Migration
: Abgeriegelt im Wald hinter Nato-Draht  – so sind Geflüchtete in Wędrzyn bei Frankfurt (Oder) untergebracht

Angesichts steigender Flüchtlingszahlen hat die polnische Grenzpolizei auf einem Militärgelände in Lubuskie ein Flüchtlingslager eingerichtet. In die Einrichtung kommt man weder rein noch raus.
Von
Nancy Waldmann
Wędrzyn
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  • Aufnahmelager der polnischen Grenzpolizei für in Polen aufgegriffene Migranten und Flüchtlinge in Soldatenunterkünften in Wędrzyn, woj. Lubuskie.

    Aufnahmelager der polnischen Grenzpolizei für in Polen aufgegriffene Migranten und Flüchtlinge in Soldatenunterkünften in Wędrzyn, woj. Lubuskie.

    Nancy Waldmann
  • Aufnahmelager der polnischen Grenzpolizei für aufgegriffene Migranten und Flüchtlinge in Soldatenunterkünften in Wędrzyn, Woj. Lubuskie. Das Gelände wird von Gendarmen der Polnischen Armee bewacht.

    Aufnahmelager der polnischen Grenzpolizei für aufgegriffene Migranten und Flüchtlinge in Soldatenunterkünften in Wędrzyn, Woj. Lubuskie. Das Gelände wird von Gendarmen der Polnischen Armee bewacht.

    Nancy Waldmann
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Wędrzyn, gut 50 Kilometer von Frankfurt (Oder) entfernt, ist bekannt für die Panzerbrigade der Polnischen Armee, die südlich der Fernstraße 137 stationiert ist. Hinter einem Betonzaun mit den Initialien der Armee „WP“ sind sanierte Kasernengebäude zu sehen, dahinter beginnt das mehrere Quadratkilometer große Übungsgelände, das nur mit Passierschein zugänglich ist. Nördlich der Straße befinden sich Wohnblocks. Die Wohnungen gehören zur Immobilienagentur der Polnischen Armee. Sie seien hier viel billiger als in der 4 Kilometer entfernten Kreisstadt Sulęcin, erzählt ein älterer Herr vor einem Laden. Selbst war er einst Soldat des Bataillons. Beinah wäre er von hier einmal nach Afghanistan versetzt worden. Doch dann meldeten sich doch genügend Freiwillige zum Einsatz.

In Wędrzyn hat die Flüchtlinge noch niemand gesehen

Seit Anfang September leben in Wędrzyn nicht nur Militärangehörige, sondern auch Flüchtlinge und Migranten, auch aus Afghanistan. Zu Tausenden gelangen sie seit August nach Polen über Belarus, auch wenn Polen versucht, sie durch einen Zaun davon abzuhalten, der im Grenzgebiet unter Ausschluss der Öffentlichkeit gebaut wird. Ein Teil von ihnen schafft es mithilfe von Schleusern bis über die Oder, wo die Aussicht Fuß zu fassen und einen Aufenthaltstitel zu bekommen im Vergleich zu Polen größer ist.

In Wędrzyn hat die Flüchtlinge noch niemand gesehen. Einige zeigen Richtung Norden in die Weite des Truppenübungsgeländes, dort seien wohl Leute untergebracht. „Es gibt sehr wenig Informationen zu dem Thema. Und wenn doch, dann sind die Darstellungen sehr tendenziös“, findet der ältere Herr, der einst Soldat war. Die Flüchtlingsunterkunft wird von der Grenzpolizei betrieben, Journalisten dürften generell nicht auf das Gelände, heißt es aus deren Pressestelle.

Der Bewohner, der sich als Bogdan vorstellt, ist neugierig, wo denn nun die Flüchtlinge leben und macht sich mit der Autorin auf den Weg. Einige hundert Meter in östliche Richtung entlang des Geländezauns führt eine neue Straße in den Wald, zwei Armee-Gendarmeristen halten Wache an einer Baustelle. Sie könnten niemanden durchlassen, sagen sie. Bogdan versucht einen anderen Weg, der mehrere Kilometer durch das Militärgelände, vorbei an einem Übungsstädtchen – kein Posten. Von einem Hügel aus sieht man schließlich gelbe Flachbaracken aus PRL-Zeiten, mit der Aufschrift „Obozowisko“ - Lagerplatz. Bogdan erinnert sich, wie sie dort früher bei Übungen übernachteten.

Eingang zum Militärgelände in Wedrzyn/Lubuskie, nahe Sulecin

Nancy Waldmann

Polen sei den Menschen aus Persien etwas schuldig, findet einer

Durch einen hohen Zaun, verstärkt mit Nato-Drahtrollen, sieht man zwischen zwei Baracken Menschen sitzen oder Fußball spielen. Am Rand des Geländes wachen zwei Uniformierte in einem rotweiß gestreiften Häuschen über sie. Wie Inhaftierte beim Freigang im Gefängnis, und das schockiert den Ex-Soldaten Bogdan. „Eigentlich sind wir den Persern, wie man früher sagte, etwas schuldig. Sie haben schließlich den polnischen Verbänden von General Anders im Zweiten Weltkrieg auf dem Weg nach Westen geholfen“, meint er. Polen sollte also heute den Menschen aus dem Nahen Osten helfen.

Um konkreteres über die im Wald bei Wędrzyn gestrandeten Menschen zu erfahren, bleibt nur, die Grenzpolizei zu fragen. Ein Ausnahmezustand, der wie an der Ostgrenze zu Belarus generell den Zutritt verbiete, gelte hier nicht, aber wegen Covid-19 würden keine Personen von außen in die Unterkunft gelassen, teilt Grenzpolizei-Sprecherin Joanna Konieczniak. Umgekehrt dürfen aber auch die Migranten den Ort nicht verlassen. 317 Personen seien dort aktuell untergebracht. „Keine Flüchtlinge, sondern Ausländer“, betont Konieczniak. Die Menschen kämen aus Irak, Afghanistan, Tadschikistan, Iran. Viele seien über Belarus gereist und dann aus Białystok umverteilt worden.

Illegale Einreisen und illegale Pushbacks an der Ostgrenze

Der Status der Leute ist unterschiedlich. Einige hätten einen Asylantrag gestellt und warteten auf die Entscheidung vom Amt für Ausländerangelegenheiten. Andere sollen abgeschoben werde. Bei manchen fehlten Dokumente. Es laufen auch Verfahren wegen illegalem Grenzübertritts. Dafür drohen bis zu drei Jahren Gefängnis. Doch diese Strafe würde kaum verhängt, sagt eine Mitarbeiterin der Grenzpolizei.

„Die Leute werden nicht bestraft und im Gegenzug erlaubt sich die Grenzpolizei illegale Pushbacks im Grenzstreifen zu Belarus. Viele Leute versuchen mehrmals über die Grenze zu kommen“, sagt Agnieszka Chyrc aus Zielona Góra, die sich im Verein „Institut für Gleichberechtigung“ engagiert. Immer wieder sickern aus dem abgeriegelten Grenzstreifen zu Belarus Informationen durch, dass aufgegriffene Menschen, auch Familien mit kleinen Kindern, von der Grenzpolizei einfach irgendwo im Wald auf belarusischer Seite ausgesetzt werden, statt sie in ein Aufnahmelager zu bringen und die Möglichkeit auf ein Asylverfahren zu lassen. Freilich wollen nicht alle in Polen einen Antrag stellen, weil es kaum Bleibeaussichten gibt. Mehrmals wurde auch berichtet, dass Tote im Grenzgebiet zu Belarus aufgefunden wurden.

Demonstration vor der Grenzpolizei in Zielona Góra

Die Behandlung der Migranten empört derzeit viele Polen. Agnieszka Chyrc hat vergangene Woche vor dem Sitz der Grenzpolizei in Zielona Góra mit Dutzenden anderen demonstriert, um zu fordern, dass sich die polnischen Behörden an geltende Verfahren halten. Sie wollte auch Sachspenden sammeln und zu Flüchtlingsunterkünften bringen. Doch überall, auch in Wędrzyn, wurde sie abgewimmelt. Es fehle nichts, bekam sie zu hören.

Anwälte und Hilfsorganisationen haben keinen Zutritt zu den Baracken in Wędrzyn. Es gibt Internet in den Baracken, Leute hätten online Zugang zu Rechtsbeistand, so die Grenzpolizei. Agnieszka Chyrc bezweifelt, dass auf diese Weise Unterstützung ankommt. Die Aufnahmekapazitäten in Wędrzyn sollen auf 800 Plätze vergrößert werden.