Gismo mit dem traurigen Hundeblick scheint die Welt nicht mehr zu verstehen. Der Bernhardiner strahlt Gelassenheit und Ruhe aus. Sein ausgeglichenes Wesen macht ihn zum perfekten Familienhund. Trotz alldem musste Gismo sein Zuhause verlassen und ist nun Pflegling im Tierheim Fürstenwalde. „Aufgrund seiner Größe ist eine Vermittlung schwierig“, sagt Tierheimchefin Christine Matzke.
Eine Frau hat den Bernhardiner als Fundhund abgegeben, was sich einige Zeit später als Lüge entpuppte. Ein Foto von Gismo in den sozialen Medien brachte schnell die Gewissheit, dass der Hund von seinem Frauchen ins Tierheim gebracht wurde. Wollte die Besitzerin die Gebühr, die bei Abgabe eines Hundes fällig ist, sparen? Oder hat die Frau aus Sorge vor weiter steigenden Futter- und Tierarztkosten gehandelt? Die wahren Gründe, sind nicht zu erfahren. Gismo kann auch nichts erzählen.

Große Hunde sind schwer vermittelbar

Auffällig ist: Immer mehr große Hunderassen landen im Tierheim Fürstenwalde. Entweder werden die Hunde ausgesetzt oder vom Besitzer abgegeben. Da ist zum Beispiel der schüchterne und sportliche Windhund Sami. Außerdem gibt es noch den wachsamen Kangal Savage und den ruhigen Rottweiler Fletscher.
Wachsamer Herdenschutzhund: Kangal Savage ist freundlich, aber etwas unsicher. Deshalb braucht er Besitzer, die schon Erfahrung mit der Rasse haben. Am liebsten ist er draußen.
Wachsamer Herdenschutzhund: Kangal Savage ist freundlich, aber etwas unsicher. Deshalb braucht er Besitzer, die schon Erfahrung mit der Rasse haben. Am liebsten ist er draußen.
© Foto: Liesa Wessolleck
„Große Hunde haben kaum eine Chance auf ein neues Zuhause. Sie sind viel kostenintensiver als kleine Rassen. Schon weil sie um ein Drittel mehr Futter brauchen“, sagt Christine Matzke.
Neuer Besitzer mit Hundeerfahrung gesucht: Rottweiler Fletscher geht gern spazieren. Allerdings braucht das Kraftpaket dabei eine starke Hand. Im neuen Zuhause sollten keine Kinder sein.
Neuer Besitzer mit Hundeerfahrung gesucht: Rottweiler Fletscher geht gern spazieren. Allerdings braucht das Kraftpaket dabei eine starke Hand. Im neuen Zuhause sollten keine Kinder sein.
© Foto: Liesa Wessolleck
Aber es hat 2022 auch schon unerwartete Glücksfälle gegeben. So konnte Nova – eine Akita-Ino-Hündin – in ihr neues Zuhause auf der Nordseeinsel Pellworm umziehen. „Die Familie hat ein Bild von Nova gesehen und sich gleich in die Hündin verliebt“, erzählt Christine Matzke.
Von Fürstenwalde zur Nordsee: Die Akita-Inu-Hündin Nova hat Glück gehabt. Sie gehörte einmal einem Obdachlosen, der sich nicht um sie kümmerte. Als Fundhund kam sie schließlich ins Tierheim. Jetzt ist sie zu ihrer neuen Familie auf die Insel Pellrom umgezogen.
Von Fürstenwalde zur Nordsee: Die Akita-Inu-Hündin Nova hat Glück gehabt. Sie gehörte einmal einem Obdachlosen, der sich nicht um sie kümmerte. Als Fundhund kam sie schließlich ins Tierheim. Jetzt ist sie zu ihrer neuen Familie auf die Insel Pellrom umgezogen.
© Foto: Liesa Wessolleck
Auch der 16-jährige Apollo, der am liebsten gekochtes Hühnchen frisst, hat in Nordrhein-Westfalen ein neues Heim gefunden. Seit 2010 wurde der American Staffordshire Terrier im Tierheim betreut – eine Vermittlung war nahezu ausgeschlossen, weil man die Rasse nur in wenigen Bundesländern unter Auflagen halten darf. Der Umzug musste unter vielen Auflagen von den Behörden genehmigt werden.

Pensionsbetrieb ist eingebrochen

Es sind schwere Zeiten für ungewollte Haustiere. Wegen massiv gestiegener Betriebskosten, Mindestlohnerhöhung sowie explodierender Energie-, Futter- und Tierarztkosten blicken Christine Matzke und die anderen Mitarbeiter des Tierheims Fürstenwalde sorgenvoll in die Zukunft. Die einzige Konstante, mit der das Tierheim in diesen Zeiten rechnen kann, sind die Verträge mit einigen Ämtern und Gemeinden aus dem Landkreis Oder-Spree über die Aufnahme von Fundtieren. Bis November sind es 50 Hunde, 69 Katzen und 10 Kleintiere wie Hasen, Meerschweinchen und Vögel gewesen.
Mit Kuschelfell: Zwergkaninchen, Hamster und Meerschweinchen sind gute Einstiegshaustiere für Kinder. Sie brauchen Nagerfutter, Gemüse und Heu.
Mit Kuschelfell: Zwergkaninchen, Hamster und Meerschweinchen sind gute Einstiegshaustiere für Kinder. Sie brauchen Nagerfutter, Gemüse und Heu.
© Foto: Bettina Winkler
Für die ehrenamtliche Aufnahme und Pflege von 228 Wildtieren, darunter 62 Igel, gibt es allerdings keinerlei finanzielle Mittel. Ein weiteres wichtiges Standbein sind die Einnahmen aus der Tierpension, die laut Christine Matzke deutlich gesunken sind. 2020/21 waren die Pensionseinkünfte gleich null.
Putziges Duo: 69 Katzenen waren in diesem Jahr schon Gäste im Tierheim in Fürstenwalde. Die dafür benötigte Katzenstreu ist rar und teuer geworden.
Putziges Duo: 69 Katzenen waren in diesem Jahr schon Gäste im Tierheim in Fürstenwalde. Die dafür benötigte Katzenstreu ist rar und teuer geworden.
© Foto: Bettina Winkler
2022 gab es viele Absagen – immer noch wegen Corona-Infektionen oder Ausfall von geplanten Reisen. Die Futterpreise haben sich laut Matzke mehr als verdoppelt. Strom und Gaskosten ebenfalls. „Wir können da nicht viel einsparen, da die Räume auf mindestens 16 Grad geheizt werden müssen, weil sonst die Gebäude schimmeln“, sagt die Tierheimchefin. Wie teuer die angekündigte Erhöhung bei der tierärztlichen Versorgung der Findlinge zu Buche schlagen wird, ist noch nicht kalkulierbar.
Zwitschernde Pfleglinge: Wellensittiche und andere Ziervögel sind eher die Ausnahme im Tierheim. Dieses Pärchen ist in Fürstenwalde frei herumgeflogen.
Zwitschernde Pfleglinge: Wellensittiche und andere Ziervögel sind eher die Ausnahme im Tierheim. Dieses Pärchen ist in Fürstenwalde frei herumgeflogen.
© Foto: Bettina Winkler
Auch die Spendenbereitschaft der Tierfreunde lässt nach. Sachspenden wie Decken, Leinen und Spielzeug kommen genügend. Was gebraucht wird, sind gutes Feuchtfutter für Hunde und Katzen, Waschpulver, Nagerfutter, Katzenstreu und Suppenhühner, die gekocht, ein willkommenes Festessen für Vierbeiner sind. Geldspenden, die dringend notwendig sind für medizinische Versorgung und Medikamente – viele Findlinge sind krank und müssen erst einmal ärztlich versorgt werden – gehen drastisch zurück.
Schnabel auf: Dieser kleine Waldkauz wurde in der Wildtierstation per Hand gefüttert bis er flugfähig war und alleine jagen konnte. Dann wurde der Greifvogel ausgewildert.
Schnabel auf: Dieser kleine Waldkauz wurde in der Wildtierstation per Hand gefüttert bis er flugfähig war und alleine jagen konnte. Dann wurde der Greifvogel ausgewildert.
© Foto: Bettina Winkler
Um irgendwie über die Runden zu kommen, muss das Tierheim laut Christine Matzke den Preis für einen all-inclusive Aufenthalt in der Tierpension erhöhen. Auch die bisherige einmalige Schutzgebühr bei Abgabe eines Hundes durch persönliche Gründe von rund 400 Euro (je nach Rasse und Größe), soll überdacht werden.
„Wenn zum Beispiel ein großer Hund jahrelang im Tierheim bleibt, weil ihn keiner haben will, sind die Futterkosten bis zu seinem Lebensende für uns enorm“, sagt Matzke. Deshalb ist geplant, dass der Besitzer bei Abgabe statt einmaliger Schutzgebühr bis zur Vermittlung in ein neues Zuhause, eine monatliche Pauschale zu zahlen hat.

Heiligabend zur tierischen Bescherung

Das ehrenamtliche Engagement der Tierfreunde ist weiterhin ungebrochen. Regelmäßig kommen Freiwillige, die mit den Hunden spazieren gehen oder mit Katzen spielen.
Nicht zu vergessen, die Igelpaten, die jedes Jahr winzige Stachelkugeln abholen und dafür sorgen, dass sie unbeschadet über den Winterschlaf kommen.
Brauchen menschliche Hilfe: Kleine Igel werden jedes Jahr im Herbst im Tierheim Fürstenwalde aufgenommen und bis zum Winterschlaf gefüttert. Zahlreiche Igelpaten helfen dabei.
Brauchen menschliche Hilfe: Kleine Igel werden jedes Jahr im Herbst im Tierheim Fürstenwalde aufgenommen und bis zum Winterschlaf gefüttert. Zahlreiche Igelpaten helfen dabei.
© Foto: Bettina Winkler
Ehrenamtler fahren auch die Futter-Spendenboxen bei Kaufland Süd in Fürstenwalde, bei Edeka in Friedersdorf und im Landmarkt L38 in Hangelsberg ab. Außerdem sind sie und Mitarbeiter regelmäßig auf Trödelmärkten und Festen zugunsten des Tierheims unterwegs. Am 3. Advent wird es wieder einen Stand mit Glücksrad für Kinder und Überraschungen auf dem Fürstenwalder Weihnachtsmarkt geben. Heiligabend lädt das Tierheimteam von 10 bis 12 Uhr zur tierischen Bescherung ein.
Mehr rund um Tierschutz finden Sie auf unserer Themenseite.

Kommunikationszentrum Mensch-Tier

Das Spendenkonto des gemeinnützigen Vereins Kommunikationszentrum Mensch-Tier (Träger des Tierheims) ist DE97 1705 5050 1000 3686 68. Weitere Informationen unter Telefon 03361 2862.