Vereinsleben
: Sportvereine als soziale Institution

Den 1. FC Frankfurt und den FC St. Pauli trennen sportlich Welten. Doch es gibt auch viele Parallelen, vor allem im sozialen Bereich.
Von
Hubertus Rößler
Frankfurt (Oder)
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Gute Laune im Kleist Forum: Moderatorin Lilo Wanders befragt Oke Göttlich, Präsident des FC St. Pauli, und Markus Derling, Präsident des 1. FCF, auch zum sozialen Engament der Vereine.

Gerrit Freitag

Über die Rolle und Verantwortung eines Sportvereins sprachen beim MOZ–Talk am Mittwochabend im Kleist Forum die Präsidenten zweier Fußballvereine, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Trotz völlig anderer Voraussetzungen stellten sie dabei viele Gemeinsamkeiten fest.

Markus Derling leitet im siebten Jahr die Geschicke des 1. FC Frankfurt. Der Verein steht derzeit in der Fußball–Brandenburgliga auf Rang 2 und möchte zurück in die Oberliga. Der 1. FCF ist 2012 aus dem FFC Viktoria und MSV Eintracht hervorgegangen und ist Nachfolgeverein des Armeeclubs FC Vorwärts. Neben Derling nahm Oke Göttlich Platz, seit 2014 Präsident des FC St. Pauli. Der Kiez–Club genießt mit seiner alternativen  Fanszene Kultstatus und verkörpert seit Jahrzehnten das Gegenstück zum Fußballkommerz. Momentan steht Pauli auf Rang 4 der 2. Bundesliga und hat trotz zwei deftiger Niederlagen zuletzt noch Chancen auf den Aufstieg ins Fußball–Oberhaus.

Ungeachtet aller Unterschiede ihrer Vereine fanden beide Präsidenten viele gemeinsame Nenner im lockeren Gespräch mit den Moderatorinnen Claudia Seirung und Lilo Wanders. „Natürlich sind das zwei verschiedene Welten. Dennoch gibt es eine gewisse Parallelität: Beide Mannschaften sind gut in die Saison gestartet und  haben zuletzt zweimal verloren“, sagte Markus Derling. Und Bezug nehmend auf das 0:4 der Paulianer im Derby gegen den HSV meinte er mit einem Augenzwinkern: „Unser HSV heißt momentan Seelow. Das Derby gegen unsere Nachbarn haben wir gerade das sechste Mal in Folge verloren.“

Den Unmut einiger Zuschauer zog sich Derling zu, als er erklärte: „Die Stadt Frankfurt ist nicht per se eine Stadt mit Fußball–Tradition“, um dann schnell nachzuschieben: „Dem 1. FC ist es nicht wirklich gelungen, in die Fußstapfen des FC Vorwärts zu finden. Trotzdem hat Frankfurt gezeigt, die Stadt braucht Fußball. Er bringt Menschen zusammen und bringt Emotionalität. Eine Stadt ohne Fußball ist nicht wirklich eine Stadt.“ Von den derzeit 380 Mitgliedern seien fast zwei Drittel Kinder und Jugendliche. „Und das ist auch ein wesentlicher Punkt, warum wir uns für den Fußball engagieren“, sagte Derling.

Dies konnte Oke Göttlich nur unterstreichen. „Es ist herausragend, dass viele Frankfurter Jugend–Mannschaften in höheren Ligen spielen. Davon profitiert später auch die Erste Männer–Mannschaft. Gleichzeitig ist es auch unser Credo, dass wir sozialgesellschaftliches Engagement zeigen und einen Beitrag zum gesellschaftlichen Miteinander leisten“, sagte der 43–Jährige. Markus Derling, der jahrelang als Beigeordneter in der Frankfurter Rathausspitze aktiv war und seit kurzem als Geschäftsführer der Strausberger Wohnungsbaugesellschaft arbeitet, ergänzte: „Dies gilt für alle Sportvereine in der Stadt. Sie sind etwas soziales. Schließlich bringen die ehrenamtlichen Trainer und Betreuer den Kindern nicht nur sportliche Fähigkeiten bei, sondern auch soziales Verhalten.“ Zugleich verwies er auf die Rolle der Vereine in der Doppelstadt. „Sport hat auch ein völkerverständigendes Element. Wir haben nicht nur den ein oder anderen polnischen Spieler, sondern laden zu Turnieren auch Vereine aus Slubice und Umgebung ein. Zudem veranstalten wir seit 29 Jahren ein Benefiz–Turnier, bei dem alle Einnahmen einem guten Zweck zur Verfügung gestellt werden. Der Fußball ist nicht alles und muss auch über den Tellerrand schauen“, erklärte der FCF–Präsident.

Auch Oke Göttlich berichtete vom Engagement des Kiezclubs, das weit über das gewohnte Maß hinausgeht. „Wir haben zum Beispiel eine Anlaufstelle für Menschen mit Depressionen sowie zahlreiche Geflüchteten–Projekte“, zählte er auf. Außerdem hat der FC St. Pauli weltweit als erster Profi–Fußballverein eine Kita in sein Stadion integriert.

Soweit ist es im Frankfurter Stadion der Freundschaft zwar noch nicht – aber es gibt Überlegungen in Richtung eines Schulhortes. Die formalen Voraussetzungen erfüllt der 1. FCF, da der Verein anerkannter Träger der Jugendhilfe ist. „Hintergrund ist, dass wir dreimal im Jahr ein Fußball–Camp veranstalten und dabei im Bereich Betreuung Erfahrung gesammelt haben. Neben dem Training gibt es dort auch eine ganztägige Betreuung der Kinder und Jugendlichen. Daraus entstand die Idee, solch ein nachschulisches Angebot zu verstetigen. Der Bedarf besteht auf alle Fälle“, weiß Derling.