Kunstaktion: Wesendorfer Werkschau regt zum Nachdenken an

Im Schuppen des Vier-Seiten-Hofes, der zu einem Atelier umgebaut worden ist: Sigrid Spachtholz, Rainer Baer und Dimitry Ngankeu präsentieren dort ihre Arbeiten.
Wolfgang GumprichVoller Stolz präsentierte er „meinen begabtesten Schüler“, den Kameruner Dimitry Ngankeu. Der 28-Jährige floh aus dem Kamerun durch die Sahara über das Mittelmeer, gelangte zunächst nach Italien, kam später nach Deutschland. Hier absolviert er zurzeit eine Tischlerlehre und arbeitet im Kunsthof an Holzskulpturen. Sein erster Entwurf zeigte „Mutter Afrika“, sein neuestes Werk ist ein Mensch mit erhobener Hand: „Résistance“ (Widerstand) hat er es genannt.
Ngankeu hofft, nach seiner Ausbildung in Deutschland bleiben zu können. Und Baer ist guter Dinge, denn er erfülle sämtliche Voraussetzungen, er spreche Deutsch, habe einen Beruf und sei hier integriert. Schon länger engagieren sich Rainer Baer und Sigrid Spachtholz für Asylsuchende. Immer wieder thematisieren sich die Migration. Erst im vergangenen Jahr luden sie zu einer ähnlichen Werkschau unter der Überschrift „Across the borderline“ nach Wesendorf ein. Mit ihrer Kritik an der bundesdeutschen Asylpolitik halten die Künstler nicht hinterm Berg.
„Es gibt so viele Menschen, die aus ihrem Heimatland fliehen und hier Asyl beantragen“, so Baer, „die werden so schäbig behandelt, dass man ihnen das wenige Geld, das sie bekommen, nur als Stückchen Papier in die Hände gibt, mit dem sie dann auch nur in bestimmten Lebensmittelmärkten einkaufen dürfen“. Nicht minder beklagenswert sei die Kunstpolitik des Landes“, kritisierte Rainer Baer bei einer vorangegangenen Kunstaktion.
Die beiden süddeutschen Künstler Rainer Baer und Sigrid Spachtholz haben sich in Berlin kennengelernt, im Jahr 2006 den Vier-Seiten-Hof aus dem Jahr 1852 im Zehdenicker Ortsteil Wesendorf übernommen und ihn zum Kunsthof aus- und umgebaut. Dazu brachte Baer die entsprechenden Voraussetzungen mit, denn außer einer Schreinerlehre hat er Architektur studiert. In Zeiten ohne Corona geben sie auch Kurse, er lehrt Bildhauerei mit Holz, sie unterrichtet in der Feldenkrais-Methode.
Als Musiker spielte am Wochenende Joachim Gies auf dem Kunsthof. Der gebürtige Bonner lebt als Saxofonist und Komponist in Berlin. Er hatte ein sehr breites Klang-Spektrum, das er seinen Zuhörern vorstellte, mitgebracht: Klangschalen aus Japan und der Mongolei, Zimbeln aus der Mongolei, einen chinesischen Wind-Gong und unterschiedlich große Trommeln, die mit Kugeln gefüllt waren und wie Meeresrauschen klangen. Seine rund 20-minütige Komposition stieß neue Hörgewohnheiten an, der schwebende Sound der Klangschalen verband sich mit den experimentellen Spielweisen des Saxofons zu etwas völlig Neuem. Amüsiert verfolgte der Musiker, wie im Nachbargarten die Enten und Gänse auf seine Musik reagierten. Ihr lautes Schnattern variierten sie so lange, bis es zum Klang des Saxofons passte. Joachim Gies tritt als Solist auf und leitet das Ensemble X, einen Zusammenschluss von Musikern verschiedener Genres. Neben Kammermusiken sind Literaturvertonungen, Filmmusiken und Hörspiele weitere Schwerpunkte seines breitgefächerten Schaffens. Trotz Corona ist Joachim Gies ein vielbeschäftigter Musiker, der in den kommenden Wochen und Monaten zahlreiche Konzert in Berlin und Brandenburg geben wird. Solo tritt er beispielsweise am kommenden Mittwoch, 2. September, um 19 Uhr in der Dorfkirche Sperenberg mit seinem Programm „Der Magier der Klänge“ auf.
Künstler mit unterschiedlichen Interessen
Sigrid Spachtholz ist Tänzerin und Feldenkrais-Lehrerin. Nach dem Studium der Germanistik absolvierte sie eine Ausbildung an der Ballettakademie von Hans Vogl in Berlin und absolvierte später eine Ausbildung zur Feldenkrais-Lehrerin.
Rainer Baer absolvierte eine Tischlerlehre, studierte an der TU Berlin Architektur, bevor er sich als Architekt selbstständig machte. Ab 1985 absolvierte er eine Fortbildung zum Bildhauer. 2006 gründete er mit Sigrid Spachtholz in Wesendorf den Kunsthof.⇥ red