Lesung: Reformbühne Heim & Welt unterhielt Neuruppiner mit skurrilen Geschichten

Unterhielten mit skurrilen Geschichten: Heiko Werning, Ahne und Jakob Hein (von links) brachten die Reformbühne für einen Abend nach Neuruppin und sorgten damit in der Fontanebuchhandlung für gute Unterhaltung.
Holger RudolphAhne, der einem breiten Publikum durch seine feinsinnig-satirischen bis urkomischen „Zwiegespräche mit Gott“ auf Radio Eins bekannt wurde, war 2017 Stadtschreiber in Rheinsberg. Dr. Jakob Hein ist neben seiner literarischen Tätigkeit Kinderpsychiater. Für viele Schlagzeilen sorgte sein 2010 geschriebenes Stück „Johnny Chicago oder Super ist gar kein Ausdruck“, das an der Berliner Volksbühne uraufgeführt wurde. Die Hauptrolle spielte Comedian Kurt Krömer, die zweite Hauptrolle Hein selbst. Auch Heiko Werning macht noch etwas völlig Anderes. Als Reptilienforscher hat der gebürtige Münsteraner reichlich Fachbücher geschrieben. Außerdem betätigt er sich als Liedermacher.
Tierische Tees?
Zuerst las Ahne aus seiner Titelgeschichte „Kann sofort verfilmt werden“. Das Publikum erfuhr, welche Gedankengänge dem Berliner beim Trinken einer guten Tasse gesunden Bergkräutertees kommen. Darunter die bahnbrechende Frage, weshalb auf der Verpackung das Vegan-Zeichen draufsteht. Wahrscheinlich gebe es auch Tee aus Tieren, der Potenzprobleme löse. Da sei ihm doch eine „Tote Hose“ viel lieber. Eine lebende Hose würde ja einfach davonlaufen, was für den Träger wenig zweckdienlich sei. Ja, und überhaupt gebe es einfach viel zu wenige Filme mit Vögeln. Die Tiere waren gemeint, was denn sonst? Ahne empfahl einige von ihm kurzfristig und minimalistisch konzipierte Vögel-Streifen, die sofort als Film ins Kino müssten. Zum Beispiel „Das Spatzenhirn“, ein Italo-Western, in dem ein dummes Raubein die Rinderherde seiner Mutter retten muss. Und „Flieg, Pinguin, flieg“ über einen fernen Planeten, auf dem mit einer Strahlenkanone beschossene Pinguine wundervoll zu fliegen beginnen. Das Publikum lachte und klatschte sehr, auch bei den anderen Vorschlägen wie „Geier der Lust“ als ideale Vorlage für einen Porno.
Aus „Ein Block, verschiedene Welten“ las Werning augenzwinkernd über sein Berliner Viertel, das nach und nach von einem Libanesen-Clan übernommen worden sei. Spätkauf, Casino und Aufbackshop samt sympathischem, doch nicht so ganz durchschaubaren Clanchef beleben die Wohngegend ebenso wie die Menschen aus der Nachbarschaft, die auch schon mal in großer Runde im Späti Geburtstag feiern.
Grotesk wurde es bei Jakob Hein mit „Im Prinzip richtig, aber falsch“. Ein Dialog, bei dem eine Krankenschwester erzählt, wie sie, frustriert vom Klinikalltag, dem Krankenhaus das Wichtigste stehlen wollte. Einen Patienten nämlich, dem sie einredete, dass die Behandlung bei ihr zu Hause eine ganz neue Therapieform sei.
Oma als Influencerin
Der singende Ahne als Hip-Hopper lobte sich weithin sinnfrei in seinem Stück „Ich bin gut“. Lustig auch Wernings Story über seine 89-jährige Mutter, die von der anfänglichen Internet-Verweigerin schließlich zur begeisterten Youtuberin wird, was den Enkeln gefällt: „Die Oma ist jetzt Influencerin.“
Nach anderthalb Stunden Unterhaltung zwischen blankem Unsinn und fröhlicher Doppelbödigkeit spendete das Publikum sehr viel Beifall. Vom singenden Ahne gab es daraufhin noch eine Zugabe. Der Text zum Lied sei ihm binnen fünf Minuten, in sturzbetrunkenem Zustand auf dem S-Bahnhof Wedding eingefallen, auf dem es von Mäusen nur so gewimmelt habe. In „Liebe kennt keine Grenzen“ raunt Ahne, auf der Suche nach dem ganz großem Liebesglück einem sehr kleinen Tier zu: „Süße kleine Milbe, schenk mir einen Moment deiner Zeit!“ Nochmals sehr viel Beifall.
Im Anschluss durften die drei Männer noch etliche Bücher signieren. Der Aufforderung zum Kauf direkt vor Ort, wo mit der Lesung, anders als im Internet, etwas für die Autoren getan werde, kamen viele Besucher nach.
Lesebühnen
Lesebühnen sind regelmäßig stattfindende Veranstaltungsreihen mit einem festen Ensemble von Autoren, ergänzt durch Gäste. Alle tragen eigene Texte vor.
Es handelt sich um eine noch junge, vergleichsweise ungezwungene Form der Kontaktaufnahme zu potenziellen Lesern. Die ersten Bühnen entstanden Ende der 1980er-Jahre.
Die Berliner "Reformbühne Heim & Welt" existiert seit 1995. Eines der bekanntesten Mitglieder ist neben Ahne und Jakob Hein auch Wladimir Kaminer, welcher von 1999 bis 2003 zum Bühnenstamm gehörte. Der ironisch-satirische Blick auf Mitmenschen und Gesellschaft ist kennzeichnend für die Bühne.
Jeden Sonntag, 20 Uhr, lesen verschiedene Ensemblemitglieder, unterstützt durch Gäste, im Roten Salon der Volksbühne.⇥hr