Deutschland-Polen
: 900 Jahre Lebuser Land – was die Region an der Oder vereint

Lebus ist Namensgeber der polnischen Wojwodschaft Lubuskie. In Frankfurt diskutiert man Gemeinsamkeiten der Region rechts und links der Oder.
Von
Nancy Waldmann
Frankfurt (Oder)
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Blick vom polnischen Ufer über den Grenzfluss Oder auf den Ort Lebus nördlich von Frankfurt (Oder).

Blick vom polnischen Ufer über den Grenzfluss Oder auf den Ort Lebus nördlich von Frankfurt (Oder).

Patrick Pleul/picture alliance/dpa
  • Die Region Lebus an der Oder vereint deutsche und polnische Geschichte über 900 Jahre.
  • Iwo Nedzi, ein polnischer Schüler, erforscht die Geschichte des Bistums Lebus.
  • Tomasz Pilarski plant die 775-Jahrfeier von Frankfurt und Słubice.
  • Ausstellung zeigt Bau- und Kunstwerke aus der Ära des Bistums Lebus.
  • Grenzübergreifende Tagung in Frankfurt (Oder) am 12./13. Juni.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Für seine Jahresarbeit in der 8. Klasse der Waldorfschule hat Iwo Nedzi die alte Burg Lebus aus Pappmaché nachgebaut – mit dem Turm, den sie in ihren besten Zeiten hatte. Dort hat Fürst Bolesław Schiefmund vor 900 Jahren das Bistum Lubusz – so heißt Lebus auf polnisch – gegründet, das damit Teil des polnischen Staats wurde. Die Oder war damals keine Grenze, sondern floss mitten durch das Bistum.

Später unterstand Lebus dem Erzbischof von Magdeburg, dann dem Markgrafen von Brandenburg. Die Bischöfe von Lebus mussten mehrmals umziehen. Nach Göritz/ Górzyca – von Lebus aus gesehen oderabwärts auf polnischer Seite, dann wieder nach Westen, an die Spree nach Fürstenwalde.

Während sich seine Mitschüler mit den Germanen oder mit Schafweide befassten, suchte sich der 14-Jährige ein Thema aus, das sonst oft nur ältere Herren interessiert. Weil sich da deutsche und polnische Geschichte „verwächst“, so drückt es Iwo aus. „Ich bin Pole. Ich wollte zeigen, dass Städte wie Słubice oder Breslau früher nicht nur deutsch waren. Meine Lehrer und Mitschüler waren überrascht, die wussten das nicht“, sagt er.

Bistum Lebus

Das Bistum Lebus links und rechts der Oder

Sebastian Schubert

Tomasz Pilarski, Chef im Stadtmarketing Frankfurt (Oder) und Słubicer Gewächs, sieht etwas Multikulturelles in der bis Ende des 16. Jahrhunderts dauernden Ära des Lebuser Bistums, das die Doppelstadt, die er vermarktet, bis heute prägt. Die Anfänge der Oderstadt fallen in diese Zeit. Pilarski hat das im Hinterkopf für seine Pläne zur 775-Jahrfeier, die Frankfurt und Słubice in drei Jahren begehen. „Ich will den piastischen Ursprung des Lebuser Landes ein bisschen entzaubern“, sagt er.

Piastisch? Er spricht von der Herrscherdynastie der Piasten. Sie gründeten vor 1000 Jahren das polnische bzw. polanische Königreich und auch Bolesław, der Bistumsgründer in Lebus, war ein Piast.

Als sich Polen nach dem Zweiten Weltkrieg plötzlich nach Westen bis an die Oder ans Ufer vor Lebus verschob, wo nur Deutsche lebten, zog die polnische Volksrepublik die Piasten zum Beweis heran, dass man auf urpolnische Erde zurückkehrt. Die Erzählung spielt auch heute noch eine Rolle. In Westpolen heißen nach wie vor Sportvereine, Kinos und Biermarken „Piast“. Und die polnische Wojewodschaft östlich der Oder heißt Lubuskie – Lebuser Land. Weil in Lebus zuerst Polen herrschten und auch die Beherrschten Slawen, genauer vom Stamm Leubuzzi, gewesen sein sollen.

Ausstellung zu Schätzen des Bistums Lebus

Bald aber verschafften sich die Brandenburger Markgrafen dort Einfluss, und auch dem böhmischen König unterstand Lebus mal. „Unsere Identität reicht viel weiter, als man uns einzureden versuchte“, blickt Pilarski kritisch auf das polnische Narrativ. Klingt spannend und etwas abstrakt.

Der polnische Waldorfschüle Iwo Nedzi hat die Geschichte des Bistums Lebus erforscht.

Der polnische Waldorfschüler Iwo Nedzi hat die Geschichte des Bistums Lebus erforscht.

Marta Nedzi

Der Meister des Perspektivwechsels auf diese Geschichte war Zbigniew Czarnuch, der legendäre Regionalhistoriker, Netzwerker und deutsch-polnische Beziehungsphilosoph aus Witnica bei Küstrin. Czarnuch verstarb 2024. Aber vorher brachte er noch ein grenzüberschreitendes Vorhaben zum 900-jährigen Jubiläum des Bistums Lebus auf den Weg. „2023 ist er an mich herangetreten wegen einer Ausstellung zu den Architektur- und Kunstobjekten, die aus der Zeit des Bistums noch da sind“, erzählt die Berliner Kunsthistorikerin Agnieszka Lindenhayn-Fiedorowicz. Mit EU-Geldern setzt Lindenhayn-Fiedorowicz nun in die Tat um, was Czarnuch vorschlug.

Angedockt am stadtgeschichtlichen Museum Viadrina in Frankfurt (Oder) arbeitet sie an einer Wanderausstellung, die Bau- und Kunstwerke aus der rund 370 Jahre währenden Zeit des Bistums Lebus zeigen wird – Kirchen, Altare, Leuchter, Wandmalereien. „Die Geschichte des Bistums selbst ist eigentlich gut bearbeitet. Die Kunstgeschichte nicht“, hat sie festgestellt. Das hat viel mit der Grenze zu tun, die Forschungen endeten oft an der Oder.

Große Schätze in kleinen Dorfkirchen auf beiden Seiten der Oder

Der Denkmalbestand ist auf beiden Seiten reichhaltig. Der Fürstenwalder Dom und die Marienkirche in Frankfurt mit erhaltenen Altären und Taufbecken oder die Johanniterkirchen in Słońsk, Sonnenburg, und Łagów, Lagow, mögen vielen bekannt sein. Ungeahnte Schätze sind aber auch in kleinen Dorfkirchen verborgen, die den Zweiten Weltkrieg besser überstanden haben als die größeren Kirchen. Zum Beispiel die Fresken in der Kirche von Sienno, Seefeld, 20 Kilometer hinter Słubice, die Jesus‘ 14 Stationen zum Tod am Kreuz zeigen. Da ist der Altar aus dem 14. Jahrhundert in der Jakobskirche im nahen Ośno, Drossen, oder der Ostgiebel der Kirche in Gronów, Grunow.

Da ist die sensationelle Templerkirche, die plötzlich hinter Bäumen in gotisch-vertikaler Strenge hervorragt, wenn man die Fernstraße 31 durch Quartschen, Chwarszczany, fährt. Bei Google Maps ist sie als „Kaplica“ – Kapelle – markiert.

Ds Kirchenschiff in Chwarszczany

Das mächtige Schiff der gotischen Templerkirche in Chwarszczany. Einst war der kleine Ort in der Wojwodschaft Lubuskie ein bedeutender Verwaltungssitz.

Agnieszka Lindenhayn-Fiedorowoicz​

Kapelle trifft´s ebenso wenig wie Dorfkirche, wenn man das Bauwerk sieht. Auch wenn Chwarszczany ein kleines Nest ist – einst war es Sitz einer Komturei, ein eigener Verwaltungsbezirk, in dem die Templer regierten. Wie die Johanniter spielte dieser Ritterorden eine wichtige Rolle in dem Bistum. Die leuchtende Wandbemalung im Innern bricht die Strenge. Sie ist zwar nicht mehr 100 Prozent original, aber kunsthistorisch trotzdem von besonderem Wert.

Lindenhayn-Fiedorowicz schickt ein Foto: die Fresken stellen unter anderem die zwölf Apostel in hell-leuchtenden Farben und schönen Gewändern dar. In die Kirche reinzukommen und sie mit eigenen Augen anzuschauen, ist aber nicht ganz einfach. Der Schlüssel ist zwar in einem Privathaus nah der Kirche hinterlegt, aber vorher muss man sich die Erlaubnis vom Pfarrer im Nachbarort Sarbinowo holen, lässt Hausherrin wissen.

Unvollständig erfasster Denkmalbestand im Bistum Lebus

So bekommt man eine Ahnung, warum Forscher an ihre Grenzen stoßen und der Denkmalbestand des Bistums Lebus nur unvollständig erfasst ist. Der Schatz ist noch nicht so richtig gehoben. Agnieszka Lindenhayn-Fiedorowicz macht mit dem Ausstellungsprojekt den Anfang. Dabei verknüpft sie das Wissen polnischer und brandenburgischer Regionalhistoriker, die ihr zuarbeiten.

Am 12. und 13. Juni kommen sie in der Frankfurter Marienkirche zu einer Fachtagung zusammen, die offen für Interessierte ist. Auch ein Tagungsband soll erscheinen. „Das Ziel ist, das Bistum Lebus als Kulturlandschaft präsent zu machen. Es gibt eben Dinge, die die Landschaft prägen. Bestimmte Baumaterialien, Bauformen, die Oder als der zentrale Transportweg. Oder Figuren wie die heilige Hedwig und der heilige Adalbert, die auf beiden Seiten der Oder in Szene gesetzt wurden“, erklärt die Berlinerin, die das renommierte Denkmalpflege-Studium in Toruń absolviert hat.

Ausstellung schafft Bewusstsein

Das Bewusstsein für dieses Erbe scheint eher gering, selbst bei Geistlichen. Sogar der Berliner Erzbischof war überrascht, das bis heute ins Berliner Bistumswappen das Wappen des alten Lebuser Bistums integriert ist, als ihm Agnieszka Lindenhayn-Fiedorowicz von ihrem Vorhaben berichtete.

Die Ausstellung wird auf 24 Tafeln Bau- und Kunstwerke in professionellen Fotografien in Szene setzen und dazu Geschichte erzählen. Im kommenden Jahr soll sie in zwölf Orten des historischen Lebuser Landes gezeigt werden. Müncheberg, Górzyca, Sulęcin, Fürstenwalde, natürlich auch Lebus, wo an Architektur und Kunst wenig geblieben ist, dafür der Genius Loci des Burgbergs mit Blick ins polnische und deutsche Odertal. Wenn jetzt noch die Fähre verkehrte, die einst Lebus und Neu-Lebus am anderen Ufer verband.

„Wir wollen einladen, sich auf den Weg zu machen und zu erkunden“, so Lindenhayn-Fiedorowicz. Eine Tourismusroute gibt es bisher nicht. Gut so vielleicht. Auf weniger vorgezeichneten Pfaden zu wandeln, kann viel mehr Spaß machen.

Grenzübergreifende Fachtagung „Kunst und Architektur im Bistum Lebus (1124/25–1598)“ in der Marienkirche Frankfurt (Oder) am 12. und 13. Juni, Informationen: www.frankfurt-oder.de