Fast jedes sechste Kind ist zu dick. Laut einer Langzeitstudie des Robert-Koch-Instituts sind 15,4 Prozent der 3- bis 17-Jährigen als übergewichtig einzustufen, sechs Prozent von ihnen sind adipös. Corona dürfte die Zahlen nach oben getrieben haben. Fünf Grundschulen in Oberhavel wollen dem in einem dreijährigen Projekt entgegenwirken. Doch es gibt einige Hürden. Scheitert gesunde Ernährung an mangelndem Eltern-Interesse und der Inflation?
Es ist ein gesellschaftliches Problem mit vielen Facetten. Die Pandemie hat negative Faktoren verstärkt: mehr Fast Food und Außer-Haus-Essen, weniger Bewegung, soziale Isolation, Eltern beflügeln Trägheit in Eltern-Taxis bis vor die Grundschultür. „Es bewegt sich viel in die falsche Richtung“, stellt Oberhavels kommissarische Amtsärztin Simone Daiber fest. „Es wird Zeit, sich dem entgegenzustellen.“ Die Schule könne nicht alles alleine leisten, Eltern müssen miteinbezogen werden. Fünf Grundschulen in Hennigsdorf und Velten versuchen seit Anfang 2020 genau das zu intensivieren.

Bewusstsein für Süßigkeiten und Medien

Oberhavel gehört neben Leipzig und dem Saarpfalz-Kreis zu einer von bundesweit drei Modellregionen. „Familie+ – Zusammen gesund leben in Familie und Schule“ nennt sich der vom Bundesgesundheitsministerium geförderte Versuch, durchgeführt vom Fachbereich Gesundheit des Landkreises, den Universitäten Konstanz und Leipzig sowie der TU München und der Plattform Ernährung und Bewegung (peb). Es geht um den „Präventionsansatz zur Förderung gewichtsbezogener Verhaltensweisen in den Lebenswelten von Kindern im Grundschulalter“. Auf einem Netzwerktreffen im Bollhagen-Museum Velten kamen Akteure nun nach anderthalb Jahren erstmals zusammen.
„Es ist ein unendlich wichtiges Projekt“, sagte Veltens Bürgermeisterin Ines Hübner (SPD). Neu am Ansatz sei, dass Kinder das Erlernte in die Familien tragen. Eltern bekommen Handlungsempfehlungen. Jennifer Burczyk, Hennigsdorfs Fachdienstleiterin für Jugend und Familie, kennt die Probleme. Ihre Tochter ist vier Jahre alt und verlangt natürlich nach Süßem und „einer Sendung“. „Klar, dürfen Kinder Süßigkeiten essen und Medien nutzen“, sagte sie. „Aber man muss ein Bewusstsein dafür haben.“ Bei all den Verführungen – von den aggressiv werbenden Zuckerbomben an der Supermarktkasse bis zum neuen TikTok-Trend – müssten Kinder von Anfang an Maß halten lernen. Kein leichtes Unterfangen für Eltern, die nicht nur mit Verboten erziehen wollen.
Es fängt jedoch bei der Frühstücksbox an. Karotten neben Käsebrot oder Nutella-Toast und Cola? Alexander Sontner, Leiter der Sonnengrundschule an den Havelauen in Hennigsdorf, berichtete, dass nach seinem Eindruck der Stellenwert für Ernährung in vielen Familien „nicht so hoch“ sei. „Es landet dann wieder der Schokoriegel in der Brotbox.“ Manchmal sogar gar nichts. Ein Kollege wies darauf hin, dass die Kinder in der Schule über gesunde Ernährung etwas lernen können, aber es nütze nicht viel, wenn Eltern kein Obst kaufen und doch zur Limonade greifen.
Lehrkräfte beschrieben die Schwierigkeit, ein Bewusstsein für gesunde Ernährung, Bewegung und ausreichend Schlaf in den Elternhäusern zu etablieren. Einige Kinder würden demnach im Unterricht einschlafen. Liegt es an zu viel Medien-Zeit zu Hause, an falscher Ernährung, Trägheit durch Bewegungsmangel? Eine Lehrerin der Veltener Linden-Grundschule mahnte jedoch, die Mündigkeit der Eltern nicht zu pauschal mit dem pädagogischen Zeigefinger anzuzweifeln. „Was haben eigentlich die Lehrkräfte in ihren Essenspaketen?“, fragte sie. „Wir müssen Vorbilder sein.“

Problem für Eltern: Gemüse teurer als Toastbrot

Manchmal hat schlechte Ernährung finanzielle Gründe. Gerade Familien, die mit wenig Geld auskommen müssen, sehen sich oft außerstande, für eine gesunde Ernährung zu sorgen. Frisches Obst und Gemüse sind teurer als Toastbrot und Nuss-Nugat-Aufstrich. Laut dem Deutschen Kinderhilfswerk lebt jedes vierte Kind im Osten der Republik von Hartz IV. „Für ein gesundes Frühstück, Mittagessen, Abendbrot und einen kleinen Snack zwischendurch werden pro Tag rund sechs Euro benötigt“, hat das Hilfswerk ausgerechnet. Aktuell dürfte der Preis durch die Inflation weit höher liegen. „Der Hartz-IV-Regelsatz für die Ernährung von Kindern beträgt jedoch nur im Schnitt nur 3,59 Euro.“
Beteiligt am Projekt „Familie+“ haben sich die Grundschule Nord, die Sonnengrundschule und die Grundschule Theodor Fontane in Hennigsdorf, in Velten die Linden- und Löwenzahngrundschule: 26 Klassen mit mehr als 600 Kindern. 55 Familien hatten sich bereiterklärt, bei der wissenschaftlichen Begleitung durch Interviews, Messung der Bewegungsdaten und Fragebögen mitzumachen. In den Schulen wurden in bisher 60 Maßnahmen unter anderem die Themen Ernährung, Bewegung und Schlaf besprochen, aktiv und spielerisch vermittelt.
Das Projekt kann Erfolge verzeichnen. So gibt es in Hennigsdorf nun „bewegte Pausen“, in Velten die „KochOase“, eine Kooperation mit dem Jugendfreizeitzentrum „Oase“. „Wir erlernen seit Januar den Umgang mit Lebensmitteln, bauen selbst im Garten an“, erklärte Oase-Leiterin Yvonne Scherdin die gelebte „Alternative zu Pommes“. Es sei ein Erfolgsprojekt, bei dem jedes Mal bis zu 20 Kinder mitmachen. Zudem gebe es das Projekt „Ofenherz“. Nicht nur in der Pandemie hätten Kinder durch zu wenig Bewegung zugenommen. „Ofenherz“ ist ein Zusammenschluss mit Vereinen. „Durch Veranstaltungen können Kinder die Sportvereine kennenlernen.“ Erste Erfolge hätten sich eingestellt in Form von mehr Selbstbewusstsein und Gewichtsabbau der Kinder.

Übergewicht führt zu Diabetes und Atemnot

Wie schwerwiegend Übergewicht sein kann, zeigen die möglichen Folgen: Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Gelenkschmerzen, besonders Knie und Rücken, Leberverfettung und –entzündungen, Atemnot. Das Projekt „Familie+“ soll deshalb in den Schulen fortgeführt werden. „So sollen verschiedene Unterrichtssequenzen regelhaft in den Unterricht der dritten und vierten Klassen aufgenommen, Familien weiter aktiv einbezogen und die individuellen Angebote in den Kommunen möglichst weiter ausgebaut werden“, so Amtsärztin Simone Daiber. Mit dem Projekt „Gesund aufwachsen in Oberhavel“ will der Landkreis Strukturen etablieren, um „die Gesundheitsförderung und Prävention im Kindes- und Jugendalter zu etablieren, zu unterstützen und zu steuern“, heißt es.
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