Ein Leben als Eremit: Aus der Kraft des Glaubens schöpfen

Seit 2014 widmet sich Pater Jürgen der Betrachtung geistlicher Themen.
Holger RudolphAm Bodensee geboren, sah er als Jugendlicher seine berufliche Zukunft in der Kunst. Nach einem Studium an der Bodensee-Kunstschule Konstanz arbeitete er als freier Maler und Restaurator. Zehn Jahre lang war er Hausres-taurator auf dem durch Annette von Droste-Hülshoff bekannten Schloss Meersburg.
„Ich bin durch und durch katholisch aufgewachsen“, sagt Pater Jürgen. Nachdem er sich intensiv mit der Lektüre der Bibel beschäftigt hatte, trat er in Bamberg in den Franziskaner-Orden ein. Die Fähigkeit zur Hingabe und Freiheit habe ihn an Ordensgründer Franz von Assisi besonders beeindruckt. Nach dem Noviziat verließ er allerdings den Orden, weil ihm inzwischen klar geworden war, dass ihm noch mehr die Kontemplation, der Erkenntnisgewinn aus intensiver Betrachtung heraus, liegt.
Auf dem Weg zum Ziel
Er besann sich auf die im Eremitentum liegenden Ursprünge der Kontemplation. An der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Zisterzienser in Wien-Heiligenkreuz studierte er sechs Jahre lang und wurde 2002 in Berlin zum Priester geweiht. Pater Jürgen arbeitete als geistlicher Begleiter und qualifizierte sich in der Erzabtei St. Martin in Beuron zum Exerzitien- und Meditationsleiter. Ihm sei stets klar gewesen, dass es sich, wie auch später in Berlin, um Stationen auf dem Weg zum Ziel handelt. Sein langjähriger geistlicher Lehrer, der Beuroner Ordensbenediktiner Jakobus Kaffanke, hatte Jürgen Knobel immer wieder nahegebracht, wie wichtig es ist, für sich schließlich die Form des Lebens umzusetzen, die einem im Gleichklang mit Gott als richtig und auch hilfreich für die Mitmenschen erscheint. 2014 bekam Pater Jürgen dann die Möglichkeit, eine Eremitage zu gründen. Das Erzbistum Berlin bot ihm, unterstützt vom Bonifatiuswerk, einige ungenutzte Gebäude als Klause an. Seine Wahl fiel auf Lindow. Pater Jürgen ist seitdem neben drei Frauen der einzige männliche Diözesaneremit im Erzbistum Berlin. Die frühere Sakristei der Kirche wurde zu seiner neuen Heimat. Knobel erinnert sich an jene Zeit des Aufbruchs. Grundstück und Kirche waren seit sieben Jahren nicht genutzt worden. Es brauchte einiges Engagement, bis das Gelände so hergerichtet war, dass in der Kirche an fast jedem Sonntag um 11 Uhr von Pater Jürgen geleitete Messen stattfinden können.
Innere Ruhe
Auf Radio und Fernsehen verzichtet der Eremit komplett. Wer im Gespräch mit ihm, egal ob selbst Christ oder nicht, spirituelle Seelsorge sucht, hat dazu ebenso Gelegenheit wie nach vorheriger Absprache zur Beichte. Auf der neuen Website www.eremitage-am-see.de stehen Kontaktdaten und weitere Informationen. Außerdem bietet Pater Jürgen Einzelexerzitien. „Viele Menschen sind größtenteils Gefangene ihres Denkens“, sagt der Eremit. Oft sei es wichtig, überhaupt nicht zu denken, sondern vollkommene innere Ruhe zu finden und die Seele zu reinigen. Wer möchte, kann auch in dem von Pater Jürgen geschaffenen Garten der Mystik Kraft schöpfen. Erst seit Kurzem hängt dort die frühere Glocke des geschlossenen Exerzitienhauses Alverno in Mechernich-Kommern.
Auch am ersten Weihnachtsfeiertag, 25. Dezember, gab es in der Kirche um 11 Uhr einen Gottesdienst. Nicht aber in der Nacht zuvor, an Heiligabend. Da begab sich Pater Jürgen, wie auch in der Osternacht, in eine Phase der Stille und suchte Frieden im Gebet. Getreu seiner selbst gewählten Bestimmung: „Die Existenz des Eremiten ist gelebte Freundschaft mit Christus.“
Info-Kasten
Infokästen haben ab sofort keinen blauen Punkt vorne, sondern nur einen gefetteten Anlauf.
Infokästen haben ab sofort keinen blauen Punkt vorne, sondern nur einen gefetteten Anlauf. Und am Ende steht ein Kürzel.⇥kürzel