Erinnerung an KZ Meissnershof
: Von der Idylle zur Hölle

Aus einem Rückzugsort für Naturfreunde wurde 1933 eines der frühesten Konzentrationslager. 74 Jahre später erinnert daran eine Gedenk-Stele.
Von
Roland Becker
Velten
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Dem Vergessen entrissen:  Die Bürgermeister Thomas Günther (links) und Ines Hübner sowie Dr. Horst Seferens von der Gedenkstätten-Stiftung enthüllen die Stele für das KZ Meissnershof.

Roland Becker

Idylle und Hölle: Beide trugen denselben Namen. Meissnershof. Was bis in die 1930er-Jahre hinein ein Treffpunkt von Naturfreunden war, riss im Frühjahr 1933 unter bis heute nicht genau geklärten Umständen die SA-Standarte 224 Nauen an sich. Bis zum Juni 1933 existierte in dem Anwesen am Stichkanal eines der frühen Konzentrationslager. Gut 74 Jahre später erinnert an diesen Ort des Grauens eine Stele. Neben Dr. Horst Seferens von der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten enthüllten die Bürgermeister von Velten und Hennigsdorf, Ines Hübner und Thomas Günther (beide SPD), dieses der Erinnerung verpflichtete Kunstwerk.

„Dieses KZ existierte nur wenige Wochen. Es hatte 100, vielleicht 200 Häftlinge“, berichtete Seferens. Die SA-Standarte 224 aus Nauen, der damaligen Kreisstadt des Osthavellands, hatte es ohne Befehl aus Hitlers Zentrale eingerichtet. Das sei für die ersten Monate der Hitler-Diktatur typisch gewesen, berichtete Seferens. Das System der KZ habe seine Wurzeln in diesen spontan entstandenen Kerkern, die vor allem die SA ab Februar 1933 betrieb, „ohne dass es eines Befehls von oben bedurfte“, so Seferens.

Hennigsdorf und Velten gehörten damals dem Kreis Osthavelland an. Im Meissnershof landeten Sozialdemokraten, Kommunisten und Gewerkschafter. „Man kannte sich von den Straßenkämpfen der Weimarer Republik. Man kannte sich vielleicht sogar als Nachbar“, beschrieb Seferens, wer dort wen folterte. Nach bisherigen Erkenntnissen sind drei Menschen im Meissnershof ermordet worden.

60 Häftlinge im Keller

Neben dem idyllischen Blick auf den winterlichen Meissnershof ist auf der Stele ein weiteres Foto zu sehen, das den Keller zeigt. In ihn waren bis zu 60 Gegner der Diktatur gepfercht. „Ein SA-Mann schlug  mit einer Lederpeitsche, die mit Stahl durchzogen war, der zweite mit einem Gummiknüppel (...) Ich brüllte wie verrückt und wusste am Morgen nicht, wie ich in den Keller zurückkam“, dokumentierte der damalige Häftling Heinrich Schötzau die Folter. Er überlebte die Nazi-Jahre. Nicht aber Richard Ungermann. Der Veltener Kommunist wurde im Meissnershof erschossen, seine in einen Sack gehüllte Leiche in der Havel versenkt.

Der Meissnershof sei ein Ort, „der uns Mahnung sein muss, zu welchen Gräueltaten Menschen fähig sind“, sagte Bürgermeister Günther. Er sei dankbar, dass sich die große Mehrheit der Menschen dieser deutschen Verantwortung stelle. Er fügte jedoch ein Aber hinzu: „Verschwunden sind rassistische Iden, rechte Parolen und Intoleranz leider nicht.“ Er erinnerte dabei auch an das jüngste Attentat auf die jüdische Synagoge in Halle, bei dem zwei Menschen erschossen wurden. Seine Veltener Amtskollegin Ines Hübner nahm ebenfalls auf das Hallenser Attentat Bezug: „Gerade in Zeiten, in denen Populisten in unserem Land immer lauter werden, stehen wir in der Pflicht, dem entschieden entgegenzutreten. Ihre auf die damalige Zeit gemünzte rhetorische Frage klingt in diesem Zusammenhang sehr aktuell: "Warum waren Menschen bereit, andere zu verfolgen und zu quälen? Warum haben viele einfach weggesehen?“

Die Stele hat ihren Platz gut 100 Meter vom ehemaligen Meissnershof entfernt gefunden. Das heute eingezäunte Areal gehört einer dort ansässigen Firma. Der Standort an der Parkallee lässt hoffen, dass Radfahrer absteigen und Fußgänger im Schritt verharren. Um sich mit deutscher Geschichte auseinanderzusetzen.

SA Nauen betriebzwei Lager

Neben dem Meissnershof betrieb 1933 die SA-Standarte 224 aus Nauen in Börnicke ein weiteres selbst gegründetes Konzentrationslager.

Ende Juni 1933 verfügte der Potsdamer Regierungspräsident die Schließung des KZ. Die Häftlinge wurden ins nahe gelegene Konzentrationslager Oranienburg verlegt.

Der Meissnershof wurde danach als Fahrschule der SA genutzt. Heute kündet kein Stein mehr von den ehemaligen Gebäuden. Wann diese abgerissen wurden, dafür gibt es bislang keine eindeutigen Belege.⇥rol