Von Pneumant zu Goodyear
: 100 Jahre Reifenwerk in Fürstenwalde – von der Gründung bis 2023

Wendepunkte des einstigen Pneumant-Unternehmens in Fürstenwalde. Die 100-jährige Erfolgsgeschichte vom heutigen Goodyear-Reifenwerk fuhr seit Beginn über Berg und Tal.
Von
Susanne Hübscher
Fürstenwalde
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Bild von der Doppelheizstrasse im Reifenwerk in Früstenwalde.

Museum Fürstenwalde

Das Aus der Reifenproduktion bei Goodyear Germany GmbH in Fürstenwalde ist aktuell in aller Munde. Mehr als 700 Mitarbeiter des einstigen Reifenwerks könnten bis Ende 2027 ihren Arbeitsplatz verlieren.

Dabei blickt das einstige Pneumant-Unternehmen auf eine mehr als 100-jährige Geschichte zurück. MOZ.de hat im Museum Fürstenwalde gesucht und im Historien-Werk von Hans-Jürgen Woldt geblättert.

Von der Gründung bis zum Zweiten Weltkrieg

  • 1906 - Deutsche Kabelwerke AG Berlin (DKW) richtete die eine Abteilung für Gummireifen ein.
  • 1922 - Unabhängige DEKA Pneumatik GmbH wurde von der jüdischen Familie Hirschmann in Berlin gegründet.
  • 1925 - Mutterfirma Deutsche Kabelwerke AG begann mit der Produktion in Ketschendorf bei Fürstenwalde.
  • 1933 - Siegfried und Bernhard Hirschmann wurden unter Vorwand der Bilanzverschleierung von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) verhaftet.
  • 1934 – Familie Hirschmann verkaufte unter Zwang ihre Anteile der Deka Kabelwerke für 2.500 Reichsmark.
  • 1937 – Bau eines Werkes am Tränkeweg begann, mit dem Ziel kriegswichtige Reifen herzustellen. Das Werk war als reiner Rüstbetrieb zur Versorgung der Deutschen Wehrmacht geplant.
  • 1940 - Zweites Werk wurde in Betrieb genommen. 40.000 Reifen, 5.000 Gummipolster, 1.200 Bandagen und Geschützreifen sowie die Verarbeitung von 400 Tonnen Kautschuk wurden hergestellt. Außerdem wurden 140 Wohnungen in der Deka-Siedlung fertiggestellt.

1943 - Die Fabrik wurde erweitert unter anderem für die Erweiterung der Vulkanisation
mit der dritten Kesselanlage.

1944 – Ein Umsatz von 35,5 Millionen Reichsmark sowie Gewinn von 5,2 Millionen Reichsmark wurden eingenommen mit 1.500 Mitarbeitern.

1944 – Knapp ein Drittel der Mitarbeiter waren Deutsch und davon überwiegend Frauen.

Neubau des Reifenwerks in Ketschendorf.

Museum Fürstenwalde

Das Reifenwerk in der Nachkriegszeit

1946 – Die DEKA Pneumatik GmbH wurde von der Sowjetischen Militär-Administration enteignet. DEKA wurde an die deutsche Verwaltung weitergegeben. Der Präsident der Provinz Brandenburg sollte 60.000 Reifen sowie 100.000 Schläuche für Autos und Motorräder herstellen.

1948 - Die weltweit erste Ausbildung zum Gummifacharbeiter wurde anerkannt.

1951 - Im ersten Ausbildungsjahr begannen 240 Lehrlinge, darunter 104 Mädchen.

1957 - Die 45 Stunden- Arbeitswoche wurde eingeführt.

Seit 1959 - Pneumant vertrieb alle Produkte des Kombinats unter dem Markennamen. Er bot über 200 verschiedene Reifendimensionen sowie mehr als 60 Spezialprofile als einziger Hersteller von Reifen in der DDR an. Außerdem produzierte das Werk Luftmatratzen, Gummibälle, Schlauchboote und Gummistiefel. Die Reifen wurden für die Erstausstattung und als Ersatz hergestellt und nach Ost- und Westeuropa sowie in die USA geliefert.

1960er - Drei Kinderkrippen und Kindergärten eröffneten und betreuten insgesamt 400 Kinder der Reifenwerker.

1969 - Die Reifenwerke in Fürstenwalde, Dresden, Riesa und Heidenau schlossen sich zum Reifenkombinat Fürstenwalde zusammen.

1977 - Der Mischbetrieb wurde auf einen durchgängigen 4-Schicht-Betrieb umgestellt und das Polytechnische Zentrum am Tränkeweg öffnete.

1970er (Ende)- Eine Produktionsteilung erfolgte mit anderen Kombinatsbetrieben, wie der Herstellung von Ackerschlepp- und LKW-Reifen, Mischungsherstellung sowie Cord- und Cordgewebeherstellung. Es gab eine zentrale Berufsausbildung inklusive einer Berufsschule und einem Lehrlingswohnheim sowie eine zentrale Forschung und Entwicklung.

1970er (Ende) - Verschiedene Kunststoffteile wurden unter der Marke PNEUMANT für den täglichen Gebrauch hergestellt. Das Ziel war eine bessere Versorgung der Bevölkerung mit Konsumgütern.

Es wurden Schlauchboote, Transportkoffer, Campingwohnanhänger, Bälle, Fußmatten, Schubkarrenreifen, Fahrradluftschläuche sowie Spielwaren produziert. Das Portfolio reichte von Kunststofftanks über Transportbehälter bis hin zu Haushaltswaren wie etwa Kunststofftrichtern, Kinderbadewannen, Wäschekörben, Kunststoffbesteck für Kinder.

1986 – Eine neue Stahlcordfrabrik wurde in Betrieb genommen.

1989- Rund 4.000 Mitarbeiter arbeiten am Standort Fürstenwalde (auch nicht produktive Bereiche) sowie 450 Lehrlinge.

Bild aus der Zwirnerei im Reifenwerk von 1960.

Museum Fürstenwalde

Nach der Wende

1991-1992 - Aufgrund hoher Produktionskosten, veralteter Maschinen und fehlender Vertriebsnetze wurden fast alle Betriebe des Reifenkombinats stillgelegt oder umgewandelt. Auch die Kapitalgesellschaft Pneumant Reifenwerke Fürstenwalde AG wurde aufgelöst.

1992 - Die neue Gesellschaft SP-Reifenwerke Gruppe (Dunlop) wurden in den folgenden Jahren komplett renoviert. Die PKW-Produktion wurde erneuert.

1993 - Die Kernbereiche Fürstenwalde und Riesa wurden jedoch ausgelagert und in die Pneumant Reifen & Gummiwerke GmbH integriert. In diesem ausgelagerten Unternehmen wurden lediglich Reifen produziert.

1995 - Dunlop Reifenwerke Hanau SP unterzeichnete die den Kaufvertrag für die Reifen- und Gummiwerke GmbH in Fürstenwalde.

1998 – Das Werk verzeichnet erstmals schwarze Zahlen mit mehr als 500 Mitarbeitern.

1999 - Die EU-Wettbewerbskommission genehmigt die Übernahme vom Reifenwerk Fürstenwalde von Goodyear Dunlop Tires Europe mit knapp 600 Mitarbeitern.

1999 - Dunlop verlässt das Joint Venture mit Goodyear.

2000 - Das Fürstenwalder Werk erhält den Wirtschaftspreis für den besten Turnaround - die beste Bewältigung des Wirtschaftsumschwungs nach der Wende.

2006 - Das Unternehmen feiert sein 100-jähriges Jubiläum.

2012 – Die Produktion mit der Marke „Pneumant“ wird aufgrund fehlender Nachfrage eingestellt.

2020 - Der Standort Fürstenwalde beschäftigt 1.100 Mitarbeiter.

Jeder Stein soll für den Frieden sein - Aushang der BSG Chemie in Fürstenwalde.

Museum Fürstenwalde

Während der Arbeit an seinem Buchprojekt hatte Hans-Jürgen Woldt übrigens eine überraschende Erkenntnis: „Am Arbeitsstand von 1961 konnte man schon sehen: Das kann nichts werden, weil ständig auf Pump und Kredit gewirtschaftet wurde. So was lässt sich nur rückblickend feststellen. Davon ahnte ich damals bei der Arbeit nichts.“

„Profilspuren – 80 Jahre Reifenwerk Fürstenwalde“ von Hans-Jürgen Woldt ist im Fürstenwalder Museum erhältlich.

Historisches aus dem Reifenwerk in Fürstenwalde.

Neuer Tag

Der Betriebssport: BSG Pneumant Fürstenwalde

1949 – Die Sportgemeinschaft namens „Deka Ketschendorf“ mit Fußball-, Handball- und Tischtennisabteilungen wurde gegründet. Die SG ist der zweitgrößte Sportverein in Brandenburg und legt besonderen Fokus auf die Nachwuchsarbeit. Das Projekt „Schule & Verein“ bietet außerschulische Arbeitsgemeinschaften und Kooperationsmaßnahmen für Sportarten wie Fußball, Schach, Radsport, Drachenboot, Volleyball und mehr.

1950 - Erweiterung des Sportangebots um Radsport, Ringen, Schach, Rudern, Motorsport und Motorwassersport.

1968 - 719 Mitglieder nutzen 20 Ruderrennboote, 19 Segelboote.

1970 - Die Gemeinschaft wurde in „BSG Pneumant Fürstenwalde“ umbenannt.

1973 - Das neue Sportforum „Pneumant-Sportforum“ in der Langewahler Straße wurde eingeweiht.

1990 - Das letzte große Sportfest der BSG fand im „Pneumant-Sportforum“ statt. Auf Empfehlung des Reifenwerks spaltete sich die BSG Pneumant acht Einzelvereine auf

1994 - Die BSG übernahm die Trägerschaft für den „Südclub“.

1998 - Die neu errichtete 3-Feld-Sport- und Mehrzweckhalle „Pneumant-Sporthalle“ wird von der BSG betrieben.

1999 - BSG Pneumant Fürstenwalde feiert 50-jähriges Bestehen.

2003 – Auftakt der jährliche stattfindenden „Füwa-Race“- ein Drachenbootrennen.

2011 Das neue „PneumantSportForums“ wird eingeweiht, welches neben der Pneumant-Sporthalle steht.

2013 - Die BSG Pneumant Fürstenwalde errichtet gemeinsam mit dem Schwapp und der Stadt Fürstenwalde eine Minigolfanlage auf dem Gelände des Tenniscenters in der Großen Freizeit.

2023 - Der Verein zählt zum Anfang des Jahres 1327 Mitglieder und hatte 25 Abteilungen.