Innenstadthandel: Hennigsdorfer Geschäftesterben

Die Havelpassage verbreitet zumeist einen belebten Eindruck. Doch trotz der hohen Kundenfrequenz verschwinden immer wieder langjährig geführte Fachgeschäfte.
Roland BeckerDer Zuwachs an Verkaufsfläche dürfte vor allem auf die Eröffnung der Kaufland-Filiale zurückzuführen sein. Damit verbunden war auch eine Revitalisierung des Erdgeschosses, das zwischenzeitlich wieder voll vermietet war. Mittlerweile stehen jedoch erneut zwei große Verkaufsflächen leer.
Die Verfasser der Studie urteilen, dass es in Hennigsdorf im Bezug auf den Durchschnitt in deutschen Mittelzentren sowohl weniger Geschäfte als auch Verkaufsfläche gibt. Eine große Rolle spielt dabei der Handel im Internet. In der Studie heißt es: „Auch die Online-Affinität der älteren Generationen steigt.“ Das betrifft vor allem Bekleidungs- und Elektronik-Einkäufe. Hier hat sich ein Viertel des Umsatzes ins Internet verlagert. 2009 lag dieser erst bei neun Prozent. Darüber hinaus gerieten vor allem mittelpreisige Anbieter zunehmend unter Druck.
Rund 240 Kunden-Interviews haben ergeben, dass die Hennigsdorfer vor Ort in erster Linie Lebensmittel und Drogerieartikel einkaufen. Vor allem bei Bekleidung und Schuhen sowie bei Unterhaltungselektronik fließe viel Kaufkraft in die Berliner Einkaufszentren ab. Das dürfte sich noch verstärken, wenn voraussichtlich 2020 die Warenhauskette Galeria Kaufhof in Tegel eine Filiale eröffnet und ein Jahr später das damit verbundene Tegel-Quartier fertig wird.
Online-Handel als Konkurrent
Obwohl sie den Online-Handel zunehmend nutzen, vermissen die Hennigsdorfer in ihrer Stadt mehr Angebote für Kleidung und Elektronik. Andererseits: Gerade Fachgeschäfte wie der Jeansshop am Havelplatz und der Sportanbieter in der Passage mussten mangels Umsatz in den vergangenen Jahren schließen.
Laut der Studie verfügen die Hennigsdorfer über eine Kaufkraft von knapp 155 Millionen Euro. Damit liegt diese bei 95 Prozent des Bundesdurchschnitts. Die Hennigsdorfer Geschäftswelt kann von einem Jahresumsatz von 125 Millionen Euro ausgehen. In dieser Summe sind Einkäufe von Kunden benachbarter Gemeinden enthalten.
Obwohl die Zahl der Geschäfte erheblich abgenommen hat, liegt die Leerstandsquote nur bei sechs Prozent. Standen 2009 noch 19 Läden leer, seien es 2019 nur vier gewesen. Auch dies darf im Zusammenhang mit dem Einkaufszentrum Ziel stehen. Wo jetzt Kaufland Kunden erwartet, befand sich zuvor rund ein Dutzend fast ausschließlich leer stehender Geschäftsräume.
Gegen die Attraktivität des Hennigsdorfer Zentrums spreche auch die Zahl der Billiganbieter. Deren Zahl habe von vier auf sieben zugenommen, die Verkaufsfläche stieg von 1 100 auf 2 700 Quadratmeter.
Bei der Befragung der Händler stellte sich heraus, dass sie der Hennigsdorfer Geschäftswelt die Note 3 geben. Besonders negativ wurden die Warenvielfalt, die Qualität und das gastronomische Angebot bewertet. Bei Letzterem wünschen sich auch die Hennigsdorfer mehr Vielfalt.
Gibt es im Zeitalter des Online-Handels überhaupt Chancen, das Geschäftsleben in Kleinstadtzentren zu stärken? Die Verfasser der Studie äußern sich sehr zurückhaltend. Sie empfehlen der Stadt, weiterhin auf Einkaufszentren auf der grünen Wiese zu verzichten; einen Weg, den Hennigsdorf ohnehin seit 30 Jahren geht. Sie empfehlen, gemeinsam mit den Händlern ein Citymanagement aufzubauen und einen Runden Tisch zur Lösung von Problemen zu initiieren. Und sie mahnen eine "aktive Wirtschaftsförderung“ seitens der Stadtverwaltung an. Allerdings wird im Rathaus seit Jahren immer wieder betont, dass die Verwaltung hinsichtlich der Ansiedlung von Geschäften nur über sehr geringe Steuerungsmöglichkeiten verfüge.
Was vermisst wird
Für die Studie wurden 240 Hennigsdorfer auch danach befragt, welche Warengruppen sie in ihrer Stadt vermissen.
An erster Stelle und das mit weitem Abstand steht der Wunsch nach mehr Vielfalt bei Bekleidungsgeschäften, den 44 Prozent äußern. 34 Prozent fehlen Angebote in der Unterhaltungselektronik.
Jeweils gut zehn Prozent beklagen, dass es zu wenig Anbieter von Lebensmitteln, in der Gastronomie sowie bei Schuh- und Lederwaren gibt. Auch ein Kino wird vermisst.
Der Wunsch nach einem Kaufhaus oder Shopping-Center ist gegenüber der Befragung von 2009 deutlich gefallen, und zwar auf drei Prozent. Als Ursache dafür wird die Revitalisierung des Einkaufszentrums Ziel inklusive der Eröffnung von Kaufland gesehen.⇥rol
