Lesung: Humorvolle Wege übers Land

Signierrunde: Ursula Karusseit kam nach Frankfurt zu einer Lesung und gewann das Publikum mit ihrer direkten Art.
Annegret Krüger (MOZ)Die Karten für die Lesung sind schon lange ausverkauft. Für spätentschlossene Gäste werden dann am Sonntag noch Hochstühle aufgestellt. Das Interesse an der angekündigten Künstlerin ist groß. Und während die Besucher im Keller der gastgebenden Oderhähne schon beim Kaffee sitzen, Käsekuchen und gemeinsames Schwatzen genießen, kommt sie, die bis heute gefragte Schauspielerin, Fernsehliebling, einstiger Theaterstar: die Karusseit. Zwei Nachbarn bringen sie aus ihrem kleinen Wohnort am Wald, südlich von Berlin, einem Teil von Königs Wusterhausen. Ihr Mann sei krank, könne nicht fahren. Da helfe man sich in der Nachbarschaft. Auch die fast 80–Jährige Karusseit erzählt später auf der Bühne kurz über ihr Kranksein, Operationen und die Hoffnungen in Sachen Besserung. Das schränke ein, hat die Bühnenaktivitäten der großen Könnerin beendet, blickt sie zurück und auch ein wenig voraus. Da helfe auch ein Kurzbesuch in der neuen Kaffeteria der Sachsenklinik bei „In aller Freundschaft“ nicht wirklich, gibt sie mit hintergründigem Humor zum Besten und hat, wie in den zwei folgenden Lesestunden, die Lacher auf ihrer Seite.
Und während sich die Nachbarn noch wundern, warum man die Frau mit der unbändigen Lebensfreude immer achtungsvoll „die Karusseit“ nennt und ihr Mann telefonisch beruhigt wird, dass man gut in Frankfurt an der Oder angekommen sei, legt sich die Schauspielerin die Texte zurecht. Ihr Leben wurde in dem Buch „Wege übers Land und durch die Zeiten“, erschienen im Verlag „Das Neue Berlin“, von Hans–Dieter Schütt festgehalten. Die Frau mit der warmen, zum Zuhören zwingenden Stimme liest oder erzählt wohl auch, was man als Zuschauer nicht so genau unterscheiden kann, von ihrer Kindheit in Ostpreußen, der Flucht vor dem Krieg nach Parchim, den gläubigen Eltern und Geschwistern sowie dem musikalischen Familienleben. Und immer wieder geht es um ihren Lebensmut, ihren Weg in Richtung Schauspielerei sowie über die Hürden des Lebens dorthin. Da waren ebenso die Eltern, die solch einen Beruf lange nicht duldeten, warum auch erst einmal eine kaufmännische Lehre absolviert wurde. Über den Umweg des Betriebskabaretts und den zweiten Anlauf an einer Schauspielschule ließ sich der Wille in Richtung Theater dann nicht mehr verhindern, erzählt „die Karusseit“.
Sie spricht auch offen von ihrem Scheitern in Gesellschaftswissenschaften, dem Fastabbruch des Studiums deshalb, aber all dies in einem mit Lebenserfahrung witzig ausleuchtendem, optimistischen Ton, getreu ihrem Lebensmotto: „Wenn die Stange zu hoch ist, dann geh’ drunter durch“. Nicht weniger ehrlich ist sie, als es darum geht, wie sie auch zu DDR–Zeiten es nicht geschafft hat, ihren Beruf als Theaterschauspielerin plus im Fernsehen drehende Mime und Kind immer unter einen Hut zu bringen, wie sie sich Hilfe suchte. Sie erzählt Histörchen von Drehs mit Manfred Krug oder aus der Studienzeit mit Wolf Biermann. Sie singt an diesem Nachmittag Biermannsongs, jedenfalls die, an denen die Mitstudenten Biermanns damals Spaß hatten. „Bei den politischen gingen meist die meisten“, gesteht sie ebenso, wie ihr nicht so inniges Verhältnis zum Liedermacher durch alle Zeiten. Politische Geschichte ist ihre Geschichte und dies in vielen Facetten.
Deutlich wird die erfahrene Bühnendarstellerin, als es um heutiges Theater und Stars geht. Das Wort „Star“ mag sie gar nicht, nicht für sich, nicht damals und heute noch weniger, „wenn dies jeder ist, der einmal vor der Kamera gestanden hat.“ Sie beschreibt: „Ich mag es nicht, irgendwo über vier lange Stunden im Theater zu sitzen, mich zu langweilen. Es gibt kein Bühnenbild bis auf eine Discountertüte vielleicht, selbst die Darsteller haben nichts an.“ Das sei für sie nicht Theater, das etwas vermitteln wolle, sich einmischen will. Es gibt Zwischenapplaus.
Und am Ende gibt es auch die Möglichkeit, Fragen an die Erzählende zu stellen. Die Frankfurter sind nicht zurückhaltend. Die Karusseit spricht vom Spaß, im Theater am Rand dabei zu sein, von ihrem Eingeschränktsein durch Krankheit. Es gibt viel Applaus. Dann wird die Bühne von Autogrammjägern gestürmt, die die Biografie signieren lassen, nachfragen. Das wird so ausgiebig genutzt, dass eine offizielle Verabschiedung schwer wird. Die Nachbarn der Karusseits müssen sich mit der Rückfahrt Richtung des von ihnen allen geliebten Waldes gedulden.