Tantra in Wildau
: Darum schließt das Massage-Studio

InterviewTantra-Masseurin ist kein 0815-Job – vor allem nicht in Brandenburg. Studios sind rar. Britta Kittel aus Wildau hat den Beruf für sich entdeckt, nun aber trotzdem die Reißleine gezogen.
Von
Wiemke von Hören
Wildau
Britta Kittel aus Wildau bietet nebenberuflich Tantra-Massagen an. Für eine Sequenz verwendet sie Hilfsmittel, die ihre Gäste überraschen sollen.

Britta Kittel aus Wildau bietet nebenberuflich Tantra-Massagen an. Für eine Sequenz verwendet sie Hilfsmittel, die ihre Gäste überraschen sollen. Das Ziel dahinter ist ein anderes.

Wiemke von Hören

Jahrelang hat die gelernte Heilpraktikerin Britta Kittel in einem Berliner Studio und bei sich zu Hause in Wildau Tantra-Massagen angeboten. Jetzt ist damit jedoch Schluss. Im Interview spricht sie über die Gründe für diesen Schritt, wie sie Tantra damals für sich entdeckt hat – und warum viele Menschen es automatisch mit Erotik und Sex verbinden.

Warum geben Sie Ihr Tantra-Studio auf, Frau Kittel?
Ich ziehe wieder zurück nach Mallorca. 2022 bin ich ausgewandert und war nur wegen familiärer Angelegenheiten wieder für zweieinhalb Jahre in Berlin. Ich biete hier auch keine Tantra-Massagen mehr an, ich konnte nur den Google-Maps-Eintrag noch nicht entfernen.

Nehmen Sie Ihre Arbeit mit?
Ja, ich werde nebenberuflich auch auf Mallorca Tantra-Massagen anbieten.

Wie kamen Sie überhaupt dazu, Tantra-Massagen anzubieten?
Ich habe als Heilpraktikerin schon Körperarbeit gemacht und traditionelle hawaiianische Massagen angeboten. Ungefähr 15 Jahre, nachdem ich mich das erste Mal mit Tantra auseinandergesetzt hatte, kamen die ersten Anfragen nach Tantra-Massagen auf. Dann habe ich umgesetzt, was ich seit Jahren schon privat praktiziert habe.

„Eine erfüllte Sexualität bringt uns keiner bei.“
Britta Kittel
Tantra-Masseurin

Und wie haben Sie Tantra für sich privat entdeckt?
Ich war unzufrieden mit der Sexualität in meiner Partnerschaft und habe anhand eines Buches entdeckt, wie bewusste Sexualität stattfindet. In der Schule lernen wir, wie Genitalien aufgebaut sind und wie man ein Kondom benutzt. Aber eine erfüllte Sexualität bringt uns keiner bei.

In dem Buch steht, dass Frauen meistens die männliche, also die schnelle Sexualität übernehmen. Frauen sind aber ganz anders, öffnen sich langsamer.

Über das Buch haben Sie den Weg zu Tantra gefunden?
Über die Übungen aus dem Buch, die dabei helfen sollen, einander wirklich zu begegnen und nicht übereinander herzufallen. Das hat erst in einer späteren Beziehung funktioniert. Mit der Person habe ich auch gemeinsam ein Tantra-Seminar besucht.

Was bedeutet Tantra für Sie?
Alles Lebendige zu lieben. Egal, wie etwas oder jemand aussieht. Das tiefste Bedürfnis, das im Tantra befriedigt wird, ist das nach Liebe und Wertschätzung auf der nacktesten, rohesten Ebene. Das hat auch symbolischen Charakter: Wir nehmen uns an, ohne die alltäglichen Rollen. Tantra ist für mich Heilung und nach Hause kommen. Und die Tantra-Massage ist ein Teil des Weges.

Wie läuft eine Tantra-Massage bei Ihnen generell ab?
Nach einem Vorgespräch findet die Tantra-Zeremonie statt. Sie wird mit einem „Namaste“, einem traditionellen indischen Gruß, geöffnet und später auch geschlossen.

Überraschung ist ein Teil der Tantra-Massage

Dazwischen ist der Liebes-Raum, in dem ich mich ganz auf die Bedürfnisse des Gegenübers einlasse, damit er sich öffnen kann. Bei der Sequenz im Liegen berühre ich den Menschen mit Federn, Fell oder warmen Lappen. So kann er bei sich ankommen, Vertrauen aufbauen und gleichzeitig überrascht werden.

Warum soll die Person überrascht werden, wenn es um Entspannung geht?
Um sie aus ihrem Kopf zu bekommen. Die meisten Menschen suchen Entspannung und möchten ihren Körper spüren. Durch die verschiedenen Berührungsqualitäten sind sie bewusst bei dem, was gerade passiert.

Dann folgt eine Ölmassage, bei der ich mit dem ganzen Körper massiere und durch Ausstreichen die Energien im Körper balanciere. Dadurch fühlt der Mensch seinen Körper mehr. Auch bei der Massage von Lingam, dem Penis, und Yoni, der Vagina, geht es nicht um Stimulation. Selbst wenn es sich lustvoll anfühlen kann. Sondern darum, dass die sexuelle Energie durch den ganzen Körper fließt und ihn heilt.

Eine große Matratze, viel Licht und verschiedene Hilfsmittel für die Tantra-Massage. So sieht der Tantra-Raum von Britta Kittel in Wildau aus.

Eine große Matratze, viel Licht und verschiedene Hilfsmittel für die Tantra-Massage. So sieht der Tantra-Raum von Britta Kittel in Wildau aus.

Wiemke von Hören

Andere Tantra-Masseure vermeiden das Wort Heilung. Sie nicht?
Es geht um Selbstheilungskräfte. Das, was der Körper braucht, bekommt er von der Energie. Die fließt durch die Massage dahin, wo sie gebraucht wird.

Was zeichnet ihre Tantra-Massagen aus?
Gesang, also einfache Töne oder Mantren. Das ist mein Kanal, mit dem ich Menschen erreiche, damit sie loslassen können.

Wie beenden Sie die Massage?
Ich halte die Person, dann bedecke ich sie mit einem Tuch und lasse sie sich selbst spüren und das Erfahrene annehmen. Dabei werden nicht viele Worte gewechselt. Die Massage an sich ist schon Therapie. Es geht darum, es wirken zu lassen.

Vor der Tantra-Massage verschickt Kittel aus Wildau AGBs

Sehen Sie Tantra-Massagen als Therapie an?
Ich sehe das aus meiner Sicht als Heilpraktikerin als eine Art Sexualtherapie, als einen therapeutischen Ansatz.

Wie wirkt eine Tantra-Massage auf Ihre Gäste?
Sie schenkt ihnen tiefe Ruhe und Entspannung. Sie sind geerdeter und können liebevoller mit sich und ihren Mitmenschen umgehen, weil das tiefe Bedürfnis nach Liebe, Berührung und Wertschätzung gestillt wird.

Sind auch Menschen zu Ihnen nach Wildau gekommen, die mehr als eine Massage erwarteten?
Eigentlich nicht. Es gibt manchmal Männer, die nur für eine Stunde kommen wollen und nicht bereit sind, sich in den weiblichen Raum langsamer, tiefer Begegnung zu begeben.

Wie gehen Sie damit um?
Die Anfragen beantworte ich mit einem klaren Nein, lade die Männer aber zu einem Gespräch ein. Außerdem verschicke ich AGBs in denen zum Beispiel steht, dass es keine Erotik-Massage gibt.

Warum assoziieren viele Tantra automatisch mit Sex oder Erotik?
Nacktsein und ein geschaffener Raum der Liebe rutschen schnell ins Erotische und Oberflächliche ab. Das ist ein gesellschaftliches Problem. Aber bei einer Tantra-Massage geht es um die tiefe Verbindung, nicht um den Orgasmus.

Ein anderes Problem ist Scham. Das bemerke ich oft schon in Gesprächen. Die Menschen schämen sich, über die eigenen Unsicherheiten und Erwartungen zu sprechen. Die Scham ist immer da, auch wenn sie von manchen gut versteckt wird.

Was mögen Sie an Ihrem Beruf als Tantra-Masseurin?
Die Nähe, den tiefen Kontakt und die Berührungen. Das zu geben, erfüllt mich sehr. Und das Lernfeld ist schön: Jeden so zu lieben, wie er ist.

Wie sind Ihnen die Nachbarn in Wildau begegnet?
Die finden das interessant. Das liegt aber auch daran, wie ich mich gebe. Wenn ich in mir sicher bin, begegnen mir auch die Menschen so.