Flughafen BER: 150 Prozent mehr Starts auf umstrittener Flugroute sorgen für Ärger

Ein Passagierflugzeug beim Start von der Südbahn am Flughafen Berlin-Brandenburg: Ein Anblick, den man in Eichwalde und Schulzendorf im vergangenen Jahr öfter sehen musste.
Patrick Pleul/dpa- Starts auf der 15-Grad-Route vom Flughafen BER stiegen 2024 um 151 % auf 1.037 Flüge.
- Gemeinden Schulzendorf, Eichwalde und Zeuthen fordern Maßnahmen gegen Fluglärm.
- Bürgermeister kritisieren Kurzstarts und fordern Nutzung der gesamten Startbahn.
- Eine Petition gegen Kurzstarts sammelte bis jetzt 4.921 Unterschriften; Ziel: 7.921.
- Neue Navigationstechnik soll 2025 spurtreuere Hoffmannkurven ermöglichen.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
„D06R-1Z“ – so heißt die Flugroute offiziell, die den Menschen östlich vom Flughafen BER auf die Nerven geht. Umgangssprachlich spricht man auch von der 15-Grad-Route, weil hier der Pilot nach dem Abheben in Richtung Osten das Flugzeug um nur 15 Grad nach rechts steuert und dann mehr oder weniger geradeaus über die Umland-Gemeinden Schulzendorf, Eichwalde und Zeuthen (Dahme-Spreewald) abhebt.
Die Route wurde im Jahr 2023 413 Mal geflogen, im Jahr 2024 waren es dagegen 1037 Mal. Das entspricht einem Anstieg von 151 Prozent. Deutlich mehr Flugzeuge sind aber immer noch die sogenannte Hoffmannkurve geflogen, die eingeführt wurde, um die dicht besiedelten Gebiete im Osten des BER zu entlasten.
Bei der Hoffmannkurve drehen die Flugzeuge nach dem Start von der Südbahn in niedriger Höhe von etwa 150 Metern in eine steile Rechtskurve, um so die Gemeinden östlich des Flughafens zu umfliegen. Die beiden Flugrouten, die mit der Hoffmannkurve starten, wurden 2023 16.071 Mal und 2024 16.406 Mal genommen.
33.000 Landungen über Eichwalde, Zeuthen und Schulzendorf
Die Zahlen gehen aus dem Fluglärmbericht für das Jahr 2024 hervor. Demnach ist nur etwa jeder dritte Flieger in Richtung Osten gestartet. Betrachtet man die Gesamtzahl von etwa 95.000 Starts gehen damit nur ein Prozent über die 15-Grad-Route. Dennoch sorgt der Anstieg für Unmut in den Gemeinden.
Eichwaldes Bürgermeister Jörg Jenoch ärgert sich über jeden Flieger mehr, der über seinen beschaulichen Ort startet: „Man darf hierbei nicht vergessen, dass wir die meisten Landungen von allen Routen hereinbekommen.“ Im vergangenen Jahr sind 33.800 Maschinen von Osten kommend auf der Südbahn gelandet.

Starts und Landungen vom BER in Richtung Osten. Die Flugroute D07R-1Z, auch 15-Grad-Route genannt, ist in der Mitte zu sehen (rot markiert). Sie überfliegt dabei die dichtbesiedelten Gemeinden Schulzendorf, Eichwalde und Zeuthen.
Screenshot Till Eichenauer (Fluglärmbericht 2024 der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH)Als Grund, warum 2024 mehr Flugzeuge vom BER geradeaus gestartet sind, statt die Hoffmannkurve zu fliegen, gibt es unterschiedliche Auskünfte. Der Flughafen schreibt auf Anfrage, dass hohe Temperaturen zu einem niedrigeren Steigverhalten der Flugzeuge führen und die Maschinen dann für die Hoffmannkurve nicht hoch genug fliegen würden. Aus demselben Grund seien volle und somit schwere Flieger ein Hindernis für das Manöver.
Schulzendorfs Bürgermeister Markus Mücke sieht ein Dilemma: „Wenn es warm ist und Ferienflieger vollgepackt sind, fliegen die Flugzeuge öfters geradeaus. Der Sommer ist aber die Zeit, in der die Schulzendorfer gerne mal im Garten sitzen.“
Bürgermeister: Intersections-Starts sind das Problem
Mücke glaubt eine Lösung für das Problem der fehlenden Höhe zu kennen: „Wenn die Flugzeuge am westlichen Ende der Startbahn starten würden, dann müssten sie im Osten genug Höhe für die Hoffmannkurve haben.“
Tatsächlich starten viele Flugzeuge erst ab der Mitte der Startbahn, der sogenannten Intersection. Gerade die schwer beladenen Flugzeuge sollten auf diese Kurzstarts verzichten, so Mücke. „Hier bedarf es einer verbindlichen Regelung, aber da ist im Moment keine große Bereitschaft zu erkennen.“
Um das zu ändern, hat Markus Mücke bereits im Juni gemeinsam mit seinen Amtskollegen aus Eichwalde und Zeuthen eine Petition gestartet. Titel: „Kurzstarts am BER unterbinden – Fluglärm vermeiden“. Ziel ist es Druck auf das Land Brandenburg auszuüben, damit diese die sogenannten Intersection Starts und die daraus folgende Lärmbelästigung durch niedrig fliegende Flugzeuge zu verringern.
Martens: Fehlverhalten von Airlines sorgt für Lärm
Jörg Jenoch wirbt ebenso für die Petition und gegen Kurzstarts. Besonders mit Blick auf die 15-Grad-Route: „Wenn die schweren Flugzeuge von ganz hinten starten würden, dann gehe ich ja davon aus, dass sie die Hoffmannkurve alle schaffen, auch bei Hitze“, so der Rathaus-Chef aus Eichwalde.

Fluglärmbericht 2024. Der 18. Oktober 2024 war der verkehrsreichste Tag bei Ostbetrieb. Klar zu sehen: Einige Flugzeuge starten nach Osten durch und nehmen nicht die Hoffmannkurve.
Screenshot Till Eichenauer (Fluglärmbericht 2024 der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH)Zeuthens Bürgermeister Philipp Martens nimmt hier die Fluggesellschaften in die Pflicht: „Das liegt an — ich muss es so sagen — Fehlverhalten von Airlines. Die setzten die Vorschriften oft nicht so um.“ Nur bei triftigen Gründen dürften Piloten die Geradeaus-Route wählen, Kurzstarts seien keine.
Die Deutsche Flugsicherung (DFS) bestätigt, dass die Hoffmannkurve stets Vorrang genießen sollte und die 15-Grad-Route nur für Flugzeuge vorgesehen ist, die die vorgeschriebene erhöhte Steigleistung für die Hoffmannkurve nicht einhalten könnten. Eine Nutzung der ganzen Startbahn würde hier aber nichts helfen. „Intersection-Take-Offs haben auf die Einhaltung der Höhenvorgaben nach unserem Kenntnisstand eher keine negativen Auswirkungen“, so die DFS.
Bürgermeister setzen auf Petition gegen Kurzstarts am BER
Hier scheinen sich zwei Meinungen unvereinbar gegenüberzustehen. Falls die Petition gegen die Kurzstarts Erfolg hat, wird sich mit der Frage wohl bald der brandenburgische Landtag befassen. Bislang haben 4.921 Menschen den Aufruf unterschrieben. Bis zum Ende der Petition am 5. September fehlen noch knapp 3000 Unterschriften.
Die drei Bürgermeister schauen nun auch gespannt auf die Einführung einer neuen „Performance Based Navigation“, die durch neue Technik den Flugverkehr effizienter und flexibler machen soll. Die DFS erwartet dadurch eine einheitlichere und spurtreuere Einhaltung der Hoffmannkurve. „Es wird aber flugzeugbedingt auch weiterhin einzelne Abflügen auf der 15-Grad-Route geben.“ Jörg Jenoch will sich nicht zu früh freuen: „Ich nehme das zur Kenntnis und warte ab, was sich verändert. Aber das sehen wir erst in einem Jahr.“

