Fallzahlen werden steigen

Der Virologe ist überzeugt, dass sich die Verbreitung des Cornavirus in Deutschland nicht mehr verhindern lässt. "Die Fallzahlen werden drastisch steigen." Daher müssten zur "optimalen Schadensbegrenzung" nun unpopuläre Entscheidungen getroffen werden, mit denen sich die Bevölkerung schwer tue, fordert der Fachmann mit Hinweis auf die Absage von Veranstaltungen und dem Verhängen von Quarantäne. "Das ist keine Panikmache", betont er. Er sieht den Staat in der Handlungspflicht. "Er muss entscheiden. Bis jetzt passiert das viel zu zögerlich", kritisiert er. "Leider wurde zu spät reagiert." So wurde kein Einreiseverbot aus China verhängt. "Wir müssen davon ausgehen, dass die Epidemie in Deutschland nicht mehr zu stoppen ist. Es gibt hier schon mehr Hotspots als uns lieb sind."
Mittlerweile belegt Deutschland nach Angaben der WHO mit 902 nachgewiesenen Fällen weltweit den sechsten Platz hinter China, Südkorea, Italien, dem Iran und Frankreich. Oberstes Ziel sei es nun, die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, um so die Epidemie zu verzögern, erklärt Frank Hufert. "Die Entscheidung, Großveranstaltungen abzusagen, kommt vermutlich schon zu spät. Je länger wir den Ausbruch verzögern, je mehr Zeit gewinnen wir für die Testung mit antiviral wirkenden Medikamenten." Aktuell gebe es bereits Ansätze in der Corona-Behandlung mit einem Medikament, das früher für die Malariaprophylaxe eingesetzt wurde. "Zu Studienzwecken wird es bereits in China eingesetzt." Weitere Wirkstoffe werden derzeit unter anderem am Primatenzentrum in Deutschland erforscht. "Es gibt verschiedene gute Ansatzpunkte."

Suche nach einem Impfstoff

Auch der Weg für einen Impfstoff sei laut Hufert klar, müsse jetzt nur noch beschritten werden. Rein biologisch könne ein entsprechender Wirkstoff innerhalb von wenigen Wochen entwickelt werden, so Hufert. Doch durch die rechtlichen Zulassungskriterien  vergingen viele Monate, bis die Impfung ­– anders als in China – auch in Deutschland verfügbar sei. Der Virologe rechnet sogar damit, dass mehr als ein Jahr vergehen wird, bis es die Spritze für jedermann gibt.

Nicht mit Influenza vergleichbar

Keineswegs teilt Frank Hufert die weitverbreitete Meinung, dass die Influenza schwerwiegendere Folgen habe als die im Dezember erstmals in China aufgetretene Lungenkrankheit Covid-19. Beides könne nicht wirklich gut miteinander verglichen werden, so der 61-jährige Mediziner, der in Hamburg studiert und am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin promoviert hat. "Die biologische Situation ist eine völlig andere." So gebe es bei der Influenza einen Teilschutz der Bevölkerung, weil viele geimpft sind. Das sei in Bezug auf den Coronavirus anders. Da der Erreger bis dato nicht in Deutschland aufgetreten sei, sei die Bevölkerung immunnaiv. "Theoretisch ist jeder empfänglich und jeder kann krank werden. Wie schwer ist jedoch unklar."
Er rechnet zum jetzigen Zeitpunkt damit, dass sich 65 bis 70 Prozent der Menschen mit dem Virus infizieren werden. Das bedeutet bei einer Sterblichkeit von nur 0,5 Prozent – bei Influenza liegt die Mortalität zwischen 0,2 und 0,5 Prozent –, dass rund 300 000 Deutsche am Coronavirus sterben könnten. "Der Erreger wird durch die Bevölkerung hindurchwandern. Das geht über viele Monate. Erst wenn ein Großteil der Menschen geschützt ist, dann stoppt das Ganze und wird weniger", teilt Hufert die Meinung seines Kollegen Christian Drosten, dem Chefvirologen der Berliner Charité. Allgemein spricht man in so einem Fall von einer "Durchseuchung der Gesellschaft", die dann letztlich zu einer Art Herden-Immunität führt. Wobei die Krankheitsverläufe völlig unterschiedlich sein werden. Hufert sieht den Vorgang als biologisches Schadensereignis, auf das sich einzustellen sei.
"Der Schlüssel werden die Tests sein", ist er überzeugt. "Das ist das Wichtigste, was wir machen müssen, auch wenn es Geld kostet." Jeder, der Krankheitszeichen habe, müsse getestet werden. Der Fachmann verweist auf das Vorgehen der Südkoreaner, die allein 65 000 Menschen getestet haben. "Sie haben das richtig gemacht. Wir müssen die Daten zeitnah erheben, um die Infektionslage korrekt zu beurteilen und auch um zu erfahren, wie viele von einem Infizierten angesteckt wurden." Hufert geht dabei von jeweils zehn Prozent der Kontaktpersonen aus. Deshalb sei es notwendig, dass Daten gesammelt werden, beispielsweise an Flughäfen. Das habe zugleich den Nebeneffekt, dass die Menschen merken, dass etwas anders ist als sonst, so der Virologe. "Nur wenn alle mitmachen, kann sich der Ausbruch verlangsamen"
Daher findet der Mediziner für das Vorgehen des Landkreises Ostprignitz-Ruppin, die Prinz-von Homburg-Schule in Neustadt zu schließen, lobende Worte. "Das war eine gute, vernünftige Entscheidung." Eine ähnliche Vorgehensweise könne er sich auch für die MHB vorstellen, wenn dort erste Verdachtsfälle auftreten sollten. Obwohl die Vorlesungen erst am 6. April beginnen, wurde in der vergangenen Woche eine sogenannte Task Force zum Thema Coronavirus gebildet, dessen Chef Frank Hufert ist. Die Arbeitsgruppe hat eine beratende Funktion für das MHB-Präsidium, das bisher noch nicht entschieden hat, wie vorgegangen werden soll, wenn zum Semesterbeginn die reisefreudigen Studenten aus aller Welt zurück nach Neuruppin kommen. Auch die Absage der traditionellen Immatrikulationsfeier wird in Erwägung gezogen, berichtet der MHB-Pressesprecher Dr. Eric Hoffmann. Der Virologe Hufert empfiehlt eine zweiwöchige Quarantäne vor dem Semesterbetreib und anschließend für alle respiratorisch Erkrankten einen verpflichtenden Test.

Hygieneregeln einhalten

Das allerwichtigste sei in der jetzigen Situation, das medizinische Personal an den Ruppiner Kliniken zu schützen.  "Wenn das ausfällt, gibt es keine Personal für Corona- und auch nicht für Herzinfarktpatienten", findet er deutliche Worte. Er fordert daher auch Unterrichtende und medizinische Mitarbeiter mit grippeähnlichen Symptomen auf, nicht zur Arbeit zu gehen. Dienstreisen sollten aufs Nötigste beschränkt werden. Auch zum Thema Hygiene hat der Virologe einiges zu sagen. "1 500 Mal fassen wir uns täglich unbewusst ins Gesicht." Daher sei das Einhalten der Hygieneregeln, wozu auch das korrekte Händewaschen gehört, absolut notwendig. "Sie müssen überall ausgehängt werden, damit es den Leuten bewusst wird, wie gefährlich die Situation momentan ist." Für die Studenten stellt sich Hufert mehr virtuellen Unterricht, anstatt persönlichen Kontakt vor. Außerdem sollen möglichst wenig Menschen in möglichst großen Räumen unterrichtet werden, um Abstand zu halten. Mittel zur Händedesinfektion sollen in den Räumen bereit stehen und auf das Händeschütteln oder andere körperliche Begrüßungsformen soll verzichtet werden. Dinge, die nicht nur für MHB-Studenten gelten.

Regeln zum Schutz gegen den Coronavirus 

Beim Husten und Niesen, möglichst in die Armbeuge oder ein Papiertaschentuch, das danach schnell entsorgt wird,  größtmöglichen Abstand halten. Bei Begrüßungen Berührungen zu anderen vermeiden und regelmäßig 30 Sekunden lang die Hände mit Wasser und Seife waschen.