Drei Würfe zur Probe. Nach dem ersten schüttelt Olrik Priesemuth den Kopf. Alica Adigun-Martins wechselt den Speer. Ihr zweiter Einwurf-Versuch passt. Er passt sogar so ausgezeichnet, dass sie keine Energie mehr in den dritten Wurf verschwenden will. Stattdessen dann mit voller Wucht in den vierten Wurf, der erste, der ins Wettkampfbuch kommt. Es wird in den folgenden fünf Versuchen der weiteste bleiben, mit dem die Neuruppinerin zu Bronze kommt.
„Um die 47 Meter war für mich als Bestleistung gemeldet worden.“ Aufgestellt beim Winterwettkampf in Neubrandenburg. Auch einen Meter mehr warf die 16-Jährige bereits – allerdings im Training. Doch eine Fünf als erste Ziffer, das ist absolutes Neuland. Trainer Olrik Priesemuth hatte exakt das gefordert: Im ersten Wurf gleich eine Duftmarke setzen. „Aber dass es gleich ein 50er wurde, toll“, fasst er den Wettkampf der nationalen Spitze in Heilbronn zusammen. Mehr noch: Alica legte mit ihren sechs Wertungswürfen eine konstante Serie hin, die bislang nicht ihr Markenzeichen war. Einer ja, ein zweiter vielleicht, aber fünf, sechs um die 50 Meter – das schaffte sie noch nie. „Mag sein“, so die Elftklässlerin am Evangelischen Gymnasium Neuruppin, „dass dort alles hingehauen hat.“

Neuruppiner Talent ruht in sich

Mit der Startnummer 4 von 14 im Wettkampf schockte sie die Konkurrenz auch deshalb, weil „ich mich völlig konzentrieren konnte“. Lediglich der Wettkampf im 5.000-Meter-Gehen lief zeitgleich, also kein Startschuss, kein Raunen, keine Ablenkung. Wer weiß, wo der Speer in den Rasen gestochen wäre, wenn ihre beiden Begleiter hautnah dabei gewesen wären. Freundin Mira Holt-Grieb wurde wegen der Corona-Vorschriften nicht ins Stadion gelassen, ein Gitter trennte die Trainer, und damit Olrik Priesemuth, von ihren Athleten.
Im Auto vorm Stadion mitfiebernd, verfolgte Mira per Livestream den gesamten Wettkampf - Olrik Priesemuth durch einen Metallzaun. Jeglicher Kontakt zur Außenwelt war den Werfern nicht gestattet, dazu gehört auch das Nutzen eines Handys. „Man ist da schon recht aufgeregt“, erinnert sich Alica an den Auftakt des einstündigen Wettkampfes. „Man spürt einen Schub, weil man zu denen gehört, die alle so weit werfen können.“ Sie kannte dies nicht, weil sie keinem Leistungszentrum angehört, sondern als Mitglied beim MSV Neuruppin die Qualifikation errungen hatte. „Das ist ein schönes Gefühl“, dazuzugehören.

Pensum in den Sommerferien

Bis zu dreimal wöchentlich trainierte sie während der Schulzeit, selbst in den Sommerferien zog sie ihr Trainingspensum, zu dem auch Kraft- und Sprinteinheiten gehören, eisern durch. Ihre knapp 48 Meter bedeuteten in der vom Trainer beobachteten Rangliste Platz vier. Er zeigte sich vorsichtig optimistisch, dass „wir mit einer Medaille zurückkommen werden“. Silber ging mit 51,19 Meter an eine Potsdamerin, Gold mit 51,99 Meter nach Niedersachsen. „Sie legte im letzten Versuch noch mal alles rein, verletzte sich aber am Sprunggelenk. Auch ich wollte im sechsten Wurf noch mal alles geben, aber die Kraft war weg.“
Auf die traditionelle Siegerehrung verzichtete der Deutsche Leichtathletikverband bei seinen Meisterschaften. Keine Zeremonie, kein Beglückwünschen auf dem Podest, kein obligatorischer Biss vor der Kamera in die Medaille. Stattdessen hinterm Stadion ein Zelt. „Wir zeigten die Startnummer, bekamen Medaille und Urkunde.“ Erstere wird nun im Zimmer der 1,78-Meter großen, jungen Dame mit schwarzen Locken und braunen Augen und dem Zensurendurchschnitt von 1,0 hängen, so „dass ich sie immer sehe“.

Zittau statt Palma

Die ohnehin kurze Saison, ohne Kreis-, Landes- oder Bundesfinale „Jugend trainiert für Olympia“ mit ihrer Schulmannschaft lassen die Leichtathleten des Evi in zwei Wochen im äußersten Südosten Deutschlands ausklingen. Ein Meeting am Rand der Oberlausitz steht an, mit Alica, mit Mira, mit all den anderen, mit denen sie seit einem halben Jahrzehnt springt, läuft und extrem erfolgreich wirft. „Es sollte eigentlich ins Trainingslager auf die Balearen gehen“, bedauert Alica. Aber: Aus die Maus, seitdem die Insel vor zwei Wochen wiederum in den Status der gefährdeten Gebiete rutschte. Zittau an der Neiße statt Palma de Mallorca.