Frau Freninez, was wird es beim Neujahrsempfang zu essen geben?
Sie werden nicht glauben, was die Menschen, die mit der Haltestelle verbunden sind, sich gewünscht haben: etwas aus der Gulaschkanone, einen zünftigen Eintopf. Am Montag, um 12 Uhr, lädt René Nowak 35 Leute in die "Waldschänke" ein. Unser besonderer Neujahrsempfang findet schon seit mindestens sieben Jahren statt, als Dankeschön für alle, die sonst nicht zu Neujahrsempfängen eingeladen werden und für uns, die das ganze Jahr für andere da sind.
Sie und die Ehrenamtlichen in der "Haltestelle" müssen doch sicher auch mal etwas Abstand gewinnen?
Mir hilft, dass ich 62 Kilometer von der Arbeit nach Hause fahre. Da kann ich meine Gedanken sortieren. In den Wintermonaten fahre ich gezielt nicht Autobahn, sondern über die Dörfer und schau mir zum Beispiel die Beleuchtung an. Im Sommer fahre ich oft mit meiner Hündin Jette an Badestellen. Wenn sie dabei ist, sind wir komplett. Ich bin in der Situation, dass ich alleine lebe.
Brauchen auch Sie mal jemanden zum Reden?
Ja, das braucht jeder. Das Schlimmste, das passiert, ist das Alleinsein. Schwester Rafaelis ist dienstags, mittwochs und donnerstags hier und wir reden viel. Allein ihre Ordenstracht bringt innere Ruhe. Was mich sehr bewegt – das bespreche ich mit meiner besten Freundin – ist, wenn Kinder von Obdachlosigkeit betroffen sind. Ich bin gläubig, das hilft mir auch.
Wie reagieren Sie, wenn mal etwas schief läuft?
Dann überlege ich, warum, und schimpfe auch mal mit dem lieben Gott. Die ein oder andere schlaflose Nacht kann auch passieren. Aber manchmal ist es so wie heute: Ich hatte am Vormittag ein Pärchen in der Beratung. Ich musste den beiden sagen, dass ich für sie noch keine Wohnung gefunden habe. Und mittags habe ich dann auf einmal zwei Wohnungsangebote bekommen.
Würde Sie das – ohne Happy End – nicht enorm belasten?
Sie brauchen Abgrenzung. Man muss sich klar sein: Ich kann keine Wunder vollbringen, nur Hilfe suchen. Ich kann eine Unterstützung sein, auf den Weg muss sich die Person allein machen.
Haben Sie einen Tipp, wie man immer so positiv wie Sie bleibt?
Mein Spruch ist: Arbeite ruhig und gediegen, was nicht fertig wird, bleibt liegen. Ich könnte mich pausenlos aufregen, wenn ich die Unterhaltsvorschussstelle nicht erreiche, weil dort erst am Dienstag jemand zu erreichen ist. Aber es bringt nichts, das muss dann liegen bleiben. In anderen Situationen, wie bei dem Paar mit der Wohnung, ist die Lösung dann plötzlich da.

Zur Person


Ingrid Freninez ist 62 Jahre alt und wurde in Eisenhüttenstadt geboren, wo sie auch heute noch zusammen mit ihrer 15-jährigen Hündin Jette lebt. Sie lernte von 1974 bis 76 Mechatronikerin, arbeitete im Halbleiterwerk in Frankfurt und später als Schlosserin im Fleischkombinat Eisenhüttenstadt. Sie hat drei Töchter, geboren 1977, 1979 und 1981. Vor einem Jahr wurde sie Großmutter. Im Mai 2023 wird die Leiterin der "Haltestelle" in Rente gehen und sagt: "Einen Ruhestand ohne Ehrenamt wird es nicht geben." sam