Stadtlesen: Weg vom Smartphone, rein in andere Welten

Die Schwestern Milena und Paulina haben sich mit Büchern in die Sitzsäcke geworfen.
Nancy WaldmannBeim „Stadtlesen“ geht es genau darum: das Smartphone wegzulegen und sich in ein Buch zu vertiefen, erklärt die „Stadtlesen“-Tourbegleiterin Sylvia Raab vom Veranstalter, der Innovationswerkstatt Salzburg in Österreich. Sie wird drastischer: Man wolle der „Entphantasierung der Gesellschaft“ entgegenwirken. „Viele können sich heute schlecht auf etwas konzentrieren. Wir wollen Leute ermuntern, sich mit einem Buch in andere Welten zu versetzen“, sagt Raab.
Mit ihrem fünfköpfigen Team schafft sie die Gelegenheit dafür: ein "Lesewohnzimmer“, das jede Woche in einer anderen Stadt in Deutschland, Österreich und der Schweiz aufgebaut wird. Immer von Donnerstag bis Sonntag in der warmen Jahreszeit. Vorige Woche war „Stadtlesen“ in Berlin, nächste Woche ist Selb in Franken dran.
Vor elf Jahren begann das Projekt in Österreich. Auf der Internetseite stadtlesen.com kann jeder eine Stadt nominieren. Je mehr Nominierungen für eine Stadt eingehen, desto wahrscheinlicher, dass ein „Stadtlesen“ stattfindet. In Frankfurt hat die Volkshochschule um Carmen Winter die Sache angekurbelt.
Eingerichtet ist das Lesewohnzimmer nun bis Sonntag auf der Nordseite des Brunnenplatzes. Direkt an dem kleinen Fließ sind die Sitzsäcke, Hängematten, Stühle und natürlich Regale mit Büchern platziert. 3000 Titel haben die Salzburger im Gepäck, 12 000 im Lager. Die Bücher kommen aus Kooperationen mit mehr als hundert Verlagen. Als Highlight unter den Buchtiteln zieht Sylvia Raab ein Scherenschnittbuch von „Mary Poppins“ aus dem Regal.
Am Freitagvormittag haben vor allem Kinder das Lesezimmer in Beschlag genommen. Die siebenjährige Milena hatte sich "Dinosaurier in Omas Garten“ geschnappt, ihre kleine Schwester Paulina blätterte im Klassiker „Prinzessin Lillifee“.
Zum Auftakt am Donnerstag organisierten die Salzburger eine Lesung mit dem Schriftsteller Salim Alafenisch, zu der trotz der kühlen Temperaturen um die 50 Zuhörer kamen, manche mit Schlafsäcken. Das übrige Programm überlasse man Akteuren von vor Ort, so Raab. „Zuviele Veranstaltungen sollen es nicht sein, die Leute sollen ja selbst lesen.“ Aber es gibt auch eine kleine Lesebühne. Sie steht allen offen, die aus eigenen Texten vorlesen wollen.
Und wenn Besucher des Lesewohnzimmers doch nur mit ihrem Smartphone herumspielen? „Dann gehen wir auf sie zu und erklären in Ruhe das Prinzip“, sagt Sylvia Raab. Die Leute reagierten darauf positiv. Auch wenn manche das Buch wieder weglegten.
"Stadtlesen" am Brunnenplatz
Am Sonnabend liest um 17 Uhr der Frankfurter Krimi-Autor Sören Bollmann auf der Lesebühne im Lesewohnzimmer am Comicbrunnen vor. Um 18 Uhr ist der polnisch-deutsche Schriftsteller Artur Becker zu Gast. Becker liest aus seinen Büchern "Kosmopolen" und "Drang nach Osten". Bei Regen findet die Lesung in der Großen Scharrnstraße in den Ausstellungsräumen von "Art an der Grenze" statt.⇥nmw
