Tote Kinder: Ein Frankfurter Trauma
Mindestens zwei Wochen dauert der Abriss in der Thomasiusstraße 16 bis 26 noch, heißt es vom Wohnungsunternehmen Woge Süd. Dann wird im Stadtteil Neuberesinchen für immer auch jener Wohnblock verschwunden sein, in dem sich eines der grausamsten Verbrechen nach der Wende abspielte. Eines, das bis heute wütend macht. Und wie ein Trauma auf Frankfurt (Oder) lastet.
Es war der 26. Juni 1999, ein Sonnabend heute vor 20 Jahren, als Beate Bias aus Polizeikreisen einen Anruf erhielt. „Da hatten sie die beiden Jungen gerade gefunden“, erzählt sie. Beate Bias, heute stellvertretende Chefredakteurin bei der MOZ, arbeitete damals als freie Polizei– und Gerichtsreporterin. In der Montagausgabe des Stadtboten vom 28. Juni 1999 berichtete sie als erste über Kevin und Tobias. Die Brüder, 2 und 3 Jahre alt, verdursteten, nachdem sie von ihrer Mutter, Daniela J., allein im Kinderzimmer in der Thomasiusstraße 25 zurückgelassen worden waren. Zwei Wochen lang. Beate Bias spricht von „unerträglichen Schilderungen“ der Polizeibeamten, die unmittelbar nach dem Fund am Tatort waren. „Die Kinder müssen schlimm ausgesehen haben. Der Flüssigkeitsmangel hat sie zunehmend aggressiv gemacht. Irgendwann haben sie sich aus Verzweiflung selbst gebissen und gekratzt“, sagt sie.
Die Kinder saßen in der Falle
Der Todeskampf dauerte mindestens drei Tage, erklärte eine Gutachterin später vor Gericht. Mitte Juni 1999 hatte Daniela J., damals 23, die Wohnungstür hinter sich und ihrer Überforderung zugezogen, um die Zeit mit ihrem neuen Freund zu verbringen. Die Türklinke zum Kinderzimmer war abgebaut. Den Haustürschlüssel hatte J. von innen stecken lassen. Die Kinder saßen in der Falle, weinten und schrien vor Schmerzen, trommelten gegen die Fenster. Doch niemand wurde auf die Notlage der Kinder aufmerksam. Weder Nachbarn noch die Mutter von Daniela J., die sonst oft ihre Enkel mit betreute, wenn die Tochter mal wieder tage– und nächtelang unterwegs war. Das erste Kind von Daniela J., ein Mädchen, lebte bereits bei den Großeltern. Ein viertes hatte die gelernte Floristin sofort zur Adoption freigegeben.
Die Großeltern waren es auch, die am 26. Juni 1999 die beiden Leichen der Kinder entdeckten, zusammengekauert und verdurstet zwischen Müll und Möbeln.
Auf die erste Presseveröffentlichung im Frankfurter Stadtboten folgte ein bundesweites Medienecho. Es war verheerend. Auch für die Stadt selbst. „Die Plattenbauviertel in Frankfurt wurden zu einem Synonym für sozialen Abstieg und Verrohung“, sagt Beate Bias. In den Tagen darauf sprach sie mit vielen aufgebrachten, in Tränen aufgelösten Anwohnern. Wut und Fassungslosigkeit waren groß. Auch Vorwürfe gegen das Jugendamt wurden laut. Von Nachbarn, die die Kinder in den Abendstunden verwahrlost im Buddelkasten hatten sitzen sehen und erklärten, dies den städtischen Behörden gemeldet zu haben. Hätte die Tragödie verhindert werden können?
„Es gab keinerlei Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung“, betont Jens–Marcel Ullrich. Der SPD–Sozialbeigeordnete war 1999 noch nicht im Rathaus tätig. Jugendamtsleiterin Cornelia Scheplitz, die sich und die Behörde damals gegenüber der Öffentlichkeit verteidigen musste, will sich nicht mehr in der Presse zu dem Thema äußern. Der Tod der beiden Kinder wühlt bis heute auf. „Die Mitarbeiter haben Jahre gebraucht, um den Fall aufzuarbeiten. Das ist mir beim Studium der Akten bewusst geworden“, sagt Ullrich. Die Amtsmitarbeiter wurden später von einer Mitschuld freigesprochen. Dafür allerdings hätten sich die Medien in den Monaten und Jahren danach nicht mehr interessiert, kritisiert er. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt hatte zwar ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der unterlassenen Hilfeleistung eingeleitet. Doch das wurde fast zwei Jahre später, am 7. Mai 2001, ergebnislos eingestellt.
Tatsächlich suchten Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) — nach dem Anruf eines Mieters — bereits ab September 1997 die Mutter mehrmals auf. „Alarmierende oder beunruhigende Zustände konnten dabei nicht festgestellt werden. Der Kindesmutter wurde ein Angebot auf Unterstützung durch das Jugendamt gemacht, welches sie jedoch nicht annehmen wollte“, erklärte Cornelia Scheplitz dazu Anfang Juli 1999 in einer Stellungnahme. Daniela J. habe auf ihre Mutter verwiesen, die ihrerseits zusicherte, der Tochter beiseite stehen zu wollen. Weitere Hausbesuche folgten, bei einigen war Daniela J. nicht anzutreffen. Doch Anzeichen für eine Kindeswohlgefährdung habe es nicht gegeben, auch keine neuen Hinweise von Anwohnern, stellte die Behörde später klar. „Nach alldem bestand für das Jugendamt keine Veranlassung, auf behördlichem Wege gegen den Willen von Daniela J. in das Familienleben einzugreifen“, hieß es daher 2001 von der Staatsanwaltschaft.
Dennoch zog das Jugendamt Schlussfolgerungen aus dem Fall, gründete unter anderem die AG Kinderschutz. Der Zusammenschluss verschiedener Einrichtungen — vom Jugend– und Sozialamt über das Familiengericht bis hin zur Opferberatung — tagt seit 2008 regelmäßig. Auch das städtische Kinderschutzkonzept wurde fortgeschrieben. Es gibt den Babybesuchsdienst, eine Familienhebamme, Vereinbarungen zum Kinderschutz mit Sportvereinen und allen Trägern der Jugendhilfe, und vieles mehr. „Der Präventionsgrad ist heute höher als 1999“, sagt Jens–Marcel Ullrich. Dennoch hält er fest: „Eine hundertprozentige Sicherheit kann es nicht geben“. Auch damals hätten rückblickend aus seiner Sicht ausreichend Hilfen bereit gestanden. Allerdings dürfe der Staat die persönliche Verantwortung des Einzelnen auch nicht in Gänze ersetzen, erklärt er.
2004 arbeitete Regisseurin Aelrun Goette die Geschehnisse in einem sehenswerten Dokumentarfilm auf. Der Titel: "Die Kinder sind tot“. Viele Beteiligte kommen darin zu Wort. Neben der Täterin und ihrer Mutter auch Anwohner. Kita–Leiterin Karin Muchajer aus Neuberesinchen hat den Film damals im Kino gesehen. „Das Allerschlimmste war für mich, dass sich Nachbarn hingestellt haben und meinten: Na, die Kinder haben wir doch den ganzen Tag schreien hören.“ Doch genauer hingeschaut oder Hilfe angeboten habe keiner, sagt sie.
Seit 1993 arbeitet Karin Muchajer in der Kita Spatzenhaus mitten im Kiez. „Seitdem hat sich der früher modernste Stadtteil völlig verändert. Wer es sich leisten konnte, zog weg. Neuberesinchen wurde zu einem sozialen Brennpunkt“, erinnert sie sich. Damit habe sich auch die Elternschaft gewandelt — Daniela J. gehörte nicht dazu. Kevin und Tobias gingen nicht in die Kita. Mit dem Abriss Tausender Wohnungen hat das Quartier mittlerweile den nächsten Umbruch hinter sich. An der Überforderung in vielen Familien habe sich trotzdem nicht viel verändert. Im Gegenteil, so Karin Muchajer, die auch Linken–Stadtverordnete ist. „Von Eltern wird heute Hochleistung erwartet. Dabei sind in den vergangenen Jahren auch viele Stützsysteme und soziale Netze weggebrochen, beispielsweise Großeltern, die in der Nähe wohnen. Es gibt zunehmend Eltern, die signalisieren: Sie wissen nicht mehr weiter.“ Es sei daher gut, dass es viele Kinder– und Familienhilfen gebe. Allerdings komme es zwischen den verschiedenen Trägern und Einrichtungen „durch den enormen Kostendruck immer weniger zu einem Austausch. Keiner weiß vom anderen. Das macht mir Sorgen. Dabei brauchen wir Hilfen aus einer Hand.“
Später zog der Kindernotdienst ein
In der Stadt werde mit dem Thema Kinderschutz seit 1999 hochsensibel umgegangen. Mitunter zu sensibel, findet sie. Zwar machen Nachbarn heute häufiger auf mögliche Kindeswohlgefährdungen aufmerksam. „Doch bei uns in der Kita ist es nur in wenigen Fällen so, dass ich sage: hier mache ich mir wirklich Sorgen.“ Sie appelliert deshalb an die Frankfurter, mehr mit ihren Nachbarn ins Gespräch zu kommen, auch wenn das schwer falle. „Nur um meine Ruhe zu haben, das Jugendamt anzurufen, kann nicht funktionieren. Dann verschließen sich betroffene Familien noch eher – aus Angst davor, am Pranger zu stehen.“
Im Mai 2000 verurteilte das Frankfurter Landgericht Daniela J. wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe. Das Landgericht Neuruppin bestätigte später das Strafmaß, strich jedoch den Vorwurf der besonderen Schwere der Schuld, was eine Haftentlassung nach 15 Jahren ermöglichte. Nach Frankfurt soll sie seitdem nicht zurückgekehrt sein.
Die Wohnung, in der 1999 Kevin und Tobias qualvoll zu Tode kamen, blieb lange Zeit unbewohnt, heißt es. 2007 zog der Kinder– und Jugendnotdienst in den Aufgang mit der Nummer 25 ein. Ausgerechnet. Doch damit wurde aus dem Plattenbau für mehr als ein Jahrzehnt eine Zufluchtsstätte für Kinder aus Familien in Notsituationen. Inzwischen ist der Notdienst in die Innenstadt gezogen.
Für Kevin und Tobias führte der letzte Weg auf den Frankfurter Hauptfriedhof. Dort liegen beide unter Bäumen, in einem mit weiße Kieselsteinen bedeckten Grab neben anderen verstorbenen Kindern. Die mit viel Grün versehene Ruhestätte wirkt gepflegt.
Sobald der Schutt weggeräumt ist, wird wohl auch in der Thomasiusstraße erst einmal das Grün auf der Abrissfläche wachsen. Die tiefen Narben aber, die der Ort im Juni 1999 in der Stadt hinterlassen hat, werden bleiben.



