Erste freie Kommunalwahl
: Als die Demokratie ins Hennigsdorfer Rathaus einzog

Vier Jahrzehnte dauerte es, ehe die Hennigsdorfer als DDR-Bürger das einzige Mal ihr Stadtparlament frei wählen durften. Der Sieg der SPD am 6. Mai 1990 legte den Grundstein dafür, bis heute stärkste politische Kraft in der Stadt zu sein.
Von
Roland Becker
Hennigsdorf
Jetzt in der App anhören
  • 103 Frauen und Männer, aufgeteilt in drei Wahlkreise, kandidierten am 6. Mai 1990

    103 Frauen und Männer, aufgeteilt in drei Wahlkreise, kandidierten am 6. Mai 1990

    Roland Becker
  • Forderungen auf Baumwolle während der Demonstration für freie Wahlen am 18. November 1989 in Oranienburg.

    Forderungen auf Baumwolle während der Demonstration für freie Wahlen am 18. November 1989 in Oranienburg.

    Bodo Becker
1 / 2

Am 6. Mai 1990 wählten die Hennigsdorfer ihr Stadtparlament erstmals in freier und geheimer Wahl. Mit dem DDR-Zettelfalten, das ohne Stift und Wahlkabine auskam, hatte es ein Ende. „Es war eigentlich selbstverständlich, da mitzumachen“, schaut Rösel auf diese Zeit zurück.

Der gebürtige Görlitzer hat sich immer als Liberaler gefühlt. Und er hat ein Kunststück vollbracht, das es so nur in dieser revolutionären Zeit geben konnte: Ohne jemals die Partei gewechselt zu haben, besaß er drei Parteibücher. „Um nicht in die SED eintreten zu müssen, bin ich schon während meines Studiums in Dresden in die LDPD eingetreten.“ Die brave Blockpartei gewann erst im Herbst 1989 ein eigenes Profil. Zur Kommunalwahl trat Rösel dann für den LDPD-Nachfolger Bund freier Demokraten an. Im August fand er sich in der gesamtdeutschen FDP wieder.

Auch Ursel Degner, die bis heute für Die Linke im Stadtparlament Politik gestaltet, war das Frühjahr 1990 „die verrückteste, die aufregendste Zeit und einer der schönsten Abschnitte meines Lebens“. Degner, die während ihres Studium zeitweise als Inoffizieller Mitarbeiter für die Stasi gespitzelt hatte, sagt rückblickend: "Mit Politik war ich bis dato nicht in Berührung gekommen. Aber jetzt war plötzlich alles möglich.“ Erst nach der Wahl, die ihr ein Mandat im Kreistag einbrachte, sei sie in die damalige SED-Nachfolgepartei PDS eingetreten. Der Wahlkampf sei damals fair verlaufen: „Ich wurde nicht ein Mal angegriffen.“ Auch FDP-Mann Rösel erinnert sich: „Es gab keinen Hass, keine Vergeltung.“ Erst als Kreistagsabgeordnete, so erinnert sich Degner,  habe sie später per Brief eine Todesdrohung erhalten. „Man müsste euch Kommunistenschweine alle aufhängen“, habe darin gestanden. Der Fall sei nie aufgeklärt worden.

Nicht auf dem Wahlzettel stand damals der Name eines 29-Jährigen, der in den folgenden 28 Jahren wie kein anderer Hennigsdorfs Politik beeinflussen sollte: Andreas Schulz. „Ich musste ja nicht ins Stadtparlament gewählt werden, um Bürgermeister werden zu können“, kommt er 30 Jahre später auf das zu sprechen, was Hennigsdorfs SPD mit ihm vorhatte. Während eines vom RBB-Vorgänger SFB am 4. Mai 1990 aufgezeichneten Wahlforums namens Stadtgespräch wurde Schulz als Bürgermeisterkandidat seiner Partei vorgestellt.

Für den Wahlkampf „haben wir damals ein Papier gestemmt mit Themen, die sich als richtig erwiesen haben: S-Bahn-Anschluss, Bau eines Stadtzentrums, Erhalt der Großbetriebe und der betrieblichen Wohnungen.“ Ehe Schulz diese Aufgaben anpacken konnte, musste er allerdings eine aufregende erste Stadtverordnetensitzung überstehen, bei der er erst durch Losentscheid zum Stadtoberhaupt gewählt wurde.

„Wir vier Stadtverordneten waren der Meinung, dass ein neuer Mann ran muss, keiner mit sozialistischer Kampferfahrung“, begründet Rösel, weshalb die Liberalen damals den SPD-Mann als Bürgermeister sehen wollten. Andreas Schulz sei „jung und unbelastet“ gewesen. Grund genug, „voll und ohne zu wackeln an seiner Seite zu stehen“, erinnert sich Rösel. Die PDS sah das damals anders und unterstützte den CDU-Kandidaten Günther Rennhack. Man kannte sich. Schließlich hatte Rennhack schon seit 1970 dem von der SED beherrschten Stadtparlament angehört. Und er war beliebt: Am 6. Mai erreichte er mit 2 800 Stimmen das beste Ergebnis. Beim Kampf ums Bürgermeisteramt half ihm das wenig. Im vierten Wahlgang entschied das Los – gegen ihn und für Schulz.

30 Jahre. Für machen ist das eine so lange Zeitspanne, dass er vergessen hat, damals kandidiert zu haben. So wie Martin Blank. Vielleicht liegt das bei dem damaligen CDU-Kandidaten daran, dass er am 6. Mai 1990 leer ausging und erst bei späteren Wahlen ein Mandat errang.

Das HennigsdorferErgebnis

An der Wahl zum Hennigsdorfer Stadtparlament beteiligten sich 73,23 Prozent.

Die SPD wurde mit 38,33 Prozent knapp stärkste Partei vor der Allianz für Deutschland (CDU, Demokratischer Aufbruch, DSU) mit 36,95 Prozent. Weit abgeschlagen folgten die SED-Nachfolgepartei PDS (heute Die Linke) mit 14 und der Bund freier Demokraten mit 8,6 Prozent, der sich wenig später mit der FDP vereinigte.

Kein Rolle spielten der Kulturbund mit 1,39, der Demokratische Frauenbund mit 0,48 und die Bauernpartei mit 0,25 Prozent. Neues Forum und Grüne waren nicht angetreten.⇥rol