Wende-Theater: Als die Genossen begannen, ehrlich zu sprechen
Oben schwebt Jesus am Kreuz, darunter sitzt das Präsidium des SED-Zentralkomitees. Unter ihnen so bekannte Politbüromitglieder wie Egon Krenz und Günter Schabowski. Das Theater 89 nahm am Freitagabend in der katholischen Kirche St. Johannes Baptist in Fürstenwalde die Zuschauer mit in die letzten Sitzungen des innersten Machtzirkels der SED im Herbst 1989, als die DDR-Bürger aufbegehrten und die Mauer fiel.
Lange Zeit unterlagen die Tonbandaufnahmen strenger Geheimhaltung, jetzt waren sie im Original zu hören. Vorgetragen von zehn Schauspielern unter der Regie von Hans-Joachim Frank. Unterbrochen wurde die hitzige und von Rettungsversuchen getragene Debatte der grau geschminkten „Genossen“ nur durch die Arbeiterlieder, die die Singakademie Frankfurt unter Leitung von Rudolf Tiersch durch die Kirche schmetterten: Bei der DDR-Nationalhymne, deren Text seit den 1970er Jahren nicht mehr gesungen werden durfte, bei „Spaniens Himmel“ oder bei den „Moorsoldaten“ hätten die etwa 100 Zuschauer mitsingen können. Denn die meisten hatten vom Alter her den Untergang der DDR vor 30 Jahren selbst miterlebt.
Genervt von „Ostalgie“
Zu den mit Abstand jüngsten Zuschauern gehörten die beiden Frankfurter Gymnasiasten Carl Bellgardt und Jacob Stoll, dessen Vater Eberhard Stoll die Jungs überredet hatte, mit ihm nach Fürstenwalde zu fahren. „Mir geht im Moment die DDR-Nostalgie auf die Nerven. Die Leute scheinen vergessen zu haben, wie die SED agierte“, sagte der 50-jährige gebürtige Hallenser.
Die von den Schauspielern wiedergegebenen Originalreden hätten ihn an die Sprache von damals erinnert. „Es wurde viel geredet, aber nichts gesagt. Das Geschwafel von Kritik und Selbstkritik und das Gerangel um die Perfektion von Formulierungen. Die DDR brach zusammen und hier wurde immer noch darüber gestritten, wie das Ergebnis der 10. Tagung des ZK für die Öffentlichkeit formuliert werden soll.“
Allerdings erfordere das zweieinhalbstündige Stück (ohne Pause) vollste Konzentration, auch weil es schwer sei, die Redebeiträge namentlich den damaligen Politikern zuzuordnen, wertete Stoll. Die beiden ihn begleitenden Jugendlichen, die die DDR nur vom Erzählen der Großeltern und Eltern kennen, hatten es schwer, einen Zugang zu finden. „Trotzdem fand ich das Stück informativ und es hat gezeigt, wie verwirrend und kontrovers es in den letzten Tagen der SED zuging“, sagte der 15-jährige Carl Bellgardt.
Kirche schützte Opposition
„Im Zentralkomitee geschah ja 1989 das, was gerade auf der Straße passierte: Die Genossen fingen an, ehrlich zu sprechen, wo sie es doch nur gewohnt waren, die Hand zu heben. Es muss auch für sie eine Befreiung gewesen sein“, kommentiert Regisseur Hans-Joachim Frank. Eigentlich habe er den Machthabern der DDR keine Bühne geben wollen, sich dennoch aber überzeugen lassen: „Die Redebeiträge sollten im Buch veröffentlicht werden, aber da hätte sie keiner gelesen.“
Die Uraufführung für das Stück habe es bereits 2008 gegeben, in Berlin und Potsdam. „Und sogar am Originalschauplatz am Werderschen Markt, wo sich heute das Auswärtige Amt befindet“, so Frank. Er freue sich über die Neuauflage des Stücks zum 30. Jahrestag des Mauerfalls und des 30. Geburtstages des theaters 89. Und dass der Auftakt in einer Kirche stattfand, hat für den Regisseur einen guten Grund: „Die Kirchen waren in der Wendezeit wichtige Orte, sie boten Oppositionellen Schutz.“
Weitere Vorstellungen: am 25. Oktober im Carl-Bechstein-Gymnasium in Erkner, am 30. Oktober im Friedrich-Wolf-Theater Eisenhüttenstadt und am 8. November im Märkischen Hof, der Kantine des Spanplattenwerkes Beeskow; Beginn jeweils um 19 Uhr. Landkreis und Land fördern die Tournee.

