MOZ-Talk in Frankfurt: Stern Meißen mit Zugabe, Erotikstar mit ungewöhnlicher Laufbahn

Das Publikum beim MOZ-Talk wollte Stern Meißen beim MOZ-Talk nicht ohne Zugabe gehen lassen.
Winfried MausolfLilo Wanders trug diesmal Schwarz – nicht wegen Silvio Berlusconi, sondern aus Trauer um Tina Turner. Sie habe die Sängerin verehrt, bekannte die Moderatorin am Dienstagabend (13.6.) dem Publikum im voll besetzten großen Saal des Kleist Forum in Frankfurt (Oder). Etwa 500 Zuschauer erlebten beim 37. MOZ-Talk mit Musik einen Mix aus großen Gefühlen, von prickelnder Erotik und abgrundtiefer Kriminalität bis hin zu begeisterndem Ostrock.
Dabei begann alles mit Wissenschaft und Forschung, einem eher sachlichen Metier. Denn als erste bat Co-Moderator David Friedrich Anja Bölicke auf die anthrazitfarbene MOZ-Talk-Couch. Sören Gundermann aus der MOZ-Talk-Band begleitete die Geschäftsführerin der Silicon Radar GmbH aus Frankfurt (Oder) mit dem Titel „Der Klang der Zukunft“ auf die Bühne. Denn genau dafür steht das Unternehmen – für Zukunft.
Silicon Radar – mit Amerikanern in einer höheren Liga
Die 2010 aus dem Leibnitz-Institut für innovative Mikroelektronik (IHP) ausgegründete Firma entwickelt Radar-Lösungen auf Chips in Daumennagel-Größe für die verschiedensten Bereiche des Lebens. Ob zur Überwachung von Frühchen im Inkubator, von Parkplätzen und Bienenvölkern oder Lösungen zur Optimierung von Abschlägen beim Golf-Spiel – es gebe immer neue Anwendungsgebiete, schilderte Anja Bölicke auf der MOZ-Couch.

Sie gestaltet Zukunft mit: Anja Bölicke, Geschäftsführerin der Silicon Radar GmbH aus Frankfurt (Oder), stellte sich beim MOZ-Talk den Fragen von Moderator David Friedrich.
Winfried MausolfDie Übernahme durch die US-amerikanische Firma indie Semiconductor sieht die Frankfurterin als Chance: „Wir spielen plötzlich in einer anderen Liga“, erklärte sie. Die Amerikaner wollten, „den Standort Frankfurt (Oder) ausbauen, er soll schnell wachsen“. Mit den neuen Gesellschaftern werde Silicon radar vor allem die Zukunft des autonomen Fahrens mitgestalten, erklärte Anja Bölicke. Was Lilo Wanders zum vom Publikum mit viel Beifall bedachten Fazit brachte: „Da habt ihr für eine Aufwertung von Frankfurt (Oder) gesorgt.“
Der Star-Fotograf und sein „dunkles Geheimnis“
Den nächsten Gast kündigte die Hamburger Entertainerin als ihren „besten Freund“ an: Michael Reh, in Dortmund geboren und heute in Miami lebend, war Model, schminkte und stylte Stars – und fotografierte viele von ihnen später. Einige Motive des Star-Fotografen, darunter US-Schauspielerin Pamela Anderson, flimmerten am Mittwochabend über die Video-Leinwand auf der MOZ-Talk-Bühne.

Der in Miami lebende Modefotograf Michael Reh im Gespräch mit Lilo Wanders.
Winfried MausolfDoch Michael Reh, den Lilo Wanders als „süßen 18-jährigen Zivildienstleistenden“ kennengelernt hatte und der inzwischen 60 Jahre alt ist, lag ein anderes, sehr ernstes Thema ganz besonders am Herzen: der sexuelle Missbrauch von Kindern.
Für ihn sei es lange sein „dunkles Geheimnis“ gewesen, berichtete Michael Reh auf dem MOZ-Talk-Sofa: Der Sohn „sehr katholischer“ Eltern war als Kind von seiner Tante missbraucht worden. Darauf, dass er von ihr „sehr verstört“ zurückgekommen war, hätten seine Eltern reagiert, indem sie ihn in ein Kinderheim steckten. Lange habe er das Trauma verdrängt. Auch, weil die Tante gedroht hatte, ihn umzubringen, wenn er „etwas erzählt“. Erst Anfang der 90-er Jahre begann er in den USA eine Therapie. Und seit drei Jahren sei er „als Aktivist zu dem Thema unterwegs“, so der Fotograf und Buch-Autor.
Er, der als Fünfjähriger schon „an Körper und Seele vergewaltigt“ worden ist, will Eltern, Erzieher und die Öffentlichkeit für die Problematik sensibilisieren. Es gehe letztlich um Kinderschutz, erklärte Michael Reh unter spontanem Beifall des Publikums.

Der MOZ-Talk am Dienstagabend (13.06.) im Kleist Forum war restlos ausverkauft.
Winfried MausolfDann schwenkte das Gespräch noch einmal zu den Promis im Leben des Star-Fotografen, als Lilo Wanders ihn nach „dem nächtlichen Anruf von Marlene Dietrich“ fragte. Die Schauspielerin habe ihn wegen ihres Engagements gegen die Nazis fasziniert, er schrieb seine Semesterarbeit in Literaturwissenschaft über sie, erklärte Reh – und verwies auf sein nächstes Buch dazu.
Lilo Wanders: Ich rauche gern, bevor ich Sex habe
Zu Reggae-Musik von Bob Marley und Lilo Wanders‘ Bekenntnis, „ich rauche gern, bevor ich Sex habe“, betrat dann Deutschlands bekanntester Amtsrichter die Talk-Bühne – Andreas Müller aus Bernau. Gewohnt impulsiv und streitlustig erklärte der Kämpfer für die Legalisierung des Cannabis-Konsums, warum er dessen Verbot für verfassungswidrig hält: Dass Cannabis die Einstiegsdroge sei, wie häufig behauptet, sei nicht bewiesen – der medizinische Nutzen hingegen schon.

David Friedrich mit Amtsrichter Andreas Müller, der sich beim Thema Cannabis in Rage redete.
Winfried MausolfVon David Friedrich auf den Gesetzentwurf zur Legalisierung des Cannabis-Konsums angesprochen, der nach der Sommerpause in den Bundestag kommen soll, erklärte der Richter: „Ich glaube nicht, dass unser Gesetzgeber das wirklich in die Reihe kriegt.“ Die „deutsche Regulierungswut“ werde die Handhabbarkeit verhindern – „die Verbesserung des Jugend-Strafrechts kriegen sie ja auch nicht hin“, zog Andreas Müller den Bogen zu seinem zweiten Thema. Für seine Forderung nach schnellen Verfahren für jugendliche Intensivtäter und mehr Prävention, gegen „sinnlose Verbote“ erntete der Richter Szenen-Applaus.
Richter Andreas Müller: „Ich kann aus allen kleine Straftäter machen.“
Regelrecht lustig wurde es, als Müller den Gästen im Saal, die er zuvor nach eigenen Verfehlungen in der Jugend gefragt hatte, erklärte: „Ich kann aus Ihnen allen kleine Straftäter machen“ und bekannte: „Ich war selbst auch einer.“
Nach der Pause sorgte David Friedrich selbst für eine Premiere. Begleitet von Sören Gundermann am Flügel, richtete der deutschsprachige Meister im Poetry Slam seine „apokalyptischen Gedanken“ in die Zukunft – und auf die „von grünen Öko-Terroristen“ verursachten Gründe für den Weltuntergang. Zwar hatte David Friedrich eingangs erklärt, der Text sei „zu 95 Prozent ironisch gemeint“. Doch das Publikum verstand und teilte manche seiner zungenfertig-überspitzt vorgetragenen Befürchtungen durchaus.

Poetry-Slamer und MOZ-Talk-Moderator David Friedrich.
Winfried MausolfErotikstar Aische Pervers: Ich habe schon alles gesehen
„Ich habe schon alles gesehen – auch vieles, was ich nicht sehen wollte“, sagte Aische Pervers als nächster Gast auf die Frage von Lilo Wanders, was für sie eigentlich pervers sei? Und ergänzte: „Ihr könnt euch in euren wildesten Träumen nicht vorstellen, was es so alles gibt“, so die einstige Pornodarstellerin mit der ungewöhnlichen Vorgeschichte. Denn Aische Pervers hat Theologie studiert, bevor sie ins Erotikfach wechselte – aus rein monetären Gründen, wie die Berlinerin im tief ausgeschnittenen, kurzen blauen Kleidchen und mit High Heels auf dem MOZ-Sofa bekannte.

Lilo Wanders (l.) im Gespräch mit Erotikdarstellerin Aische Pervers.
Winfried MausolfSie sehe sich als Kunstfigur und verkaufe eine Illusion, erklärte Aische Pervers, die inzwischen vor allem für private Chats per Webcam buchbar ist, und betonte: „Ich möchte nicht, dass jemand meint, so müsse man mit Frauen umgehen.“ Dann entlockte das Moderatoren-Duo ihr noch einige Details. Zum Beispiel über den „Birkenstock-Lover“ und seine Vorliebe für „Fuß-Käse“. Oder den Auto-Raser, der von ihr beschimpft werden wollte.
Zum Höhepunkt im MOZ-Talk der „Sachsen-Dreier“
Nach so viel Frivolem näherte sich die Show ihrem Höhepunkt – mit dem „Sachsen-Dreier“ in Gestalt von Musikern aus Deutschlands dienstältester Rockband Stern Meißen und Lift-Kollege Werther Lohse. Letzterer nahm zunächst gemeinsam mit Martin Schreier und Manuel Schmid auf dem MOZ-Sofa Platz. Auf Einladung von Werther Lohse stimmte das Publikum begeistert in den Gesang von „Wasser und Wein“ ein, bevor sich der zweite Vorhang öffnete und Stern Meißen in voller Besetzung das Kleist Forum rockte: Ob das Lied von der eigenen Bahn im Weltenplan, die von Blitz und Donner begleitete „Sage“ oder der legendäre Kampf um den Südpol – Stern Meißen erzählt in Rockmusik verpackte Geschichten – und begeisterte damit das Frankfurter Publikum auch diesmal. Ohne Zugabe ließ es die Band nicht gehen.

Stern Meißen zum großen Finale beim MOZ-Talk
Winfried MausolfDie After-Show-Party im Foyer mit der MOZ-Talk-Band begann so erst nach 23 Uhr. Der nächste MOZ-Talk findet am 20. September im Kleist Forum statt.

