Im vorigen Jahr packte er an. Er suchte und fand mit Anja Tilgner eine, die federführend mithelfen wollte. "Ich hätte nie gedacht, dass das mal Realität werden kann", sagt die Chefin der Boccia-Spieler. "Mit dieser Resonanz war wirklich nicht zu rechnen. Als zum Auftakt so viele kamen, dachte ich: Mich tritt ein Pferd. Ich bin sehr gespannt, wie viele nun beibleiben", gibt sich Anja Tilgner neugierig.
Pläne wurden 2019 entworfen, Kontakte geknüpft, Chancen auf Fördermittel unter der Hoheit eines Sportvereins gecheckt. Baustart im Herbst. Im Januar wurde die kleine, feine Anlage soweit fertig gestellt, dass alle dem ersten Wurf entgegen fieberten. Lange. Mehr als fünf Monate. Corona torpedierte die Zeitschiene. Aber kaum endete das erste Halbjahr und wurden die Beschränkungen gelockert, ging es los. Montag, 6. Juli. "Zum ersten Treffen kamen immerhin 16 Leute", setzte Ingo Lamprecht ein breites Lächeln auf. Regelkunde stand an und ein Beschnuppern. Auch erste Partien.
Zwei Bahnen liegen am Eingang gegenüber der inzwischen abgesperrten Parkzone aus Richtung Schule, dem Haupttor des Frank-Jeske-Sportplatzes. 15 Meter lang, drei Meter breit sind die Spielflächen. Der graue Splitt wird eingefasst von einem Hochbord und dreiseitig von Feldsteinen. Ein langes und ein kurzes rechtwinklig gesetztes Geländer sorgen fürs mögliche Abstützen des Oberkörpers am Spielfeldrand. An der Nordseite wird der Zaun des Sportplatzes als Abgrenzung genutzt. Etwa 1 500 Euro sind an Materialkosten in die neueste Anlage des TSV Wustrau geflossen. Ein versiertes Vereinsmitglied brachte sich ein, um die Bodenarbeiten fachmännisch zu erledigen. Das ist alles an Investitionen.
Der zweite Trainingsmontag: Keine 30 Meter entfernt – vier Vierbeiner weiden in aller Ruhe auf der leichten Anhöhe hinter den Spielfeldern. Es riecht ab und zu nach Pferd. Frischer Rückenwind sorgt in der schattigen Startzone beim Boccia für kühle Momente. Dagegen liegt die Spielzone in praller Sonne. Jedenfalls am Montag dieser Woche, als am späten Nachmittag vier Frauen den Trainingstag eröffnen. "Wir mussten in Gruppen aufteilen", erklärt Lamprecht. "Sonst stehen zu viele rum. Heute wollen unsere Rentnerinnen starten."
Sieglinde Czok und Helga Stellmacher duellieren sich auf der Nordbahn, Annedore Etzien trifft auf der Südbahn auf Sandra Barvenic. Obwohl beide Kampfarenen nur durch eine Schnur getrennt sind, lassen sie sich doch völlig unterschiedlich bespielen. Harte Splittregionen werden von butterweichen durchsetzt. Mal hebt die beinahe ein Kilogramm schwere Kugel nach dem ersten Aufsetzen ab, mal versinkt sie und klebt im Untergrund fest. Oder das Gefälle im Mittelteil der Spielfläche lässt die Kugel immer wieder nach rechts abdriften. Läuft es ganz mies, dann rollt sie sogar über die Feldsteine ins Aus. "Ja sicher", gesteht Lamprecht, "nicht optimal. Wir werden den Untergrund wässern und dann nochmals mit dem Rüttler drüber." Wirkliche Aufreger sind das allerdings nicht. Hier hat jeder die gleichen Bedingungen.
Eine halbe Stunde ist vergangen. Ein Auto fährt zwischen Sportanlage und der inzwischen nur noch mit drei Pferden besetzten Weide vor. Margit Modrack und Martin Winkelmann stehen kurz darauf mit den Kugeln bewaffnet in der Startzone. Auch Karin Fischer und Anja Dörfel stoßen zur Trainingsgruppe. Anja Tilgner passiert die Pforte zum Sportplatz mit ihrem Fahrrad. Sie meldet sich allerdings erst für später an. Ihr Brot ist noch nicht durchgebacken. Eine halbe Stunde später ist das Brot fertig, der Ofen ausgestellt und nun darf auch sie Kugeln streicheln, um im Duell gegen Ingo Lamprecht aufzutrumpfen. Mit Erfolg. Der Chef hat zu kämpfen. Mit 0:4 liegt er zurück. Aber er dreht die Partie zum 10:7. "Bei uns bekommt ja der Verlierer einen ausgegeben", tröstet er die Abteilungsleiterin.
Für den Turn- und Sportverein bedeutet das Gründen seiner Boccia-Abteilung den nächsten Meilenstein. Bis auf 154 Mitglieder war der dörfliche Verein vor zwölf Jahren geschrumpft. "Das lag auch am Aufräumen, als Karteileichen rausflogen", erinnert sich der Vorsitzende. Seitdem geht es permanent bergauf. 243 TSV-Sportler sind es inzwischen. Damit ist Wustrau in der Top-Ten des Kreises zurück.Fußball, Tischtennis, Volleyball, Gymnastik und nun der Volkssport mit den glänzenden Kugeln, der sich für Jung und Alt gleichermaßen eignet.
Über zwei Monate will der TSV sein Schnupperangebot aufrecht erhalten. Sind es dann genügend, ziehen Lamprecht und Tilgner das nächste Ass aus dem Ärmel. Boccia kann auch in der Halle gespielt werden, wenn das Wetter die Trainingspläne durchkreuzt. Eine Sporthalle im Ort nutzt der Verein bereits, spezielle Matten und Kugeln könnten erworben werden. Und die Palette an Wettkämpfen ist gewaltig: Vereinsmeister als Einzel oder als Team sind denkbar, kategorisiert in Frau, Mann, Mixed oder Familie. Lamprecht scherzt: "Unser Bester wäre auch Kreismeister, weil es keinen anderen Boccia-Verein gibt." Mehr noch: Auch im Land Brandenburg betreten die Wustrauer Neuland. Bei der jährlichen Meldung an den Landessportbund sind Angaben zu Sportarten zu geben, auf die die Mitglieder verteilt sind. Boccia gibt es (noch) nicht. Dem TSV wurde geraten, seine Neuen unter "Sonstiges" zu führen. Übersetzt bedeutet das: Vereinsmeister gleich Kreismeister gleich Landesmeister.

Boccia – das Präzisionsspiel für Alt und Jung


Aus Italien stammt diese Variante des Boule-Spiels, bei dem es darum geht, die eigenen Kugeln nah an eine Zielkugel zu platzieren oder die gegnerischen Kugeln vom Zielpunkt wegzuschießen. Dieser Zielpunkt heißt Pallino. Seit 1984 ist Boccia paralympisch.In Deutschland tummeln sich die meisten vor allem in Süddeutschland. Es gibt elf Vereine, die Turniere austragen. Der tragende Verband ist der Boccia Bund Deutschland (BBD), dem Deutschen Boccia-, Boule- und Pétanque-Verband unterstellt. Im nationalen Mutterverband sind etwa 350 Mitglieder eingetragen, davon spielt die Hälfte in Ligen. Der BBD unterhält Nationalmannschaften für Herren, Damen und Jugend, die an Welt- und Europameisterschaften teilnehmen.

Im Wettkampf wird Boccia nicht auf Rasen, sondern auf ebenem Boden gespielt, eingeteilt in Bahnen, abgegrenzt durch Einfassungen. Die Toleranzgrenze der Ebene beträgt lediglich zwei Zentimeter. Die Bahn ist normalerweise 26,50 Meter lang und 4,50 Meter breit.

Das Pallino und die Kugeln haben vorgeschriebene Maße. Die Kugeln einer Mannschaft müssen sich von der des Gegners unterscheiden. Sie haben einen Durchmesser von 107 Millimeter und ein Gewicht von 920 Gramm. maha