Bedächtig zieht die Spree am Infiltrationspumpwerk des Wasserwerkes Briesen vorbei, eine zwischen Wald und Wasser gelegene Idylle. Die Wasserentnahme wirkt unscheinbar. Doch 65 bis 85 Prozent des Trinkwassers für rund 65.000 Menschen in Frankfurt, Müllrose, Jacobsdorf und Biegen werden genau hier gewonnen, um es einige Hundert Meter weiter über vier 25 mal 100 Meter große Infiltrationsbecken mit Grundwasser anzureichern. Ohne Spreewasser geht es für die Frankfurter Wasser- und Abwassergesellschaft (FWA) – zurzeit – nicht. Einer der Inhaltsstoffe aber, den der Fluss mit sich führt, wird immer mehr zum Problem: Sulfat.

Der Klimawandel verschärft die Situation zusätzlich

Die Salze der Schwefelsäure gelangen aus dem Lausitzer Braunkohlerevier in die Spree. Sowohl aktive Tagebaue als auch Bergbau-Sanierungsprojeke wie der Cottbusser Ostsee sorgen dafür, dass Sulfate freigesetzt werden. Eine geringe Konzentration gilt als unbedenklich, der Grenzwert für das Trinkwasser aus dem Hahn liegt bei 250 Milligramm je Liter. Die FWA kann den Wert durch Verdünnung mit Grundwasser einhalten. Noch.
Denn die klimatischen Veränderungen verschärfen die Lage. „Das wird zu einem Problem für uns. Wenn weniger Niederschlag fällt, fehlt das Grundwasserdargebot. Der Spreewasseranteil wird höher. Und die Sulfatkonzentration steigt auch, wenn die Spree weniger Wasser führt“, erklärt Anne Silchmüller.

Klage der FWA löst großes Medienecho aus

Die Sprecherin der FWA war zuletzt häufiger im Fernsehen zu sehen. Am 25. August im ZDF-Magazin „Frontal 21“ etwa. Die Klage der FWA gegen die Genehmigung der Flutung des Cottbusser Ostsees – ohne Berücksichtigung der Folgen für die Trinkwasserentnahme – hat großes Medieninteresse geweckt. Das im Mai 2019 angestrengte Eilverfahren ist weiter beim Verwaltungsgericht Cottbus anhängig. Bislang ging es vor allem um Formalien, entschieden ist nichts. Der Fall aber hat Aufmerksamkeit erzeugt, denn er macht deutlich: Bergbau und Klimawandel haben konkrete Folgen für das wichtigste Grundnahrungsmittel von Zehntausenden Verbrauchern.
Seit zwölf Jahren befasst sich die FWA bereits mit dem Problem. Und hat inzwischen auch eine Lösung gefunden. Um unabhängiger vom belasteten Spreewasser zu werden, will die FWA das stillgelegte Wasserwerk Müllrose – das früher das Halbleiterwerk versorgte –  wieder in Betrieb nehmen. Die Sanierung kostet rund 10 Millionen Euro und lässt sich auch deutlich schneller umsetzen als die Erschließung eines komplett neuen Grundwasservorkommens, wie es nahe Kersdorf langfristig angedacht ist.

Bergbauunternehmen sollen die Kosten tragen

„In Müllrose haben wir ein genehmigtes Wasserschutzgebiet und eine wasserrechtliche Erlaubnis“, erklärt Anne Silchmüller. Um das Wasserwerk wieder in Betrieb nehmen zu können, brauche es nur neue Brunnen, Pumpen und eine Überleitung zur Frankfurter Leitung. „Die Planungen für den ersten Bauabschnitt sind abgeschlossen. Doch wir wollen zuerst die Finanzierung klären.“
Ein Vorschlag, der im Raum steht: Energieversorger LEAG und Bergbausanierer LMBV sollen sich mit je 4,5 Millionen Euro, das Land Brandenburg mit 1 Million Euro an den Kosten beteiligen. „Andernfalls müsste die Investition von den Frankfurter Bürgern über die Wasserpreise getragen werden. Und das wäre einfach ungerecht – denn die können ja nichts für den Bergbaufolgeschaden.“ Seit Jahren wird verhandelt – bislang sperren sich die Unternehmen.

Kampagne der Frankfurter-Bürger-Initiative

Tatsächlich ist das Thema inzwischen auch bei den Bürgern angekommen. Die Frankfurter-Bürger-Initiative (FBI) – mit zwei Stadtverordneten im Stadtparlament vertreten – hat eine Kampagne für sauberes und bezahlbares Trinkwasser auf den Weg gebracht. Binnen weniger Wochen kamen 1500 Unterstützerunterschriften zusammen. „Am Ende zahlen die Bürger die Zeche. Und zwar nicht nur über die Gebühren, sondern vielleicht auch mit ihrer Gesundheit“, warnt Rudolf Haas, Vorsitzender der FBI.
Die zu den Freien Wählern gehörende Gruppe hatte am Freitag zu einem Vor-Ort-Termin nach Briesen eingeladen – und fordert eine schnelle Lösung. „Es dauert zwei Jahre, bis das Wasserwerk ertüchtigt ist. Bis dahin kommen wir vielleicht schon in eine Situation, in der bestimmte Bevölkerungsgruppen das Wasser nicht mehr trinken können“, sagt Haas.

Warten auf Ergebnisse der Gefährdungsabschätzung

Die Hoffnungen in Frankfurt ruhen aktuell auf einer Gefährdungsabschätzung der Trinkwassergewinnung in Briesen. In Auftrag gegeben hat das Gutachten das Wirtschaftsministerium. Ein erster Entwurf liegt inzwischen vor. Allerdings muss der Abschlussbericht noch endabgestimmt werden, heißt es von der Pressestelle des Ministeriums. Eine Veröffentlichung sei für Mitte/Ende November geplant.
„Wir wissen jetzt schon, dass wir unter gewissen Bedingungen in rote Bereiche kommen“, erklärt FWA-Geschäftsführer Gerd Weber. Er lobt das Engagement des Wirtschaftsministeriums ausdrücklich. Und setzt darauf, dass mit dem Gutachten und den vielen Unterschriften jetzt endlich Bewegung in die Sache kommt.