Ritter Kahlbutz in Kampehl: Welche Geheimnisse Brandenburgs berühmteste Mumie hütet

Ritter Kahlbutz in Kampehl ist ein Touristenmagnet. Silke Demmig (3.v.r.) erzählt einige Anekdoten über die Mumie.
Christian BarkVor 334 Jahren soll er im Streit um Weideland und das „Recht der ersten Nacht“ mit dessen Verlobten den Schäfer Pickert aus Bückwitz erschlagen haben. Durch seine eidliche Aussage war Christian Friedrich von Kahlbutz damals, 1690, freigesprochen worden. Er soll vor Gericht zudem geschworen haben: „Wenn ich doch der Mörder bin gewesen, dann wolle Gott, soll mein Leichnam nie verwesen.“ So zumindest die Legende.
1794, über 90 Jahre nach seinem Tode, fand man den Leichnam des Ritter Kahlbutz unverwest in seinem Sarg vor. Seitdem ragen sich um die wohl berühmteste Mumie Brandenburgs zahlreiche Geschichten und Anekdoten. Der 1702 mit 51 Jahren verstorbene Landadlige aus Kampehl soll natürlich mumifiziert worden sein. Er war im Laufe der Jahrhunderte auch schon öfter von Wissenschaftlern untersucht worden - zuletzt in den 1980er Jahren an der Berliner Charité.
Ritter Kahbutz wurde am Uniklinikum Neuruppin untersucht
Nun ist der Kahlbutz erneut unter die Lupe genommen worden. Ein Team unter Leitung von Anatomieprofessor Andreas Winkelmann hat dabei an der Medizinischen Hochschule Brandenburg (MHB) in Neuruppin Erstaunliches ans Tageslicht gebracht. Es konnte dabei auf die Unterstützung des Mumienforschers Albert Zink aus Bozen in Südtirol, der schon die Gletschermumie „Ötzi“ untersucht hatte, zählen.

Die Mumie des Ritters Kalebuz gut gesichert und verpackt auf dem Weg ins CT des Universitätsklinikums Ruppin-Brandenburg (ukrb).
MHB/Markus KlugeAndreas Winkelmann teilte seine Erkenntnisse am Freitagabend in der Kampehler Kirche, in deren Seitengruft die Mumie ausgestellt wird, einem interessierten Publikum mit. Dabei stellte der Anatomieprofessor bereits zum Anfang klar, dass die Quellenlage um die Leiche eher dürftig ist. Mit völliger Gewissheit könne man nicht einmal sagen, ob es sich tatsächlich um Christian Friedrich von Kahlbutz handelt. In der Annahme war man seit 1794 durch die Initialen C.F. auf dem Leichenhemd des Toten.
Da zwei seiner Söhne, der Ritter hatte insgesamt zwölf Kinder in die Welt gesetzt, mit denselben Initialen wahrscheinlich nicht in Kampehl beigesetzt worden sind, ist es Andreas Winkelmann zufolge sehr wahrscheinlich, dass es sich um Christian Friedrich von Kahlbutz handelt. Das Geschlecht war 1784 im Mannesstamm ausgestorben. Weshalb später wohl auch die Gruft geöffnet und die Mumie entdeckt worden war.
„Sehr herausfordernd war der Transport nach Neuruppin gewesen“, blickte Andreas Winkelmann zurück. Im Universitätsklinikum war der über 370 Jahre alte Körper unter anderem per Computertomografie (CT) untersucht worden. Die Bilder zeigte der Anatomieprofessor den Zuschauern am Freitag in der Kirche, nahm sie quasi mit auf einen virtuellen Rundgang durch den Körper des Ritters.

Ritter Kahlbutz ist in der Gruft neben der Kirche Kampehl aufgebahrt.
Christian BarkNeben der mumifizierten Haut und dem Skelett waren noch Konturen von Weichteilen und Organen vorhanden gewesen. Stutzig machte die Wissenschaftler ein Objekt im Brustkorb der Mumie. An der Stelle, wo einst der Mediziner Rudolf Virchow der Mumie 1895 Gewebe entnommen haben soll, steckte ein Objekt. Bei genauerer Betrachtung fiel auf, dass es sich um einen Bleistift handelte. Das Modell der Marke Faber ist zwischen 1900 und 1920 produziert worden. Dass es Rudolf Virchow gehört hat, nimmt Andreas Winkelmann nicht an.
Viele Späße wurden mit der Mumie aus Kampehl getrieben
Er geht eher von einem Spaß aus, den sich jemand vor Jahrzehnten gemacht hat. Es wäre nicht der erste mit der Mumie gewesen, die schon vor 200 Jahren weit über Kampehl hinaus bekannt gewesen sein muss. So berichtete etwa Kirchenmitarbeiterin Silke Demmig von französischen Soldaten, die den Ritter 1806 als Schildwache aufgestellt haben sollen. Oder von Leipziger Studenten, die ihm um 1900 Helm, Harnisch und Stiefel entwendet hätten, um daraus Bier zu trinken. Oder von dem frisch verheirateten Ehepaar, das in seiner Hochzeitsnacht um 1913 im Bett den Ritter vorgefunden haben soll.
Doch der Ritter verbirgt in seinem Körper ein weiteres Objekt, dessen Charakter anhand der Forschungsergebnisse nur erahnt werden kann. Ein Medaillon oder eine Münze verbirgt sich in seiner Mundhöhle. „Die Mitgabe von Münzen im Mund oder auf den Augen ist ein antiker Totenbrauch“, erklärte Andreas Winkelmann. Selbst in einer Befragung vor rund 100 Jahren soll der Brauch in der Region noch durchgeführt worden sein.

Andreas Winkelmann berichtete über seine Erkenntnisse in der Kirche Kampehl.
Christian BarkAus dem Körper herausbefördern konnten die Wissenschaftler das Objekt nicht. Die Mundöffnung ist zu schmal dazu und ein Schnitt ins Gewebe würde die Mumie beschädigen. Die Entscheidung darüber obliegt dem Gemeindekirchenrat, wobei es am Freitag schon hieß, dass hier rüber in diesem Jahr nicht mehr befunden werden soll. „Vielleicht lässt man dem Kahlbutz auch dieses Geheimnis“, so Andreas Winkelmann.
Das CT und eine Entnahme von Gewebe (C14-Untersuchung) schlossen zumindest nicht aus, dass es sich bei der Mumie um Christian Friedrich von Kahlbutz handelt. Eine dem Ritter nachgesagte Verletzung am Knie, wohl als Folge der Schlacht bei Fehrbellin 1675, wo Brandenburg gegen Schweden gesiegt hatte, wurde an der Mumie nicht festgestellt. Es bleibt laut Andreas Winkelmann aber überhaupt fraglich, ob von Kahlbutz überhaupt an der Schlacht teilgenommen hatte. Quellen dazu finden sich keine.

Christian Friedrich von Kahlbutz (1651-1702) ist Brandenburgs berühmteste Mumie.
Christian BarkDie natürliche Mumifizierung muss laut dem Anatomieprofessor auf ein rasches Austrocknen der Leiche zurückzuführen sein. Entscheidende Faktoren hierfür seien wohl ein trockener Luftzug, der Doppelsarg, der Platz für entweichende Flüssigkeit gab und die Erhöhung des Sarges auf vier Füßen gewesen sein. „So konnte die Luft auch unter den Sarg ziehen“, erklärte Andreas Winkelmann.
Dass der Ritter an Tuberkulose gestorben sein soll, konnte die Untersuchung außerdem nicht nachweisen. „Dazu waren auch die DNA-Proben zu schlecht“, erklärte Andreas Winkelmann. Die genaue Todesursache lasse sich nach über 320 Jahren nun nicht mehr feststellen. Auch nicht, ob von Kahlbutz den Schäfer wirklich ermordet haben soll. Die Prozessakten von damals existieren nicht mehr. Die detaillierten Erkenntnisse des Forscherteams sollen laut Andreas Winkelmann demnächst in Fachartikeln veröffentlicht werden, aber auch Würdigung in der Gruft-Ausstellung finden, in der der Ritter aufgebahrt wird.


