Bis vor einer Woche war Lindow-Gransee im Rennen um die Meisterschaft, nun ist alles vorbei. Wie haben Sie diese Tage erlebt?
Martin Pomerenke: Dass es nicht unvermittelt weitergeht, war uns in der Mannschaft schnell klar. Am Mittwoch vergangener Woche saßen wir als Mannschaft zusammen und haben überlegt, wie wir uns aufgrund von Corona verhalten. Da ging es darum, das Shakehand mit den Fans nicht zu machen oder nach dem Spiel sofort in die Kabine zu gehen. Gedanklich hatten wir uns damit auseinandergesetzt, wie es in einem verhältnismäßig normalen Rahmen aussehen kann.
Und dann kam der Donnerstag …
Genau. Dann brach es über uns her. Schon vor der offiziellen Mitteilung sickerte es bei uns langsam durch, wie die Deutsche Volleyballliga reagieren wird.
Diese entschied, den Spielbetrieb mit sofortiger Wirkung abzubrechen, und erklärte die Saison für beendet. Wie haben Sie diese Nachricht aufgenommen?
Im Nachgang betrachtet und gemessen daran, wie sich die Lage entwickelt hat, ist es die absolut richtige Entscheidung. Klar hätten wir gern weitergespielt und wären Meister geworden. Aber noch klarer ist, dass das irrelevant und unwichtig ist, wenn man sich die Ausmaße vergegenwärtigt. Man ist fast geschockt, da man es am Anfang irgendwie unterschätzt hat.  Ich erinnere mich an das Spiel am 29. Februar gegen Schüttorf, wo wir die Schiedsrichter nicht anfassen sollten. Das hielt man eigentlich für Blödsinn. 14 Tage später ist man schlauer und vielleicht auch weiser. Das ist irgendwie surreal.
Kam die Mannschaft trotzdem noch einmal zum Training zusammen?
Wir haben uns natürlich ausgetauscht. Da gab es zunächst die Überlegung, uns noch mal zu treffen, damit nicht alles so komisch zu Ende ist. Seitdem sind wenige Tage vergangen und wir sind kurz davor, in der Bundesrepublik den ganz großen Stecker zu ziehen. Darum wird es zunächst keine Zusammenkunft geben.
Lindow-Gransee war fünf Spieltage vor dem Ende bei sechs Punkten Vorsprung auf dem Weg Richtung Titel. Wie bitter ist es, kurz vor dem Ziel gestoppt zu werden?
Natürlich tut es weh. Alles andere ist aber viel wichtiger. Man hat schon den Wunsch gehabt, das Unmögliche möglich zu machen. Wenn ich unmöglich sage, meine ich die Voraussetzungen vor der Saison und die ersten Saisonspiele.  Da waren alle heiß drauf. Wenn dann der Stecker gezogen wird, was die absolut richtige Entscheidung war, schmerzt es natürlich schon ein bisschen.
Nun wurde entschieden, dass Lindow-Gransee nicht zum Meister ernannt wird. Macht Sie das traurig?
In anderen Ligen wurde teilweise gesagt, dass ein Quotient aus Punkten und Spielen errechnet wird und damit die finale Platzierung feststeht.  Wir werden oft ,Meister der Herzen’ genannt. Es ist total unwichtig, ob du eine Volleyballsaison gewinnst, wenn Ärzte und Pfleger um Menschenleben kämpfen.
Sie werden in diesem Jahr 35. Haben Sie sich über Ihre sportliche Zukunft schon Gedanken gemacht?
Unser Vereinschef Frank Seeger drängelt gefühlt seit dem letzten Jahr.  Auch andere wollten wissen, wie es aussieht, da sie für den Fall der Fälle etwas für den Abschied organisieren wollten. Jetzt gibt es halt nichts zu organisieren. Das hätte den Vorteil, dass ich niemandem Bescheid sagen muss. Aber die Entscheidung muss getroffen werden. Naja, es würde sich schon sehr seltsam anfühlen, mit so einer Saison aufzuhören – ohne damit zu- oder abzusagen. Aber es wäre komisch. Es kommt auch darauf an, wie es weitergeht. Keiner kann in die Glaskugel gucken, Dinge können sich binnen 24 Stunden ändern. Wer weiß, ob im September überhaupt irgendeine Saison startet.
Auf jeden Fall ist die Pause diesmal noch läger als sonst. Was sind Sie für ein Sommerpausetyp?
Meistens bewege ich mich gar nicht. Wenn dann die Vorbereitung kommt, tut mir zwei, drei Wochen jeder Teil meines Körpers weh. Dann muss ich meinen Körper ein bisschen neu entdecken. Saisonpause ist für mich tatsächlich immer die Zeit gewesen, um etwas weniger zu machen. Ich habe mich immer mal aufs Rennrad geschwungen. Aber es ist nicht so, dass ich in der gleichen Regelmäßigkeit Sport treibe. Man muss aber auch sehen, dass es der Körper mit steigendem Alter immer weniger verzeiht, wenn man nichts macht. Die Ambition ist, sich fit zu halten. Das muss und sollte man auch, unabhängig davon, ob man Ligaspielbetrieb hat.
Wie geht es Ihnen in Coronazeiten in beruflicher Hinsicht?
Ich bin in der IT von einem großen Energieversorger und kann von zu Hause arbeiten. Mein Arbeitgeber ist groß genug und systemrelevant genug, dass die Situation nicht zum Bankrott führen wird. Am Ende ist aber jeder in irgendeiner Kette von den Coronaauswirkungen betroffen. Ich gehe nicht davon aus, dass ich so betroffen bin, wie es jetzt bei Mittelständlern, kleinen Firmen, Bar- und Restaurantbesitzern oder Künstlern der Fall ist.

"Schwache und überlegte Entscheidung"


Die Deutsche Volleyballliga hat am Mittwoch einige Entscheidungen getroffen.

In der 1. Bundesliga wurde eine Entscheidung über die Rangfolge zur Vergabe der Europacup-Startplätze verschoben, da vonseiten des europäischen Verbandes noch keine Klarheit über die Zuteilung der Europapokalplätze für die Spielzeit 2020/21 besteht.

In der 2. Bundesliga erfolgt keine Wertung der Saison 2019/20. Es gibt keine Meister der 2. Bundesliga (Lindow-Gransee stand fünf Spieltage vor dem Saisonende auf Platz eins) und keine sportlichen Absteiger. Die beiden Regelaufsteiger aus dem Bereich der Dritten Liga können in jedem Fall aufsteigen.

Gransees Teammanager Dirk Schmidt reagierte umgehend. "Das ist eine sehr schwache und unüberlegte Entscheidung." In Gransee sei in den zurückliegenden zehn Jahren "eines der besten Produkte der Liga" auf die Beine gestellt worden. "Der finanzielle und organisatorische Aufwand und das damit verbundene Risiko sind für uns zum täglichen Begleiter geworden. Der Platz ganz oben, die damit verbundenen Emotionen und Bilder hätten aus seiner Sicht für weitere Planungssicherheit und "den Zuspruch der Sponsoren, das ,Kleingeld’ für die Nachwuchsarbeit und damit für die weitere Existenz unserer Sportart in einer strukturschwachen Region" gesorgt.

Die Staffelstärke der 2. Bundesliga wird auf 14 Mannschaften erhöht. Ob nach der Saison 2020/21 ein vermehrter Abstieg erfolgt oder die Regelstaffelstärke bei 14 Teams erhalten bleibt, entscheidet die Bundesligaversammlung.

Für die 1. Bundesliga hatte der VBL-Vorstand bereits am 12. März 2020 beschlossen, dass es in der Saison 2019/20 weder einen Meister noch sportliche Absteiger geben wird. sz