Diskussion
: Kann Multikulti zu weit gehen?

Seyran Ates und Gabriele Schare-Ruf berichteten vom Leid unterdrückter Frauen in islamisch geprägten Familien und der Furcht vieler Deutscher, solche Tatsachen offen auszusprechen.
Von
Holger Rudolph
Neuruppin
Jetzt in der App anhören

Diskutierten über den Islam und Multikulti: Dr. Gabriele Schare-Ruf, Moderator Dr. Sven Speer und Seyran Ates (von links).

Holger Rudolph

Ates brach einst als 17-Jährige aus ihrer in Deutschland lebenden Familie aus. Der Vater Kurde, die Mutter Türkin, Freiheiten habe sie keine gehabt, berichtete sie. In den darauffolgenden Jahrzehnten habe sich die Situation der Frauen in vielen türkischen, in Deutschland lebenden Familien weiter verschlechtert. Die Anzahl der Kinderehen habe rapide zugenommen. Schlimm sei, „dass man auch 2019 noch nicht darüber sprechen soll, weil man damit der AfD in die Hände spiele“. Nein, sie werde auch weiterhin nicht schweigen, versicherte Ates. Dass viele zwangsverheiratete sehr junge Mädchen Kinder mit schlimmsten Missbildungen auf die Welt brächten, werde öffentlich praktisch nicht behandelt. Hintergrund sei, dass die Ehepartner oft enge Verwandte sind, die trotzdem unbedingt ein gemeinsames Kind wollen, weil die Familie dies so von ihnen fordert. Ärzte, die diese Tatsachen öffentlich machten, würden „als Rassisten und Multi-Kulti-Feinde hingestellt“. Statt 2019 in einer wirklich offenen Gesellschaft zu leben, tolerierten viele Deutsche beim Islam weit mehr, als sie den christlichen Religionen zugestehen würden. Immer mehr offen sprechende Menschen bräuchten Polizeischutz. Auch Ates selbst wurde am Dienstag wie bei allen ihren Auftritten beschützt.

Ähnliche Erfahrungen

Die heute in Rheinsberg lebende Ärztin Schare-Ruf hat als Hausärztin und Gynäkologin in Düsseldorf in einem Wohngebiet mit sehr vielen Zuwanderern über Jahrzehnte hinweg ähnliche Erfahrungen gemacht. Bei Hausbesuchen habe sie gesehen, wie türkische Männer und Jungen sich von den familiär unterdrückten Frauen und Mädchen bedienen ließen. Unter den Frauen habe es sehr viele psychisch Erkrankte gegeben. Oft hätten medizinische Hinweise auf Vergewaltigungen in der Ehe hingedeutet. Schare-Ruf appellierte: „Es darf nicht sein, dass Vergewaltigung in der Ehe und Kinderehen im Zuge von Multikulti akzeptiert werden.“ Das deutsche Grundgesetz gelte für jeden Menschen. Nur wegen einer Religionszugehörigkeit dürfe niemand diskriminiert werden. Ihr schlimmstes Erlebnis sei die vollkommene Veränderung ihrer jungen Patientin Dilek gewesen. Nach der Zwangsheirat mit einem 20 Jahre älteren Mann habe das zuvor fröhliche Kind ein Kopftuch tragen müssen. Ständige Depressionen seien das Ergebnis der Zwangslage gewesen, in die sich das Mädchen habe fügen müssen. Schare-Ruf, die von ihrer Partei auch als Landtagskandidatin aufgestellt ist, will sich politisch engagieren, dass junge Menschen frühzeitig vor solchen Zwangssituationen geschützt werden.

Die Würde der Frau

Die Vollverschleierung beeinträchtige die Würde der Frau massiv, sagte Ates. Schlimmer noch, dass in vielen streng gläubigen Familien sogar schon kleine Mädchen ein Kopftuch tragen müssten. In der von ihr gegründeten und finanzierten Berliner Moschee riefen hingegen Frauen zum Freitagsgebet. Kopftücher gebe es keine. Der Islam verlange so etwas überhaupt nicht.

In der anschließenden Diskussion stimmten nicht alle den Thesen der beiden Frauen uneingeschränkt zu. So fand zum Beispiel Martin Osinski vom Aktionsbündnis „Neuruppin bleibt bunt“ „alles ein bisschen eindimensional“. Im Fontanejahr wolle er daran erinnern, dass auch Effi Briest zwangsverheiratet wurde und Homosexualität in Deutschland erst seit wenigen Jahrzehnten nicht mehr strafbar ist. Und eine christliche Weltreligion lasse noch immer keine Frauen predigen. Auch darüber sei zu reden.

Anwältin, Autorin, Frauenrechtlerin

Seyran Ates wurde am 20. April 1963 im türkischen Istanbul geboren. Sie ist türkischer und kurdischer Abstammung.

Heute lebt sie in Berlin und arbeitet als Anwältin für  Straf- und Familienrecht. Sie war Mitglied der Deutschen Islamkonferenz.

Den liberalen Islam zu vertreten, hat Seyran Ates in der Vergangenheit oft in Schwierigkeiten gebracht. Sie setzt sich dafür ein, dass weltliche und religiöse Macht voneinander getrennt werden. Außerdem bemüht sie sich um eine zeitgemäße und geschlechtergerechte Auslegung des Koran. In der Vergangenheit erhielt sie mehrfach Morddrohungen.⇥red