Die Spuren des Unfalls am Bahnübergang in Grieben sind noch gut zu erkennen. Glassplitter liegen im Gras, genauso wie die Laterne, die von dem Kleintransporter umgemäht wurde, als dieser am Montag, 5. September, vom RB54 am Heck erfasst und herumgeschleudert wurde. Es war der sechste Unfall in sechs Jahren. Forderungen nach mehr Sicherheit werden laut. Wie könnten die Lösungen aussehen?
Der 52-jährige Fahrer des Unfallwagens hatte riesiges Glück, dass ihn der Triebwagen nicht voll erwischte. Sekundenbruchteile vorher hätte er keine Chance gehabt. Erinnerungen an das Jahr 2021 wurden wach. Ende Oktober war es, als ein Regionalzug ebenfalls einen Kleintransporter erwischte. Die beiden Insassen, Mutter und Sohn aus Oberhavel, waren sofort tot.
Jetzt gab es wieder einen Unfall, wieder in der Mittagszeit. Ein paar Wochen zuvor war es an einem ebenso unbeschrankten Übergang nur wenige hundert Meter entfernt am Vielitzer Weg zu einem Crash zwischen einem Pkw und der RB54 gekommen. Es blieb bei Blechschaden. Die Fahrgäste standen aber nicht minder unter Schock.
Löwenbergs Bürgermeister Bernd-Christian Schneck und Griebens Ortsvorsteher Dietmar Haack (re.) schauen sich am Dienstag, 6. September, die Unglückstelle an. Beide fordern Sicherungsmaßnahmen.
Löwenbergs Bürgermeister Bernd-Christian Schneck und Griebens Ortsvorsteher Dietmar Haack (re.) schauen sich am Dienstag, 6. September, die Unglückstelle an. Beide fordern Sicherungsmaßnahmen.
© Foto: Burkhard Keeve
Für Bernd-Christian Schneck (SPD), den Bürgermeister vom Löwenberger Land, ist nun eine Grenze erreicht. „Wir brauchen eine Lösung. So kann es nicht weitergehen. Der Übergang in Grieben muss sicherer werden.“ Der Ortsvorsteher von Grieben, Dietmar Haack (BLL), schließt sich der Forderung an. Er hat drei Vorschläge: Ein Stoppschild, um die Verkehrsteilnehmer zum Halten zu bewegen. Eine Lichtsignalanlage, um die Aufmerksamkeit zu erhöhen. Oder drittens: die Halbschranke. „Das wäre am besten“, so Haack. Ein vierter Vorschlag der Gemeinde lautet, am Bahnhof Grieben einen Bedarfshalt zu errichten, „um die Bahn damit zu zwingen, langsamer zu fahren“. Dieser wurde vergangenes Jahr in Potsdam abgelehnt.

Dietmar Haack erinnert sich an den Horrorunfall

Es ist tatsächlich schwierig, von einem echten Unfallschwerpunkt zu reden. Seit 2016 gab es in Grieben an den unbeschrankten Übergängen sechs Unfälle. Doch die Zusammenstöße haben bei den Einheimischen Spuren hinterlassen. Besonders das schwere Unglück vor knapp einem Jahr. Dietmar Haack war damals als Feuerwehrmann vor Ort, sah den zerfetzten Kleintransporter, die Toten.
Ob es aus Grieben heraus oder ins Dorf hinein geht. Tempo 30 ist in der Bahnhofstraße kurz vor dem Bahnübergang gefordert.
Ob es aus Grieben heraus oder ins Dorf hinein geht. Tempo 30 ist in der Bahnhofstraße kurz vor dem Bahnübergang gefordert.
© Foto: Burkhard Keeve
„Es kommen einem sofort wieder die Bilder hoch. Das ist nicht einfach, damit fertig zu werden.“ Selbst zu Hause hört er, wenn die Bahn sich dem Übergang nähert und laute Signale gibt. „Ich bin immer froh, wenn es bei den normalen Signalen bleibt. Dann weiß ich, alles ist okay.“
In dem Moment rauscht eine Bahn aus Richtung Rheinsberg heran. Schon von weitem ist das Hupen zu hören. Sekunden später ist der Zug bereits da und über die Straße gerattert. Der 52-jährige Fahrer aus Mecklenburg-Vorpommern, der am Montag beim Unfall an dieser Stelle nur leicht verletzt wurde, muss den Zug nicht gehört oder gedacht haben: „Das schaffe ich noch!“ Hat er nicht. Bremsspuren sind auf der Straße keine zu erkennen. Der Transporter ist Schrott. Insgesamt wird der Schaden auf 100.000 Euro eingeschätzt.
Einige Spuren des Unfalls vom 5. September sind an diesem unbeschrankten Bahnübergang in Grieben noch deutlich zu erkennen.
Einige Spuren des Unfalls vom 5. September sind an diesem unbeschrankten Bahnübergang in Grieben noch deutlich zu erkennen.
© Foto: Burkhard Keeve

Kreis erneuert seine Empfehlung für eine Schranke

Die Verkehrsexperten des Landkreises Oberhavel kennen den Übergang n Grieben genau. Die Straßenverkehrsbehörde hatte bereits bei zwei Vor-Ort-Terminen gemeinsam mit weiteren Beteiligten, darunter Vertreter der Deutschen Bahn (DB), die Verkehrssituation an der genannten Stelle bewertet. „Ausgangspunkt war die Empfehlung des Landkreises, hier Halbschranken einzurichten“, teilt Kreissprecherin Ivonne Pelz auf Nachfrage unserer Zeitung mit. Denn die DB hatte dies bislang mit Verweis auf die geringe Verkehrsbelastung auf der Strecke angelehnt. Doch nach dem erneuten Unfall will der Kreis nachfassen, und die „DB erneut zur Stellungnahme auffordern“. Der Kreis bleibt zudem bei seiner Empfehlung, in Grieben, eine Halbschrankenanlage zu errichten. „Wir hoffen, dass sich die DB nunmehr unserer Empfehlung anschließen wird. Andernfalls wird der Landkreis prüfen, ob eine verkehrsrechtliche Anordnung von halbseitigen Schranken auch ohne ein positives Votum der DB umgesetzt werden kann“, erläutert Sprecherin Ivonne Pelz. Eine Absage muss der Kreis allerdings dem Wunsch nach einem Stoppschild am Bahnübergang erteilen. Pelz: „Die Kombination von Andreaskreuzen mit anderen Verkehrszeichen ist gemäß der Verwaltungsvorschrift zur Straßenverkehrsordnung immer ausgeschlossen.“

Die Strecke betreibt die RegioInfra Nordost

Die RegioInfra Gesellschaft (RIG) aus der Prignitz ist ein 2009 gegründetes Eisenbahninfrastrukturunternehmen, das in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt durch ihre Tochtergesellschaft RegioInfra Nordost GmbH (RIN) rund 375 Kilometer Eisenbahnstrecken und Bahnhöfe betreibt. Darunter auch die Unfallstrecke zwischen Lichtenberg und Rheinsberg. Befahren wird die Linie von Zügen der Niederbarnimer Eisenbahn (NEB). Mit der Infrastruktur haben sie nichts tun. Sie fahren dort nur. Auch die Deutsche Bahn (DB) hat keine Aktien an der Strecke, wie ein Sprecher der Deutschen Bahn am Dienstag erläuterte. Alle Maßnahmen, die die Infrastruktur der Rheinsbergstrecke betreffen, also auch der Bau von Halbschranken, sei Sache der RegioInfra Nordost.

Darum ist keine Schranke vorgesehen

RegioInfra teilt am Mittwoch mit, wieso keine Halbschranken in Grieben vorgesehen sind. Es gebe bei der Deutschen Bahn Vorschriften, „unter welchen Bedingungen (Verkehrsdichte) Bahnübergänge technisch zu sichern sind“, so RegionInfra-Sprecherin Longinia Hessel. Wenn es sich dabei um Nebenstrecken mit einer Höchstgeschwindigkeit bis 80 Kilometer pro Stunde handele, was in Grieben der Fall ist, und die Anzahl der Kfz unter die Definition „mäßiger Verkehr“ oder weniger Kfz falle, „kann der betreffende Bahnübergang nicht technisch gesichert bleiben“, so Hessel.
Für Bahnübergänge mit starkem Verkehr (zum Beispiel Bundesstraßen) oder für Bahnübergänge an zwei- oder mehrgleisigen Strecken seien hingegen immer technische Sicherungen vorzusehen. Bei unbeschrankten Bahnübergängen würden regelmäßig Kontrollen mit den Kommunen, Polizei und Straßenbaulastträgern durchgeführt. Auch gebe es Verkehrszählungen.
Der Bahnübergang in der Griebener Bahnhofstraße in gut für die Verkehrsteilnehmer einzusehen. Störende Vegetation gibt es nicht.
Der Bahnübergang in der Griebener Bahnhofstraße in gut für die Verkehrsteilnehmer einzusehen. Störende Vegetation gibt es nicht.
© Foto: Burkhard Keeve
In Grieben bleibt also alles, wie es war. Die Sicherheitsphilosophie an einem unbeschrankten Bahnübergang beruht laut Longina Hessel in „freizuhaltenden Sichtdreiecken, sodass sich Autofahrer und Lokführer rechtzeitig sehen können und der Autofahrer rechtzeitig vor dem Andreaskreuz anhalten kann. Zusätzlich muss der Lokführer bei Annäherung an einen nicht technisch gesicherten Bahnübergang Pfeifsignale geben. Die genannten Sichtdreiecke beruhen auf den für die Eisenbahnfahrzeuge und Straßenfahrzeuge festgelegten Höchstgeschwindigkeiten. Somit ist die Einhaltung der Höchstgeschwindigkeiten existenziell für die Sicherheit an nicht technisch gesicherten Bahnübergängen.“

Polizeisprecherin appelliert

Solange es aber unbeschrankte Bahnübergänge gibt – und davon gibt es rund 850 in Brandenburg –, „können wir immer nur appellieren, nicht einfach nur rüberzubrettern“, sagt die Sprecherin der Polizeidirektion Nord, Dörte Röhrs, am Dienstag. Es sei wichtig, sich Zeit zu nehmen, aufmerksam zu sein und nach links und rechts zu schauen.
An fehlender Sicht kann es jedenfalls nicht gelegen haben. Links und rechts behindern weder Bäume noch Büsche oder hochstehendes Getreide den Blick auf die Bahnstrecke.

Zugungfälle in Grieben

Sechs Zugunglücke, bei denen ein Triebwagen mit einem Pkw oder Kleintransporter zusammenstößt, wurden in den vergangenen sechs Jahren in Grieben registriert:
Unglück 1: 30. September 2016
Unglück 2: 6. Oktober 2016
Unglück 3: 12. März 2019
Unglück 4: 31. Oktober 2021 (zwei Tote)
Unglück 5: 24. Juli 2022 (Vielitzer Straße)
Unglück 6: 5. September 2022
Ein weiterer Unfall geschah auf derselben Strecke der RB 54 im April 2020 an einem unbeschrankten Übergang in Klosterheide.