Bahnhofstraße Königs Wusterhausen: Das sagen Anwohner zum Vorwurf der „Fressmeile“

Nicole Kliche in der Bahnhofstraße in Königs Wusterhausen. Was denkt sie über die Entwicklung der Einkaufsmeile?
Maria Häußler- Streit um Bahnhofstraße in Königs Wusterhausen – mehr Gastronomie, weniger Läden.
- Passanten berichten von Schließungen: Bauernkaufhaus, Reisebüro und Musikladen sind weg.
- Gründe laut Stadt: Onlinehandel, verändertes Kaufverhalten, Konkurrenz A10 Center.
- Bürger wünschen Vielfalt: Buchladen und Kino gelobt, Bedarf an Bio- und Secondhandladen.
- Stadt verweist auf „Citypartner“ und Konsumenten: Wer Handel will, muss vor Ort kaufen.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Die Bahnhofstraße in Königs Wusterhausen (Dahme-Spreewald) ist die zentrale Einkaufsstraße der Stadt. Es gibt den Woolworth-Markt, mehrere kleinere Kleidungsgeschäfte und auch einen Buchladen. Allerdings mussten auch etliche Geschäfte schließen, wie etwa das Bauernkaufhaus, das immer noch leer steht. Oder das Reisebüro und der Musikladen. Bei Neueröffnungen handelt es sich dagegen häufig um Restaurants.
Der 79-jährige Rainer Kugel vom Dahmelandmuseum spricht deshalb von einer Entwicklung zur „Fressmeile“. Er ist in Königs Wusterhausen geboren und archiviert sorgfältig alte Fotos und Artikel über die Stadt. Ist das nur die einzelne Perspektive eines Nostalgikers oder denken viele Bewohner aus Königs Wusterhausen und der Umgebung genauso?
Die 40-jährige Nicole Kliche wohnt seit vier Jahren in Königs Wusterhausen. Sie sei aber schon vorher häufig in KW gewesen, ihr Vater wohne auch hier. „Es ist nachvollziehbar, dass kleine Läden aussterben und eher die Gastronomie überlebt“, sagt Kliche. Sie kaufe auch selbst viel online. „Klar wäre es schön, wenn wir wieder Zeiten wie früher hätten“, Kliche zuckt die Schultern. „Ein Schneider, ein Schuhmacher und ein Bäcker, der selbst backt. Aber die Zeit hat sich nun mal gewandelt.“
Die Geschäfte in Königs Wusterhausen verschwinden
Wünschen würde sie sich in der Bahnhofstraße einen Bioladen und ein Secondhandgeschäft – zum Beispiel im Bauernkaufhaus. Dort könnte auch die „ein oder andere Kette“ rein, meint Kliche. „Es nervt mich tierisch, im A10 Center einzukaufen. Ich bin froh, wenn ich da wieder draußen bin“, sagt sie. Es sei doch noch etwas anderes, wenn man an der frischen Luft durch so eine Bahnhofstraße laufen könne. Gut finde sie, dass der Buchladen und das Kino Capitol existierten.
An einem Freitag Mitte Juni äußern sich ein paar Marktbesucher zur Entwicklung der Bahnhofstraße. Erika wartet am Darwinbogen auf den Bus in die Stadt. Die Wartezeit nutzt sie gern, um über die Innenstadt von Königs Wusterhausen zu sprechen, ihren Nachnamen will sie lieber nicht nennen.
„Das stimmt, die Geschäfte verschwinden nach und nach“, sagt die 63-Jährige. Sie vermutet, das könnte an den hohen Mieten liegen. „Nicht mal eine Reinigung gibt es. Auch der Buchladen hatte Schwierigkeiten, sodass er jetzt zu Hugendubel gehört.“ Sie versuche ja, in die kleinen Geschäfte zu gehen. Allerdings sehe sie sich auch oft gezwungen, online zu kaufen.
Es gebe so viele alte Leute in Königs Wusterhausen, aber das Angebot richte sich nicht an sie. „Sie wollen noch sehen und fühlen, was sie kaufen“, meint sie. Auf dem Markt angekommen, verabschiedet sie sich.

An den Marktständen in Königs Wusterhausen äußern sich Wartende zur Entwicklung der Bahnhofstraße.
Till EichenauerIn der Schlange zum Metzger wartet eine blonde Frau in Sportkleidung. „Gemeckert wird viel“, sagt die 70-jährige Nora aus Bestensee und lächelt. Allerdings hätte sie auch keine Idee, welchen Laden die Bahnhofstraße dringend braucht. Mit der Wende seien die Banken als Erstes hier in der Bahnhofstraße gewesen, erzählt sie und deutet in Richtung Sparkasse. „Ich denke, die DDR-Bürger haben sich etwas anderes erhofft“, sagt sie. Damit sei die Erwartung auch verschwunden, dass „mehr für das Innenstadtgefühl kommt“, glaubt sie.
Das A10 Center Wildau als Konkurrenz
Dann sei das A10 Center Wildau entstanden, damit hätten es die kleinen Geschäfte schwerer, sich zu etablieren. Sie staune immer noch, wie die Bekleidungsgeschäfte überleben. „Das ist ja aber nur Damenbekleidung, da sind die Herren auch außen vor.“ Auch den Buchladen erwähnt sie lobend und bedauert, dass auch der Musikladen in der Bahnhofstraße geschlossen ist. Kritik sei berechtigt, aber „die Medaille habe immer zwei Seiten“.
Stadtsprecherin Katrin Kunipatz teilt auf Anfrage mit, dass eine Entwicklung, wie sie in der Bahnhofstraße in Königs Wusterhausen zu beobachten ist, ein allgemeines Phänomen in deutschen Städten sei. Sie nennt den Onlinehandel und das veränderte Kaufverhalten als treibende Kräfte. Das A10 Center sei zudem ein „ernst zu nehmender Konkurrent“.
„Die Bahnhofstraße verändert sich – das sehen wir alle. Die Gastronomie hat in den letzten Jahren tatsächlich zugenommen“, so die Stadtsprecherin Kunipatz. Doch die Innenstadt sei „keinesfalls eintönig“ und in der Bahnhofstraße befinde sich eine vielfältige Mischung unterschiedlicher Geschäfte. Die Gastronomie ergänze dieses Angebot.
Die Möglichkeiten der Stadt einzugreifen, seien begrenzt, aber die Stadtverwaltung stehe über den Verein „Citypartner Königs Wusterhausen“ im Austausch mit den Gewerbetreibenden. Gemeinsam prüfe man, wo Angebote fehlen und wie Neuansiedlungen unterstützt werden können.
Kunipatz sieht die Verantwortung offenbar bei den Konsumenten: „Wer möchte, dass der Einzelhandel trotzdem in der Innenstadt bleibt, muss auch dort einkaufen. Keine Stadtverwaltung kann eine Innenstadt retten, wenn die Kaufkraft woanders landet.“
Viele der angesprochenen Passanten sind gar nicht direkt aus der Stadt und wollen sich deshalb nicht zur Entwicklung der Bahnhofstraße äußern, die gerade saniert wird. Sie loben den Markt. Aber auch viele Bewohner aus den umliegenden Gemeinden kennen die Stadt gut. Manche von ihnen sind anderer Meinung als Rainer Kugel: Zwar wären mehr Geschäfte schön, sie wollen aber auch essen gehen.
War früher wirklich alles besser in der Bahnhofstraße KW?
Auf einer Bank sitzt Patrick aus Königs Wusterhausen und isst ein Softeis. „Das hat ja alles zwei Facetten“, sagt er. Der 45-Jährige wohnt seit zehn Jahren in Königs Wusterhausen und sagt, er versuche die Entwicklung positiv zu sehen. „Einige Geschäfte haben zugemacht, andere geöffnet. Gut, mehr Döner sollten jetzt nicht entstehen. Aber es ist okay und der Leerstand hält sich in Grenzen.“
Das Kino Capitol bezeichnet er als „Schmuckstück“ und bedauert, dass man keine Konzertkarten mehr kaufen kann. Der Musikladen hat geschlossen. Aber statt des Bauernkaufhauses gebe es jetzt Rossmann. Er schlägt vor, daraus lieber ein Wohnhaus zu bauen. „Das ist Angebot und Nachfrage“, sagt er. Patrick ist überzeugt: „Da kann man nicht künstlich gegensteuern, sonst ist man wieder bei der Planwirtschaft.“

Blick auf das Kino und das heutige Restaurant „Jadegarten“ an der Ecke Storkower Straße. Die Bahnhofstraße in Königs Wusterhausen hat sich verändert. Aber ist das nur schlecht?
Dahmelandmuseum ArchivVor dem beliebten Imbiss Kanalwurst wartet eine 83-jährige Frau auf ihr Essen. Auch sie will ihren Namen nicht nennen. Auf das Stichwort „verändert“ steigt sie sofort ein, ohne das Ende des Satzes abzuwarten. „Es gibt keine Geschäfte mehr, alles weg“, sagt sie.
Sie hätte nichts gegen die Gastronomie, sagt sie, aber es fehle an Einkaufsmöglichkeiten. Immer müsse sie ins A10 Center fahren. „Ich wohne seit 1964 in KW. Man konnte alles kaufen.“


