Leichtathletik
: Minimalist und Statistik-Freak

Jürgen Holzäpfel erzählt bei einem kurzweiligen Mittwochs-Talk im Kiez über seine Anfänge als Leichtathlet, die schönsten Lauf-Erlebnisse und seine Pläne für die Zukunft.
Von
Hubertus Rößler
Frankfurt
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Jürgen Holzäpfel (rechts) hatte Moderator Uwe Köppen und den Zuhörern im Nachbarschaftstreff "Gute Stube" im Pablo-Neruda-Block viel Interessantes zu erzählen.

Hubertus Rößler

Mit dem Ausdauersport angefangen hat Jürgen Holzäpfel, der in Angermünde geboren und aufgewachsen ist, als Schüler. „Mit Laufen hatte ich eigentlich nicht viel am Hut. Ich war zwar talentiert, hätte aber viel lieber Fußball gespielt – selbst Schach wäre mir lieber gewesen“, erzählt der 62-Jährige, der nach wie vor aktiv ist. Da die schnellsten drei Läufer der Schulmeisterschaften zu den Kreismeisterschaften mussten, sei er mit Absicht Vierter oder Fünfter geworden. „Aus Bequemlichkeit, damit ich nicht so stark ins Schwitzen komme“, gesteht er. „Ich musste allerdings nachrücken, was ich als Elfjähriger gar nicht wollte. Ich habe dann extra falsche Schuhe in meinen Turnbeutel gepackt, um nicht laufen zu müssen. Doch dafür setzte es nur ein paar Backpfeifen und ich musste mit normalen Schuhen auf die Bahn und bin dann aus Wut zum Sieg gerannt.“ Unabhängig davon sei das Schuhwerk zu dieser Zeit nicht das beste gewesen. „Aber die Grundausbildung war damals deutlich besser als heute und die Trainer haben richtig Druck gemacht.“

Nach dem Gewinn der Kreismeisterschaft sei alles sehr schnell gegangen: „Ich wurde gefördert, außerdem hatte ich einen zwei Jahre älteren Trainingspartner, das hat mich zusätzlich angespornt. Meine größte Motivation waren aber Erfolge, ich wollte auf dem Treppchen stehen. Davon abgesehen habe ich immer mit relativ wenig Aufwand viel geschafft, mir ist viel zugefallen“, sagt Holzäpfel. Von den Verantwortlichen wurde der Minimalist als Langstreckenläufer auserkoren. „Spaß hat das Training aber nicht gemacht, daher habe ich auch gerne mal abgekürzt oder mich hinter einem Baum versteckt.“

Bei der Sichtung für die Frankfurter Sportschule fiel er 1971 zwar knapp durch – „Ich hatte viel Verwandtschaft im Westen...“ –, startete dennoch regelmäßig für den ASK Frankfurt. 1973 zog er dann an die Oder, begann eine Ausbildung im Halbleiterwerk. Es folgte eine dreijährige Armeezeit, in der er kaum trainieren konnte. „Damals habe ich mir autodidaktisch viel über Trainings-Methoden angeeignet. Ich hatte viel Zeit zum Lesen und habe sämtliche Fachliteratur studiert. Schon damals galt für mich der Leitspruch: Der Weg ist das Ziel. Was zum Schluss rauskommt, ist egal.“

1986 wurde Jürgen Holzäpfel (Ost-)Berliner Meister über 10 000 Meter, gewann außerdem bei den Kleinen DDR-Meisterschaften für BSG-Sportler acht Medaillen und wurde 1982 DDR-Vizemeister im Berglaufen. Ein Höhepunkt war die WM-Qualifikation für die 10 000 Meter 1983 in Jena. „Da war ich der einzige Amateur unter Profis. Wir sind vor 20 bis 25 000 begeisterten Zuschauern gerannt, das war der Wahnsinn. Ich hatte das Gefühl, ich sprinte und war trotzdem Letzter. Da habe ich schon geschaut, wo das Marathontor ist, damit ich verschwinden kann“, erinnert er sich mit einem Schmunzeln. Doch er holte immer mehr Konkurrenten ein und landete auf Rang 15 von 24 Teilnehmern. „Das war mein schönstes Rennen. Mehr ging nicht, ich musste ja auch arbeiten.“

Beim Marathon von Potsdam nach Berlin ging er 1991 für das Team Brandenburg an den Start. „Ich lief volle Pulle alleine durch Berlin – hinten und vorne kam keiner. Das war das härteste Rennen, das ich je gemacht habe.“ Bald darauf entdeckte er seine Leidenschaft für den Skilanglauf. In seinem ersten Rennen trat er allerdings mit „Schuppen-Ski“ an, mit denen er den Berg nicht nur hoch-, sondern auch runterrennen musste. „Aber mit der richtigen Ausrüstung wurde ich schnell erfolgreicher, auch wenn ich als Flachland-Tiroler nicht die beste Technik habe.“

Mitbegründer des MSV Tripoint

Sein Leben lang trainierte Holzäpfel Nachwuchsathleten, 1992 war er einer der Mitbegründer des Multisportvereins Tripoint. Mit diesem veranstaltet er große Wettkämpfe wie den Helene-Triathlon, Schlaubetal-Triathlon und den Müllroser Seelauf. „Solche Veranstaltungen zu organisieren war früher weniger problematisch. Heute ist das mit Straßensperrungen und so weiter ein riesiger organisatorischer Aufwand. Daher habe ich mich entschlossen, nach dem Helene-Triathlon auch den in Müllrose abzugeben“, berichtet Holzäpfel, der den Staffelstab an Henry Haferkorn weitergibt.

Er selbst möchte sich künftig mehr auf die Organisation des Oder-Spree-Cups konzentrieren und zudem mehr Läufe für Kinder veranstalten. „Außerdem will ich mit Aktionen die Magistrale wieder attraktiver machen“, verrät Jürgen Holzäpfel, der bei seinen Läufen nach Kilometern bereits dreimal die Welt umrundet hat. Die Zuhörer spüren, dass auf seiner vierten Runde noch längst nicht Schluss sein soll.

Der nächste Mittwochs-Talk im Kiez findet am 4. Dezember statt. Zu Gast im Nachbarschaftstreff „Gute Stube“ im Pablo-Neruda-Block 2 ist ab 18 Uhr die Frankfurter Boxer-Familie Köber.