Versorgungsangst
: Briesen bangt um Zahnärzte

Seit etwa einem Jahr kämpft die Gemeinde um einen Nachfolger der einzigen und bald leer stehenden Praxis.
Von
Stefanie Ender
Briesen
Jetzt in der App anhören

Symbolbild

dpa

Vor den versammelten Abgeordneten sprach Bürgermeister Gerd Schindler schon mehrmals das anrollende Gewitter an: „Bald werden wir in unserer Gemeinde keine Zahnärzte mehr haben“. Der Briesener Verwaltungschef macht sich Sorgen, wie die rund 5000 Einwohner versorgt werden, wenn es ab kommendem Jahr keinen Zahnarzt mehr gibt. Seit etwa einem Jahr sucht er gemeinsam mit Zahnarzt Gert Fritze, der noch bis September eine Praxis in Briesen betreibt, einen Nachfolger. Bisher erfolglos.

Im vergangenen Jahr gab es noch zwei Zahnärzte im ländlich geprägten Ort in der Mark. „Ende 2018 verabschiedete sich Zahnärztin Waltsgott in den Ruhestand“, berichtet Schindler. Ende dieses Jahres oder Anfang 2020 höre Dr. Jacob aus dem benachbarten Jacobsdorf auf. Dann müssen sich die Briesener für ihre Zahngesundheit ins 14 Kilometer entfernte Steinhöfel begeben, so das Zukunftsszenario, falls kein Nachfolger gefunden wird. Mit dem Auto dauert die Strecke etwa 15 Minuten.

„Der Landkreis Oder–Spree ist noch sehr gut versorgt“, sagt Rainer Linke, stellvertretender Vorsitzender der Brandenburgischen Kassenzahnärztlichen Vereinigung (Kzv), die sich zum Ziel gesetzt hat, vor allem in ländlichen Regionen junge Ärzte in leer stehende Praxen zu vermitteln. Der Landkreis Oder–Spree hat mit einer Abdeckungsquote von 107 Prozent derzeit mehr Zahnärzte als nach Bedarfsplan nötig. 1470 Patienten kommen auf einen Arzt. „Wir streben an, dass kein Patient mehr als eine halbe Stunde fahren muss“, so Linke. Gemessen an diesen Maßstäben sieht die Situation in Briesen gut aus.

„Schauen Sie sich aber mal die Altersstruktur der aktuellen Zahnärzte an. Es ist klar, dass die gute Situation in ein bis zwei Jahren kippt. Wir können uns hierauf nicht ausruhen“, sagt Gundula Teltewskaja, Dezernentin für ländliche Entwicklung des Landkreises Oder–Spree. Zahlen der Kzv belegen das: Zahnärzte sind aktuell durchschnittlich 54,5 Jahre alt.

Vertreter der Vereinigung wären bereits im Sozialausschuss gewesen. Das Thema müsste in Potsdam bekannt sein. Dort heißt es: „Die Gemeinde muss sich an uns wenden. In der Regel kommen die Anregungen von Abgeordneten. Dann können wir mit der Vermittlung beginnen“, sagt Linke. Das Ergebnis könnte wie in Beeskow oder Erkner aussehen. Dort vermittelte die Vereinigung in diesem Jahr je einen Zahnarzt erfolgreich.

In Briesen selbst ist die Situation angespannt. Zahnarzt Fritze schaltet in Zahnarztblättern eine Anzeige nach der anderen. Etwa ein Jahr suche er intensiv, zuvor sporadisch, sagt Bürgermeister Schindler. Die beiden haben diverse Angebote ausgearbeitet, um Nachfolger anzulocken. Fritze will seine Räume und Geräte ablösefrei übergeben. Die Gemeinde will bei der Wohnbeschaffung, konkret auch der Auswahl eines Baugrundstücks, helfen. Außerdem: „Wir geben dem neuen Zahnarzt die Praxis für ein Jahr mietfrei“, wirbt Schindler.

Damit würden Neueinsteiger einige Tausend Euro sparen. Angebissen hat noch niemand. Grund ist, so vermutet Schindler, dass junge Ärzte sich scheuen, eine eigene Praxis zu eröffnen. Bürokratische Hürden und die Priorisierung von Freizeit über Gehalt, seien generelle Tendenzen, die sich jetzt hier zeigen. „Dabei könnten auch zwei Ärzte nach Briesen kommen und ein gutes Auskommen haben. Das hat mir Zahnarzt Fritze vorgerechnet“, sagt der besorgte Bürgermeister.

Ende März bat Amtsdirektorin Marlen Rost in einem Brief an den Landkreis um Hilfe. „Bald diskutieren wir Lösungen an einem Tisch“, versichert Teltewskaja.