der SPD mit dem Regionalexpress aus Berlin zum MOZ-Talk nach Frankfurt (Oder). Lilo Wanders zeigte sich entsetzt – „weil diese Strecke berüchtigt ist“, spielte sie auf Zugausfälle und Verspätungen beim RE1 an. Doch Kühnert kam pünktlich zum zweiten Teil der Show.
SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert erzählte aus seinem Privatleben.
SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert erzählte aus seinem Privatleben.
© Foto: Rene Matschkowiak
Die Moderatoren versuchten dem Politiker aus der Nase zu kitzeln, ob er nach seiner steilen Karriere nun Ambitionen auf das Kanzleramt habe. Mit 33 Jahren habe er schon viel erreicht und es sein ein „Privileg“ für ihn, versuchte Kühnert sich um eine Antwort zu drücken. Seiner Meinung nach trete niemand in eine Partei ein, mit dem Ziel, Bundeskanzler zu werden – „und wenn doch, dann ist es wahrscheinlich für alle besser, wenn eine Person mit so einem Selbstbewusstsein es nicht wird“, sagte Kühnert. Seinen Respekt zollte er allerdings einer Person, die diese Position lange innehatte (Angela Merkel). Und appellierte an alle, dass man sich trotz unterschiedlicher Parteizugehörigkeit auf Respekt vor den oft lebenslangen Folgen für Personen, die sich für politische Ämter entscheiden, einigen könne.
Eine Antwort auf die Kanzler-Frage gab es nicht, dafür Einblicke in das Privatleben des Bundestagsabgeordneten, der weiter in seiner WG in Berlin-Schöneberg lebt. Die aktuellen Sorgen der Menschen um Preissteigerungen und Inflation könne er zwar nachempfinden, „trotzdem muss ich mir eingestehen, dass ich das durch eine andere Brille sehe.“ Umso wichtiger sei es für ihn, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, sagte Kühnert. Er habe eine Spielregel: „Osttermine haben Vorrang“, erklärte der SPD-Politiker. Er zwinge sich aus seiner Blase zu kommen, und sich selber mit den Realitäten stärker zu konfrontieren. Das tat Kühnert dann übrigens auch nach dem MOZ-Talk, wo er bis kurz vor Mitternacht bei der Aftershowparty blieb, um Gespräche mit Frankfurtern zu führen. Für die Region sei diese Veranstaltung ein Highlight. Ein drei Stunden Programm mit Tiefgang und Vielfalt – der MOZ-Talk öffne damit ein Fenster zur Welt, schrieb Kühnert seinen Mitarbeitern im Willy-Brandt-Haus noch am Abend.

Giovanni Weiss wird von Django Reinhardt zu seinem eigenen Gypsy Jazz inspiriert

Wie bei jedem MOZ-Talk zog sich die Musik durch den Abend. Zum dreißigsten Mal war die MOZ-Talk-Showband dabei und begrüßte gewohnt gekonnt die Gäste mit einem ausgewählten Jingle – Giovanni Weiss, der bereits zwei Echo-Jazz-Auszeichnungen für seine Künste an der Jazz-Gitarre erhalten hat, wollte am liebsten gleich mitmachen.

Frankfurt (Oder)

„Ich glaube, man wird als Jazz-Musiker geboren“, sagte er, der im Alter von vier Jahren seine erste Gitarre bekam, bevor er nach einer kurzen Plauderrunde mit dem Moderatoren-Duo dann sein Können demonstrierte. Die Finger flogen über den Gitarrenhals, das Publikum lauschte fast wie verzaubert dem individuellen Jazz-Stil. Denn Giovanni Weiss will „als Botschafter die Musik weitertragen“, den Gypsy Jazz, den Django Reinhardt geprägt hat, zeigte aber seine eigene Version mit Giorgi Kidnadze am Kontrabass.
Giovanni Weiss und Giorgi Kiknadze zeigten ihre Version des Gypsy Jazz.
Giovanni Weiss und Giorgi Kiknadze zeigten ihre Version des Gypsy Jazz.
© Foto: Rene Matschkowiak

Angelika Mann besiegte Brustkrebs

Respekt habe sie vor Kevin Kühnert, sagte Angelika Mann gleich zu Anfang, als sie auf die Bühne im Kleist Forum kam. Die SPD sei zwar nicht ihre Partei, aber sie sei beeindruckt von einem jungen Mann, der so reden könne. Die Schauspielerin und Sängerin war gerührt ob des langen Applaus, mit dem das Publikum sie begrüßte. Denn dass die 73-Jährige jüngst an Brustkrebs erkrankte und ihn besiegte, ist mittlerweile öffentlich bekannt. „Ich hab gar keine Zeit dafür“, habe sie bei der Diagnose gesagt. „Dann habe ich alles gemacht, was meine Ärztin gesagt hat und nun sitze ich hier“, fügte die „Lütte“ hinzu. Der Spitzname werde bestimmt auch mal auf ihrem Grabstein stehen, fügte sie hinzu. Doch ans Aufgeben habe sie nie gedacht, sagte Angelika Mann. „Obwohl es ist ein bisschen spooky, ich weiß jetzt, wie‘s geht“, sagte sie. Denn in ihrem aktuellen Theaterstück sterbe sie im ersten Akt und kehre im zweiten als Engel zurück, erklärte sie mit einem Augenzwinkern.
Hatte sichtlich viel Spaß: Angelika Mann sprach über ihre Brustkrebserkrankung und wie ihr das Theaterspielen half.
Hatte sichtlich viel Spaß: Angelika Mann sprach über ihre Brustkrebserkrankung und wie ihr das Theaterspielen half.
© Foto: Rene Matschkowiak
Trotz des ernsten Themas sorgte sie mit ihrer abgebrühten Art für viele Lacher im Publikum. Ihre kurzen Haare gefielen ihr, besser als „die Perücke, das krabbelt so. Das verstehst du bestimmt“, sagte sie an Lilo Wanders gewandt, die die indirekte Frage gekonnt, aber schmunzelnd ignorierte.
In ihrer Darbietung mit ihrem langjährigen Pianisten Uwe Mattschke verarbeitete sie dann auch einige Erlebnisse der Chemo- und Bestrahlung, trotz derer sie weiter permanent auf den Bühnen der Republik stand. Ein bisschen nervös sei sie dennoch gewesen, vor ihrem Auftritt, gab sie zu. Denn die Stimme sei seit der Erkrankung nicht mehr so, wie sie mal war. „Ich hab ‚ne Stunde Gesangsunterricht genommen – hab ich noch nie gemacht“, erzählte sie im breiten Berliner Dialekt. Doch alle Sorgen waren umsonst – das Publikum dankte ihr mit Standing Ovations und nahm dankbar ihre Zugabe an. „Das war der schönste Abend seit Oktober 2021“, rief sie zum Schluss ins Publikum.
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