Martinimarkt Neuruppin 2023: Erlebnisse und Eindrücke – Tradition trifft auf Nervenkitzel

40 Meter über der Fontanestadt: Beim Martinimarkt in Neuruppin ist das möglich – von rasanten Fahrgeschäften bis hin zu süßen Versuchungen. Erfahren Sie mehr über die 367-jährige Geschichte dieses traditionellen Volksfestes.
Burkhard KeeveDer Martinimarkt in Neuruppin bietet auch im Jahr 2023 Attraktionen für Groß und Klein. Tradition und Nostalgie treffen auf moderne Fahrgeschäfte und hohe Preise. Der Autor nimmt Sie mit auf eine Reise durch Lichter, Lärm und Leckereien. Verspricht ein Besuch wirklich Spaß und Freude? Und was ist eigentlich mit dem Thema Nachhaltigkeit?
Schon von Weiten ist es zu erkennen, das Riesenrad vom Martinimarkt. 33 Meter hoch dreht es sich gemächlich. Wie eine magisch rotierende Scheibe zieht es die Besucher an, die von der Bahnhofsseite Neuruppins aus auf den Rummel zustreben. Alle sind unterwegs. Großeltern mit den Enkeln im Schlepptau, wobei kaum zu unterscheiden ist, bei wem die Augen mehr leuchten.
Bei den Kleinen angesichts von Zuckerwatte, schrillem Bling-Bling an allen Ecken und rosa Luftballon-Einhörnern, die zusammen mit gefühlt hundert anderen gasgefüllten Disney-Figuren an der Hand der Verkäuferin darauf warten, den Besitzer zu wechseln. Wie machen die das nur mit den ganzen Strippen?

Vor allem nach 17 Uhr zeigt sich, was 1.000.000 Millionen LED-Lichter auf dem Martinimarkt alles können.
Eckhard HandkeLeuchten die Augen der Großeltern in nostalgischer Erinnerung an frühere Kirmesbesuche. Oder sind es feuchte Augen, weil jedes Anschnallen in einem Sitz der 20 Fahrgeschäfte nahezu fünf Euro verschlingen wird? Nun, es sieht nicht danach aus, als ob es an einem Rummeltag im Jahr darauf wirklich ankommt.
Die nächtliche Magie des Rummels
Neben Kindern und Eltern sind aber auch viele Senioren einfach so unterwegs in Neuruppin. Einzeln oder auch in Gruppen ziehen sie über die bunte Festmeile zum zentralen Gelände am Braschplatz. Doch die Jugend dominiert – vor allem, je später der Abend wird. Wobei Jugend eher weiter zu fassen ist. Sagen wir: die U-30-Jährigen.
Zurück zum Riesenrad. Was für eine Kulisse die Rundreise bietet, über die Fontanestadt, den Rummel, die Dächer der Altstadt und den Ruppiner See. Sieben gemütlich, romantische Runden zum Träumen, Staunen und Selfismachen. Ein toller Kirmesstart.

20 Fahrgeschäfte, hier Breakdance, locken zum Martinimarkt in Neuruppin.
Eckhard HandkeGanz oben ist dann auch der Mischmasch an deutschen Schlagern, der einen von überall her beschallt, kaum noch zu hören. Doch Rummel ist laut. Da muss so sein. Ohne geht nicht. Noch bevor man aus dem Auto gestiegen ist, ist das aufdringliche „Möööp! Möööp!“ einiger Fahrgeschäfte zu hören, die damit ankündigen, dass jetzt sofort die wilde Fahrt losgeht. Das scheint internationaler Rummel-Sound zu sein: „Möööp! Möööp!“ Nirgendwo sonst habe ich es je gehört. Herrlich!
Von Autoscooter bis Kettenkarussell
Der Martinimarkt, mit seiner unfassbar langen Tradition von 367 Jahren, weiß, was die Menschen wollen und was auf keinen Fall fehlen darf: Autoscooter, Raupe, Kettenkarussell, Losbuden, Geisterbahn, Schießbuden, Büchsenwerfen, Entenangeln, Kinderkarussell. Alles ist dabei – und noch viel mehr. Höher, weiter, schneller.

315 Kubikmeter Holzhackschnitzel machen das Laufen über den Bernhard-Braschplatz auf dem Martinimarkt angenehm.
Burkhard KeeveAber der Reihe nach. Autoscooter, ein Muss schon wie früher, dafür wurde gespart. Lange her. Chip rein und Fuß aufs Pedal, das links ist. Wo sind meine Opfer? Überall! Jeder Wagen ist belegt. Die breite Gummiknautschzone um das Vehikelchen kommt sofort zum Einsatz. Ausweichen im Sekundentakt macht nur anfangs Spaß. Also los! Nur die Väter, die schützend ihren Arm um den neben sich sitzenden Nachwuchs legen, bleiben verschont. Bald schon ist es weg, das Grinsen, wenn es so richtig schön gekracht hat. Nicht volle Kanne und frontal, das ist fies. Macht kaum jemand, weil es ein ungeschriebenes Autoscootergesetz ist und wirklich weh tun kann.
Eher im Trend ist das Wegabschneiden, das seitliche Anrammeln. Und das Schöne ist, es wird zurückgegrinst, sich gejagt, bis der Strom wegbricht. Kurz vorm Schleudertrauma ist die Fahrt zu Ende. Das mit der Runde rückwärts war vielleicht ein Fehler? Auch andere Erwachsene müssen nach dem Aussteigen erstmal den Rücken durchdrücken. Die Checker bleiben cool sitzen, sie haben den Rabatt genutzt. Drei Fahrten für zehn Euro. Eine kostet vier. Wo sind die Bräute? Möööp! Und schon geht sie los, die nächste Runde. Ohne mich.

Trotz einsetzendem Regen ist die Stimmung auf dem Martinimarkt in Neuruppin am Eröffnungstag gut.
Eckhard HandkeVom Entenangeln bis zum Überschlag
1.000.000 Millionen LED-Lichter sorgen für Kirmesfeeling, es leuchtet in allen Neonfarben, die die Farbskala hergibt. 25 Kilometer Kabel wurden für alle Buden und Fahrgeschäfte der 100 Schausteller verlegt.
Aber der Hit sind die hellen Holzhackschnitzel, die großzügig auf dem Braschplatz gestreut wurden. Wie auf Wolken und trockenen Fußes geht man darüber. Nur die Kinderwagen-Schieber brauchen etwas mehr Kraft, aber schnell kommen sie sowieso nicht voran. Das liegt auch an den duftenden Mandeln, der Zuckerwatte in bunten Farben, der Champignonpfanne, den Lungos, den Bratwürsten, Fischbrötchen ... Selbst schuld, wer nichts findet.

Blick aus dem Riesenrad auf dem Martinimarkt in Neuruppin.
Burkhard KeeveDoch das mit der Nachhaltigkeit hält sich in Grenzen. Es gibt zwar Glaspfand und Pommes in Pappschälchen, doch der Rest ist Plastik, viel Plastik und noch mehr Plastik und Billigzeug, auch bei den üblichen Rummel-Gewinnen. Vom Trostpreis bis zum Riesen-Teddy-Hauptgewinn.

Der traurige Bär blieb hängen. Die Büchsenpyramide auf dem Martinimarkt 2023 in Neuruppin fiel nicht komplett.
Burkhard KeeveEgal, jetzt erst einmal Büchsenwerfen. Waren die Wurfbälle immer schon so leicht? Okay: Schritt nach links. Wurfarm gelockert. Blick auf die zehn blechernen Endgegner. Vier lachen noch höhnisch nach den drei Würfen. Der Trostpreis geht an das Kind daneben. Hat seine fünf Euro nicht nutzen können. Seine drei Bälle kamen nicht mal in die Nähe der Dosen, obwohl es auf dem Tresen knien durfte. Es darf noch einmal, erlaubt seine Mutter. Es hat ihm eben Spaß gemacht.
Höhenflüge und Magenschwankungen
Gleiches gilt beim Entenangeln. Die Eltern lassen einiges springen, damit die Kleinen, kleine, im Kreis schwimmende Plastikenten auf dem Wasser fischen können. Eine geniale Erfindung. In den 1940er Jahren hat ein Amerikaner die Badeente aus Kunststoff erfunden, die dann die ganze Welt eroberte. Donald Duck, ein entfernter Verwandter, tauchte übrigens schon 1934 zum ersten Mal auf.

Ohne Autoscooter, kein Martinimarkt in Neuruppin. Spaß und Kontakt sind garantiert.
Eckhard HandkeWer von dem ganzen Kinderkram nichts hält, kann ja in den „Big Spin“, ein Ungetüm mit unkoordinierten Bewegungen und Kreisch-Garantie steigen, oder in die grüne Schaukel „Jungle Beat“, oder „Break dance“ fahren. Hauptsache, das Gehirn und der Gleichgewichtssinn verabschieden sich. Fast genauso viel Spaß und garantiert oder flauem Magen macht da das Zuschauen. Überschlägt sich die Schaukel oder nicht? Dann wird es doch langweilig. Zu viele Reize locken weiter.
Fazit vom Kirmesbesuch: Rummel-Flair trotz kleiner Tiefen
Also noch einmal in Höhe. War doch schön zu Beginn der Rummel-Tour. Jetzt 40 Meter hoch. Kettenkarussell, kennt man ja von früher, was soll da passieren? Fehler. Fehler. Die Mütze wird ins Gesicht gezogen, um das Elend auszublenden. Kein toller Rundumblick, lieber Augen zu und sich vorstellen, es geht nur irgendwie schnell geradeaus. „Mir wird schlecht!“, sagt die leidende Nachbarin, die ihre Entscheidung zehn Sekunden nach dem Start bereut. Das Handy wird krampfartig festgehalten, doch es dreht sich immer weiter. Der Wunsch, nach unten zu rufen, es soll doch bitte aufhören, verbietet sich. Allein schon, weil das Herunterschauen nicht wirklich schlau ist. Wann hört es endlich auf? Während das Kind vor einem in den fliegenden Ketten sich lachend zu einem umschaut, fällt dieses Mal das Zurückgrinsen fratzenhaft aus.
Der Rückweg durch den Kirmestrubel in Neuruppin fällt kurz aus. Auch die versprochene Bratwurst, sogar der kandierte Liebesapfel, werden abgelehnt. Das ist Rummel at it’s best. Nächstes Mal dann halt nur noch Entenangeln.


