Viadrina: Sommerschule im Corona-Modus – zu verfolgen in der Rathaushalle Frankfurt (Oder)

Stefan Henkel arbeitet aus Frankfurt (Oder) mit 30 Sommerschülern an einem digitalen Schreibtisch namens Miro. Organisiert und gedacht wird in Form eines Netzes - einer Mindmap.
Nancy WaldmannEs ist Tag drei von 14 und der erste, an dem es richtig um Inhalte geht. Überschrieben ist das Viadrinicum in diesem Jahr mit den Schlagworten: (Post)Migration und (Des)Integration. Es geht um Fragen wie: Wann fängt man an und wann hört man auf, ein Migrant zu sein? Brauchen Migranten Migrationsforschung? Was bedeutet es in der Pandemie-Lage, Migrantin oder Migrant zu sein?
Gerade sprechen sogenannte lokalen Experten: Rodica, Forscherin aus Chisinau/Moldawien, über die Politik Rumäniens gegenüber Einwanderern aus dem Nachbarland Moldawien; Gul, Filmemacherin aus Baku, stellt ihre aktuelle Recherche über aserbaidschanische Arbeitsmigranten in der Ukraine in der Coronakrise vor; die Mitarbeiterin eines technischen Museums in Moskau erzählt, wie sie mit Kindern aus Migrantenfamilien arbeitet. Aus Frankfurt (Oder) wird Majeed Behzad vom Brückenplatz über migrantische Selbstorganisation sprechen.
Forschende treffen Praktiker
Die Rolle dieser Experten ist es, die Teilnehmenden der Sommerschule bei ihren Vorhaben zu unterstützen, die sie sich für die zwei Wochen vorgenommen haben. Traditionell kommt beim Viadrinicum eine bunte Mischung zusammen: nicht nur Studierende und Doktoranden, sondern auch Aktivisten, Kunstschaffende, Filmemacher, Architekten, zivilgesellschaftliche Akteure – transsektoral nennt sich das.
Wegen Corona konnten nicht wie sonst Leute aus der halben Welt an die Oder reisen. Stefan Henkel bedauert das gar nicht so sehr – im Gegenteil, er freut sich, dass Covid-19 das Viadrinicum zu unerwarteter Innovation und neuen Formaten getrieben hat, für die es durch die Pandemie auch eine neue Bereitschaft gebe. Nein, es ist nicht so, dass 30 Leute permanent im Video-Chat hängen. Stefan Henkel zeigt mit einem Klick sein Lieblingsprogramm: Miro, eine Art digitaler Schreibtisch, zugänglich für alle Teilnehmenden. In Form einer großen verschlungenen Mindmap, die ständig wächst, werden dort gemeinsam Fragen, Gedanken, Bilder und Links kartiert. Es finden sich Fotos jedes Teilnehmers und Experten mit Notizen, wofür sich wer interessiert und was wer an Wissen und Kompetenzen anzubieten hat. Der Schreibtisch wird diese und nächste Woche live auf eine Leinwand in der Frankfurter Rathaushalle gebeamt – in die aktuelle Ausstellung "Urbane Kommentare“ des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst (BLMK).
Digitale Exponate im Rathaus
„Hybrid“ wäre die Sommerschule nicht, wenn alles rein digital wäre. Es gibt auch einen Präsenzteil, der darin besteht, dass sich die Sommerschüler in Kleingruppen in mehreren Ländern physisch begegnen und zusammenarbeiten. Auch in Frankfurt, wo sich einige aus Deutschland und Polen treffen werden.
Das Ziel des Viadrinicums ist nämlich dasselbe wie 2019: der Öffentlichkeit auch Ergebnisse der Arbeit zu präsentieren – und zwar im BLMK. Bloß, dass die Umsetzung dieses Ziels unter der veränderten Arbeitsweise ein kleiner Hammer ist. Stefan Henkel ist sich darüber im Klaren. „Als am zweiten Tag die BLMK-Kuratorin Linn Kroneck unsere Teilnehmenden per Video durch die aktuelle Ausstellun in der Rathaushalle führte, wussten sie – wir meinen es ernst“, sagt Henkel mit leuchtenden Augen. Bis zum 29. August gilt es, aus der Ferne eine Exposition zu Fragen von Migration und Postmigration zu entwerfen, die im hinteren Teil der Rathaushalle die (analog gehaltenen) „Urbanen Kommentare“ weiterspinnt – notwendigerweise in digitalen, künstlerischen und dokumentarischen Formaten – in Form von Foto, Grafik, Video, Audio, Installation. So wird auch die Ausstellung selbst zum Hybriden.
Das Viadrinicum
Jedes Jahr findet die Sommerschule Viadrinicum an der Europa-Universität Viadrina statt, die vor allem Teilnehmenden bis 35 Jahren aus Ländern der Östlichen Partnerschaft gewidmet ist, mit einem Fokus auf der Ukraine. 2019 drehte sich das Viadrinicum um die "Postsozialistische Stadt", die Teilnehmende auch in Frankfurt (Oder) und Słubice untersuchten. Partner der diesjährigen Edition sind u.a. das Sacharow-Zentrum in Moskau sowie das ZOIS in Berlin. Zur öffentlichen Abschlussveranstaltung in der Rathaushalle am 29. August wird es eine Live-Schalte nach Moskau geben.⇥nmw
