Jubiläumsausstellung
: Mit Vokuhila zur Maueröffnung

Am 13. Januar 1990 konnte sich nach 28 Jahren erstmals wieder Hennigsdorfer und Reinickendorfer auf direktem Weg besuchen. Vom damaligen Volksfest erzählt jetzt eine Ausstellung.
Von
Roland Becker
Hennigsdorf
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  • Blitzblank soll die Vitrine wirken, in der Stadtarchivarin Jeanette Voigt die Dienstmütze des letzten französischen Stadtkommandanten von Berlin, François Cann, platzieren will. Sie stellt sozusagen das Sahnehäubchen der Fotoausstellung dar.

    Blitzblank soll die Vitrine wirken, in der Stadtarchivarin Jeanette Voigt die Dienstmütze des letzten französischen Stadtkommandanten von Berlin, François Cann, platzieren will. Sie stellt sozusagen das Sahnehäubchen der Fotoausstellung dar.

    Roland Becker
  • Der Schnappschuss vom Wunsch nach guter Nachbarschaft gelang damals Roland Köhnke.

    Der Schnappschuss vom Wunsch nach guter Nachbarschaft gelang damals Roland Köhnke.

    Roland Becker
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Zeit für eine Fete

Was am 13. Januar 1990 an der noch existierenden Mauer, die nun ein offizielles Schlupfloch bekam, los war, kann wohl nur noch mit der Einfahrt der ersten S-Bahn 1998 verglichen werden. „Mehr als 10 000 Menschen, manche sprechen auch von 30 000, waren gekommen“, hat Voigt erfahren. Wer die ausgestellten 33 Fotos – viele der Zeit geschuldet mit einem Braunstich oder in Schwarz-Weiß – anschaut, der wird hineingerissen in die Freude, aber auch in den sprachlichen Witz der damaligen Zeit. "Es ist jetzt an der Zeit, daß unsere Fete an der Mauer steigt“, ist auf einem Plakat zu lesen, das an einem Drahtzaun hängt. Die Fete fand an diesem Tag längst statt. Ob Feuerwehr, Taubenzüchterverein oder einfach die Oma von nebenan: Es wurden Brötchen belegt, Kuchen gebacken und Kaffeekannen gefüllt. Ein Plakat spielt mit ostdeutschem Wortschatz: „Gesamtdeutscher Getränkestützpunkt Hennigsdorf-Westberlin“. An jenem Tag war jeder zu jedem freigiebig. Mit einer Ausnahme, und genau die spiegelt die Schlagfertigkeit der damaligen Zeit wider: Während die Tische zum Brechen voll mit Speisen und Getränken beladen waren, gab es einen, auf dem nichts stand. Außer einem Schild: „Für Genossen gibt es hier nichts.“ Damit waren nicht die des Reinickendorfer Bezirksbürgermeisters Detlef Dzembritzki (SPD) gemeint, sondern die der sich im Wandel befindlichen SED-PDS.

Dzembritzki war es gewesen, der alle schon damals üblichen Planungserfordernisse beiseite geschoben hatte, und einfach die paar Meter Straße durch die Mauer bauen ließ. Den Segen von Ostseite hatte er. Der damalige Vorsitzende des Rat des Kreises Oranienburg, Dirk-Uwe Michaelis, war mit dem Straßenbau auch auf Ostseite einverstanden. Allerdings, so erinnerte sich Dzembritzki vor fünf Jahren im Gespräch mit dieser Zeitung, habe der Ost-Politiker damit gerechnet, dass der Bau des Straßenabschnitts ein Jahr dauern würde. Stattdessen wurde der Asphalt binnen einer Woche gegossen. Die beiden damaligen Politiker, die plötzlich so vieles verband, werden am Montag in ihren Erinnerungen schwelgen können. Sie sind eingeladen, auf dem Podium zur Gesprächsrunde Platz zu nehmen. Moderiert wird das Gespräch übrigens von Hennigsdorfs damaligem evangelischen Pfarrer Hans Misselwitz.

„Ich bin sehr aufgeregt, ob am Montag alles glatt geht“, lässt die Hennigsdorfer Archivarin ein wenig Lampenfieber erkennen. Ist es doch die erste Ausstellung, die sie federführend organisiert hat. Für Jeanette Voigt war die Arbeit der vergangenen Monate selbst eine Reise in eine unbekannte Zeit. „Ich war damals zwölf Jahre und an dem Tag nicht mit dabei.“ Als sie die rund 100 eingesandten Fotos sichtete, holte sie diesen Tag nach. „Da sind sehr schöne, emotionale Bilder dabei“, versichert sie. Geholfen hat dabei ein Zeitungsaufruf im August vorigen Jahres. „Ich hatte gar nicht damit gerechnet“, kommentiert Voigt die daraus resultierende Resonanz. Erstaunlich dabei: Von den 14 Zeitzeugen, die sich meldeten, stammt die Hälfte aus dem damaligen Westberlin.

Etwas Außergewöhnliches hat der Heiligenseer Künstler Martin Gietz beigesteuert. Zwischen all den Fotos hängen drei Radierungen, die 1989 entstanden sind. „Die Radierung ‚Mauer’ entstand im Sommer 1989 bei einer meiner Radtouren zwischen Heiligensee und Frohnau“, erinnert er sich. Wenige Tage nach dem Mauerbau ließ er über eine Zeitung wissen, dass er gern einen Künstler aus dem Osten kennenlernen würde. Es war der Grundstein für die Freundschaft mit Lothar Gemmel, die bis zu dessen Tod 1995 hielt. Für den 13. Januar 1990 hatten sich die beiden mit Radierplatten und Zeichenutensilien im Gepäck am Ort der Grenzöffnung verabredet. Die an diesem Freudentag entstandenen Radierungen sind in der Ausstellung vereint auf einem Bogen zu sehen.

Hoffen auf Gemeinsamkeiten

„Es ist ein tolles Lebensgefühl, dass man jetzt auch rüber kann.“ Diesen Satz im Grenzöffnungsfilm sagt kein Hennigsdorfer. Es war eine Westberliner Lehrerin, die sich damals über dieses neu gewonnene Stück Freiheit freute. Bezirksbürgermeister Detlef Dzembritzki rief den feiernden Menschen zu: „Kreis Oranienburg und Reinickendorf: Freut euch! Überwinden wir Probleme und nutzen die Chancen für eine gemeinsame und friedliche Zukunft!“

Mit von der Partie war an diesem Tag auch François Cann, der letzte französische Stadtkommandant von Berlin. Auch ihn hatte die Stadtarchivarin angeschrieben, um auf dem Podium in Erinnerungen zu schwelgen. „Es kam leider keine Antwort“, bedauert sie. Aber immerhin: Dessen originale Dienstkappe wird dank des Hennigsdorfer Polizeimützen- Sammlers Andreas Skala die Ausstellung bereichern. Und wer Interesse an der damaligen Mode hat, der kann sich die beiden Schaufensterpuppen anschauen, die den Schick der ausgehenden 1980er-Jahre präsentieren.

An dem kalten und sonnigen 13. Januar 1990 spielten Glühwein und Schmalzstullen eine wichtige Rolle. Den heißen Schluck durch die Kehle laufen lassen und ins Schmalzbrot beißen, dieses Gefühl wird 30 Jahre später erneut vermittelt. „Wir bauen auf dem Hof Bierzeltgarnituren auf. Es soll ein wenig wie damals sein“, verspricht Jeanette Voigt.

Öffnungszeitender Ausstellung

"Wieder vereint" wird am Montag, 13. Januar, um 18 Uhr im Hennigsdorfer Bürgerhaus Alte Feuerwache, Hauptstraße 3, mit einem Film und einem Zeitzeugengespräch eröffnet. Die Rede hält Bürgermeister Thomas Günther (SPD). Zu sehen ist auch die Schere, mit der damals das ebenfalls ausgestellte Band zur Grenzöffnung durchgeschnitten wurde.

Die Ausstellung kann bis zum 23. Februar zu folgenden Zeiten besucht werden: dienstags 14 bis 18 Uhr, donnerstags 10 bis 16 Uhr und sonntags 14 bis 17 Uhr. Der Eintritt zur Schau ist frei.⇥rol