Raub in Berlin-Spandau: Gefesselt und geschlagen – Opfer erinnert sich vor Gericht

Vor dem Landgericht Berlin muss sich ein 28-Jähriger verantworten, dem zwei Überfälle in Spandau und am Ku-Damm in Berlin zur Last gelegt werden. Jetzt sagte ein Opfer aus Kladow aus.
Taylan Gökalp/dpaEs war eine Horrornacht, die Thomas W. am 13. Juni 2022 durchleben musste. „Ich hörte einen Knall, von dem ich gegen 4 Uhr aufwachte. Als ich gerade aufgestanden war, ging die Tür zum Schlafzimmer auf.“ Vor ihm standen zwei mit Basecap und schwarzer Corona-Maske ausgestattete Männer, einer davon habe eine Pistole auf ihn gerichtet.
Für den heute 70-Jährigen begann damit ein Martyrium, von dem er sich bis heute nicht richtig erholt hat. „Ich stand unter Schock“, sagt er am Dienstag (16. April 2024) am Landgericht Berlin vor der dritten Strafkammer unter Vorsitz von Richter Jochen Käbisch aus.
Der Pensionär zeigt sich schon im Gerichtsflur sichtlich verunsichert. Ob er denn den Angeklagten sehen müsse, fragt er einen Justizbediensteten. Der muss ihn beruhigen. Ihm könne nichts passieren, schließlich gebe es ja ihn und einen Kollegen.
Raub in Spandau: Aussage des Opfers steckt voller Details
Vor dem Angeklagten Felix R., einem 28-jährigen Obdachlosen, muss er sich allerdings nicht fürchten. Der hat schon am ersten Prozesstag ein Geständnis abgelegt, das sich in wesentlichen Punkten mit den Aussagen des Opfers deckt. Der Pensionär kann sich allerdings wesentlich detaillierter erinnern.
Die beiden Täter – der zweite konnte bislang nicht ermittelt werden – hätten sofort nach Geld, Schmuck & Co. gefragt. „Wir wissen, dass du Gold hast“, soll einer gesagt haben. Das konnte das Überfall-Duo allerdings nicht wissen. Felix R. hatte das Haus, in das sie durch das Einschlagen einer Terrassentür eindrangen, erst Minuten zuvor ausgewählt.
Ein Schlag mit der Waffe verursacht klaffende Wunde
Als Thomas W. sagte, dass er nichts von Wert besitze, sei er sofort mit dem Knauf der Waffe ins Kinn geschlagen worden. Davon trug er eine mehrere Zentimeter lange Wunde davon, die später im Krankenhaus genäht werden musste. „Sie haben mich dann ins Wohnzimmer gebracht.“ Dort habe ihn der Angeklagte bewacht, während sein Kompagnon auf die Suche nach Wertvollem das bungalowartige Haus im Spandauer Ortsteil Kladow durchsuchte. Der Angeklagte, den er im Gerichtssaal als einen der Täter erkennt, habe zwischenzeitlich ein Messer aus der Küche geholt, um ihn einzuschüchtern.
Opfer verlor das Zeitgefühl: „Ich stand unter Schock.“
Im Nachhinein kann sich der Überfallene nicht erinnern, wie lange er seinen Peinigern ausgeliefert war. „Ich stand unter Schock. Ich habe auch nicht registriert, dass ich mit der auf mich gerichteten Pistole hätte getötet werden können.“ Im Nachhinein stellte sich auch durch eine im Bett des Opfers gefundene Patrone heraus, dass es sich um eine Schreckschusswaffe gehandelt hat.
Was Thomas W. sehr wohl mitbekam und was ihn verwunderte, war die Auswahl der Beute. Dass die Täter aus seinem Portemonnaie bis zu 600 Euro raubten, konnte er aus deren Sicht nachvollziehen. „Aber was wollten sie mit einer Flasche Wodka, einem amerikanischen Basketball und einem Fernseher? Der ist doch ein bisschen sperrig“, wundert er sich noch heute. Auch seinen etwa 70 Jahre alten Spielautomaten – Wert etwa 1500 Euro – inklusive wertloser Groschen nahmen die Täter mit. Den Einbruch generell bezeichnet er als „Schnapsidee“. In seinem Viertel in Spandau gebe es weitaus luxuriöser wirkende Häuser.
Raub in Spandau: Mit Kabeln gefesselt
Die Horrornacht endete für ihn vorerst im Gästezimmer. Dort wurde er mit Kabeln, die die Täter aus dem Fernseher gezogen hatten, gefesselt. Der Angeklagte habe ihm auch damit gedroht, ihm seine Genitalien abzuschneiden. Auf jeden Fall solle er sich mindestens eine Viertelstunde nicht rühren. Sie kämen zurück und würden das überprüfen.
In der Tat kamen sein Bewacher – er meint den Angeklagten – nochmals zurück. Wenig später habe er sich befreien können: „Ich habe gleich gemerkt, dass sich die Kabel leicht lösen lassen.“ Nachdem er zu einer Nachbarin geflohen war, konnte die Polizei verständigt werden.
Das Opfer hat danach sein Haus verbarrikadiert
Den materiellen Schaden hat die Versicherung ersetzt. Psychisch aber leidet Thomas W. bis heute unter den Folgen des Überfalls. Danach traute er sich mehr als eine Woche nicht, in seinem Haus zu übernachten. „Jetzt habe ich überall Schlösser angebracht. Das ist verrückt. Und es ist mir widerwärtig“, sagt er vor Gericht. Generell sei er viel vorsichtiger geworden und schaue auf der Straße, wer dort entlanggeht. Um das Trauma verarbeiten zu können, habe er sich bis zum Herbst 2023 psychologisch betreuen lassen.
„Jetzt kommt alles wieder hoch“, beschreibt er seine Gefühle während der Vernehmung. Nachdem er aus dem Zeugenstand entlassen worden ist, bittet er den Richter: „Darf ich auch eine Frage stellen?“ Er möchte wissen, wie die Ermittelnden auf die Spur des Täters gekommen sind, nachdem der Fall zwischenzeitlich zu den Akten gelegt schien. „Es wurde eine DNA-Spur gefunden, die letztlich dazu geführt hat, auf den Täter zu kommen“, erläutert der Richter und fügt hinzu: „Ob der zweite Täter womöglich identifiziert werden kann, wissen wir nicht. Da haben wir noch nichts.“
Tipp des Angeklagten zum Mittäter führt ins Leere
Nach dem ersten Prozesstag schien es so, als könne man diesem laut dem Opfer brutaler aufgetretenen Täter auf die Spur kommen. Der Angeklagte hatte einen Nachnamen genannt, den die Mutter seines ihm vor dem Überfall unbekannten Mittäters trage und die in einem Altersheim nahe der Neuendorfer Straße in Spandau lebe oder gelebt habe. Doch trotz des sehr selten klingenden Nachnamen haben die sofort eingeleiteten Ermittlungen nichts ergeben.
Mit Überfall Drogen-Schulden bezahlen
Der Prozess scheint sich dem Ende zu nähern. Am Freitag (19. April) soll noch ein Gutachter gehört werden. Der dürfte sich auch mit der Drogensucht des Angeklagten beschäftigen. Sein Drogenkonsum war Ausgangspunkt dieses und eines weiteren Überfalls zwei Monate später in der Wohnung einer Rentnerin am Kurfürstendamm. Weil er bei seinem Dealer mit 6000 Euro in der Kreide stand, hatte ihn dieser zu den Überfällen gezwungen.
Am Freitag ist auch mit den Plädoyers zu rechnen. Unsicher ist, ob an diesem Tag bereits das Urteil gesprochen wird. Sollte dies nicht der Fall sein, ist damit am 26. April zu rechnen.

