Geschichte: Stolpersteine zum Gedenken in Domstadt verlegt
Zu sehr hat die Deportation ihres Vaters ins Konzentrationslager Sachsenhausen gezeigt, zu was das nationalsozialistische Regime fähig ist. Gerda Brandt zögert nicht. Sie nimmt im Januar 1939 ein Schiff nach Brasilien und baut sich in Rio de Janeiro eine neue Existenz mit ihrem Mann Sérgio José de Villemor Amaral und ihren zwei Kindern, Wanda und Alfredo, auf – bis sie 2013 mit fast 99 Jahren friedlich im Kreise ihrer Familie stirbt.
„Sie war eine sehr lebhafte Frau, trotz allem, was ihr in Deutschland widerfuhr“, erinnert sich Sérgio de Villemor Amaral. Der Enkel von Gerda Brandt ist mit seiner brasilianischen Familie nach Fürstenwalde gekommen, um bei der Stolpersteinverlegung dabei zu sein. Fünf Mahnmale für Gerda, ihre Eltern und Brüder liegen nun auf dem Weg in der Mühlenstraße 5c. Der Ort, wo einst das Geschäft ihres Vaters, Eugen Brandt, war. Ein glückliches Ende gab es für ihn und seine Frau Rosa nicht. Sie wurden 1943 in Auschwitz ermordet. Grausame Geschichten, die sich nicht wiederholen dürfen, sagt Sérgio. „Die Stolpersteine erinnern uns jeden Tag an unsere Vergangenheit, sodass wir eine besser Zukunft gestalten können“.
Liebevolle Erinnerungen
Die Schrecken der Vergangenheit ließen auch Gerda Brandt nicht los. Darüber gesprochen hat sie aber nie, sagt Enkel João Eduardo de Villemor Amaral. "Sie sprach immer nur liebevoll von ihrer Heimat. Sie erzählte von der Spree, von den leckeren Kirschen im Frühling und von den Besuchen im Familiengarten. Sie wollte in der Familie kein Mitleid oder Schande für Deutschland verursachen. Sie schaute immer nach vorn“, spricht er mit brüchiger Stimme. Auch seiner Frau Patricia geht die Veranstaltung sehr nah. Sie und zahlreiche Schüler aus Fürstenwalde und Briesen, legten zur Anteilnahme weiße Rosen nieder. Mit den Stolpersteinen, so ist die Brasilianerin überzeugt, sei endlich ein Teil von Gerda in ihre Heimat zurückgekehrt.
Weniger erleichternd, vielmehr schmerzhaft fühlt sich die Stolpersteinzeremonie der Familie Eisig für Nachfahrin Rosabella Eisig-Ritter an. Die Münchenerin ist die Großcousine von Heinz Eisig, der 1936 nach Neuseeland flüchtete. Sein Stein und die seiner Eltern sind in der Friedrich-Engels-Straße zu finden. Auch für die Familie haben die Schüler weiße Rosen mitgebracht. Die Blumen sollen auf Wunsch von Rosabella Eisig-Ritter die Vornamen ihrer Verwandten verdecken. „Es gibt sehr viele Eisigs, die in Auschwitz gestorben sind und ich bin sicher, dass die hier Verewigten froh wären, als Vertreter für die ganze Familie zu stehen.“
Organisatorenund Putzpaten
Seit 14 Jahren leiten Gabi Moser von der evangelischen Kirche, Paul-Gerhardt Voget der Samariteranstalten Fürstenwalde und Museumsdirektor Guido Strohfeldt die Aktion Stolpersteine für Fürstenwalde. Bisher wurden 58 Personen bedacht. Sogenannte Putzpaten übernehmen die Pflege. Für die neuen Steine sorgen der Verein SG Gaselan und das Katholische Schulzentrum Bernhardinum. ⇥sle

