Nach Brand in Königs Wusterhausen
: Familie in Wohnwagen soll Strom gekappt werden

Die Familie Langenhan aus Königs Wusterhausen verliert bei einem Hausbrand alles und zieht in Wohnwagen. Jetzt sollen sie 16.265 Euro für Strom bezahlen – sonst wird ihre Leitung abgestellt.
Von
Till Eichenauer
Königs Wusterhausen
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Marita Langenhan aus Niederlehme, Ortsteil von Königs Wusterhausen mit ihrer Tochter, Doreen, Schwiegersohn Mark und Enkelsohn Dustin.

Marita Langenhan aus Niederlehme, Ortsteil von Königs Wusterhausen, mit ihrer Tochter Doreen, Schwiegersohn Mark und Enkelsohn Dustin. Die Familie lebt nun in vierter Generation auf dem Grundstück am Ortsrand.

Till Eichenauer
  • Familie in Königs Wusterhausen droht Stromsperre wegen Rechnung über 16.265 Euro.
  • Nach Hausbrand wohnen sechs Angehörige in vier Wohnwagen auf eigenem Grundstück.
  • Zähler verzeichnete 37.795 kWh, zuvor waren es 2.713 kWh – Zähler ist sichtbar verrußt.
  • Eon setzt Sperrung vorläufig aus, Edis will Zähler prüfen und Messwerte verifizieren.
  • Zwei Angehörige sind pflegebedürftig, eines nutzt nachts ein Atemgerät und braucht Strom.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Marita Langenhan weiß nicht mehr weiter. „Die wollen uns heute abkappen. Und wir sitzen dann hier ohne Strom.“ Gemeint ist der Energieversorger Eon, der angekündigt hat, an diesem Freitag (25.9.) den Strom abzustellen. Die 71-Jährige sitzt in ihrem Wohnwagen am Waldrand in Niederlehme, einem Ortsteil von Königs Wusterhausen, und ist verzweifelt. Sie soll für das vergangene Jahr eine Stromrechnung über 16.265 Euro und 28 Cent bezahlen.

Auf dem Grundstück neben der Kleingartenanlage „Waldhöhe“, knapp anderthalb Kilometer von der Berliner Stadtgrenze entfernt, wohnt sie mit ihrer sechsköpfigen Familie in vier Wohnwagen. Aber nicht als freiwillige Dauercamper, sondern weil ihnen vor mehr als zwei Jahren, am Nachmittag des 16. Februar 2024, ihr Haus vollständig abgebrannt ist.

Auf dem gleichen Grundstück versuchen Marita Langenhan, ihre Tochter Doreen, ihr Schwiegersohn Mark und die drei Enkelkinder Dustin, Sarah und Anna-Lysa seitdem, ihren Alltag zu bestreiten. Nun steht der dritte Winter in den behälfsmäßigen Unterkünften vor der Tür und in der Familie geht die Angst um, dass ihnen im Herbst der Strom abgeschaltet wird. Bei jedem Auto, das an diesem Vormittag am Grundstück vorbeifährt, schreckt die Familie auf und läuft zum Gartentor, um zu sehen, ob es die gefürchteten Techniker sind, die zum Stromkasten wollen.

Stromzähler nach Brand in Königs Wusterhausen weiter in Betrieb

In besagtem Stromkasten befindet sich ein Stromzähler. Der gleiche, der auch bis zum Frühjahr 2024 im mittlerweile abgebrannten Haus eingebaut war – und das sieht man ihm auch an. Die Zahl auf dem Zähler ist kaum lesbar, die Scheibe halb mit Ruß verdeckt. Dieser Zähler hat laut Rechnung im Zeitraum vom 16. Januar 2025 bis zum 22. Januar 2026 einen Stromverbrauch von 37.795 Kilowattstunden aufgezeichnet, was zur gewaltigen Rechnungssumme von 16.265 Euro geführt hat.

Marita Langenhan aus Niederlehme, Ortsteil von Königs Wusterhausen mit ihrer Tochter, Doreen, Schwiegersohn Mark und Enkelsohn Dustin.

Blick in den Stromkasten der Familie Langenhan aus Niederlehme, Königs Wusterhausen. Der Zähler scheint den Hausbrand nicht spurlos überstanden zu haben.

Till Eichenauer

Die Familie kann sich die Kosten nicht erklären. „Wir heizen die Wohnwagen nicht mit Strom, sondern mit Gasheizungen und Propangasflaschen. Die holen wir von der Tankstelle“, erklärt Marita Langenhan. Die größten potenziellen Stromverbraucher seien zwei Kühlschränke und eine Eistruhe in den vier Wohnwagen auf dem Gelände. Für einen enormen Stromverbrauch von 37.795 Kilowattstunden müsste man rein rechnerisch aber etwa 300 mittelgroße Kühlschränke für ein ganzes Jahr laufen lassen.

Atemaussetzer: Kein Strom in der Nacht wird zur Lebensgefahr

Bemerkenswert ist, dass die Familie im Jahr zuvor mit einem Stromverbrauch von 2.713 Kilowattstunden nur einen Bruchteil verbraucht hatte. Ein Wert, der laut Stromverbrauchsrechner auf der Website von Eon zu einem Sechs-Personen-Haushalt passt. Durch den drastischen Anstieg um das 14-Fache steigt allein der monatliche Abschlag laut Rechnung für das laufende Jahr auf 1.051 Euro pro Monat.

Geld, das die Familie schlicht nicht hat. Sowohl der Enkel der 71-jährigen Marita Langenhan, Dustin, als auch der Schwiegersohn Mark, sind beide schwer pflegebedürftig. Mark Langenhan hat nach einem Unfall lange Atemaussetzer in der Nacht und ist deswegen auf ein Atemgerät angewiesen. „Wenn der Strom jetzt abgestellt wird, ist das lebensgefährlich für mich“, sagt er.

Marita Langenhan aus Niederlehme, Ortsteil von Königs Wusterhausen mit ihrer Tochter, Doreen, Schwiegersohn Mark und Enkelsohn Dustin.

Marita Langenhan in ihrem Wohnwagen

Till Eichenauer

Die jüngste Enkelin Anna-Lysa will laut der Familie in diesem Jahr ihren Schulabschluss machen. Aber wie Hausaufgaben machen, im dunklen Winter ohne Strom in einem Wohnwagen? „Wenn uns der Strom abgestellt wird, dann fließt hier auch kein Wasser mehr“, sagt Marita Langenhan.

Bange ruft die Familie die Eon-Service-Nummer an, die auf dem Brief steht, der die Abschaltung des Stroms für den 25. September ankündigt. Eine Mitarbeiterin erklärt dort, dass der Strom nicht zwingend an diesem Freitag abgeschaltet wird, sondern ab jetzt jederzeit abgeschaltet werden könne. Eine sichtlich belastende Ungewissheit für Langenhans.

Eon setzt Sperrung des Stromanschlusses vorläufig aus

Auf Nachfrage dieses Nachrichtenportals reagiert die Pressestelle von Eon vier Tage später: „Die Sperrung haben wir im ersten Schritt sofort ausgesetzt, damit allen Beteiligten genug Zeit für die Klärung der Hintergründe bleibt“, so Pressesprecher Arne Schleef des Konzerns. Die Rechnung beruht auf den Daten, die der zuständige Netzbetreiber, also die Firma Edis aus Fürstenwalde, zur Verfügung gestellt habe.

Marita Langenhan aus Niederlehme, Ortsteil von Königs Wusterhausen mit ihrer Tochter, Doreen, Schwiegersohn Mark und Enkelsohn Dustin.

Marita Langenhan aus Königs Wusterhausen mit zwei Ziegen auf ihrem Grundstück. Die Familie versucht, sich teilweise selbst zu versorgen.

Till Eichenauer

Laut Eon wurde im Februar ein Zählerstand von 48.000 Kilowattstunden durch Edis-Mitarbeiter abgelesen. Für den 15. Januar 2025 wurde ein Zählerstand von 50.408 Kilowattstunden errechnet und im darauffolgenden Januar ein Stand von 88.203 Kilowattstunden wiederum vor Ort abgelesen.

Edis will Stromzähler in Niederlehme prüfen lassen

Auch Edis äußert sich auf Anfrage zum Stromzähler: „Wir haben seitens E.DIS Netz jetzt zügig Kontakt mit der Netzkundin aufgenommen und streben eine Prüfung des in Rede stehenden Zählers an“, so Unternehmenssprecher Danilo Fox. Eine Prüfung habe aber bislang noch nicht stattgefunden.

Falls sich hierbei herausstellen sollte, dass der bisher veranschlagte Stromverbrauch nicht stimmt, will auch Eon reagieren: „Sollten uns korrigierte Messwerte übermittelt werden, nehmen wir selbstverständlich eine Korrektur unserer Jahresrechnung vor“, so Sprecher Arne Schleef.

Marita Langenhan wohnt seit 1961 auf dem Grundstück, wuchs dort mit ihren acht Geschwistern, ihrer Mutter und ihrem Vater, einem Volkspolizisten, auf. Wegen der schwierigen finanziellen Lage versucht sich die Familie teilweise selbst zu versorgen. Sie halten einige Hühner und pflegen Gemüsebeete. Sogar zwei kleine Ziegen haben sie.

In ihrem Wohnwagen sitzt Marita Langenhan, umringt von ihren Plüschtieren, und gibt sich kämpferisch – trotz aller Widrigkeiten: „Wir wollen hier bleiben. Das ist unser Grundstück, hier leben wir.“