Schuldnerberatung: Auch Null-Prozent-Angebote müssen irgendwann bezahlt werden

Echte Hilfe: Stefanie Rollig ist eine der Schuldnerberaterinnen des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) im IBZ-Beratungszentrum des Landkreises.
Siegmar TrenklerAufgeschobene Probleme
Ein bis zwei Jahre alt sind die meisten Forderungen von Gläubigern, die die Klienten zur Schuldner- und Insolvenzberatung das Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) mitbringen. Dort werden sie unter anderem von Stefanie Rollig betreut. Gerade bei der Gruppe der Jugendlichen bis 28 Jahre beobachtet sie einen beängstigenden Trend. Waren es im vergangenen Jahr noch durchschnittlich 4700 Euro bei neun Gläubigern pro Schuldner, brachten die Klienten es 2019 durchschnittlich auf 7000 Euro Schulden bei elf Gläubigern. Es sind vor allem Telekommunikationsunternehmen und Versandhäuser, bei denen die Verbindlichkeiten auflaufen. „Viele haben wirklich einfach nie gelernt, mit Geld umzugehen, kennen die Konsequenzen nicht, wenn sie einen Vertrag abschließen oder blenden das komplett aus“, so Rollig. So werden aus einer Forderung von 4,30 Euro von Rossmann schnell Mahnungen über 79 Euro. „Es fehlen finanzielle Kompetenzen und auch eine Selbstreflexion beim Konsumverhalten.“
So ist es auch nicht ungewöhnlich, wenn etwa Verträge für andere abgeschlossen werden. „Wir haben Fälle, in denen andere die Daten unserer Klienten haben und auf deren Namen bestellen. Dann heißt es: Den habe ich schon seit einem Jahr nicht mehr gesehen, aber er bestellt weiter.“ In solchen Fällen wird dringend eine Anzeige bei der Polizei nahegelegt. Doch viel öfter ist es das eigene Verhalten, das die Jugendlichen in die Schuldenfalle tappen lässt: Die Null-Prozent-Finanzierung beispielsweise, die oft nur für das erste Jahr gilt, der Kauf auf Rechnung oder Angebote bei Amazon im Rahmen des mittlerweile auf eine Woche ausgedehnten Black Friday. „Sie sehen oft nur das ,Kauf jetzt, bezahl im Februar’, vergessen aber, dass sie im Februar ja auch nicht mehr Geld als sonst haben.“
Bevor Menschen erkennen, dass ihnen der Gang zur Beratungsstelle helfen könnte, ist zuvor meist etwas Einschneidendes passiert, das nicht zwingend selbst verursacht sein muss. „Oft sind es persönliche Krisen, wenn der Druck zu groß wird und dann der Hinweis von außen kommt, sich Hilfe zu suchen.“ Doch neben plötzlicher Arbeitslosigkeit, der Trennung von Partnern oder anderen negativen Veränderungen können es auch andere Auslöser sein. „Es gibt auch Frauen, die schwanger werden und beschließen, dass sie deshalb etwas ändern wollen.“
Ohne Mitarbeit geht es nicht
Sofern die Klienten wirklich ehrlich sind, vor allem zu sich selbst, und auch bereit, die notwendigen Veränderungen anzugehen, kann ihnen in der Beratungsstelle geholfen werden. Wie lange das dauert, lässt sich aber nicht allgemein sagen. „Wenn jemand 3000 Euro Schulden hat, ein Einkommen von 2000 Euro und keine Kinder, geht das natürlich schneller als in anderen Fällen“, berichtet die Beraterin. Doch letztlich kann jedem geholfen werden, was aber Arbeit bedeutet. Der erste Schritt ist, die Akten zu ordnen. „Das sagen wir den Leuten schon am Telefon. Macht eure Briefe auf und sortiert nach Gläubigern. Dann können wir helfen.“ So können sich die Berater schneller einen Überblick verschaffen. Dabei geht es aber nicht darum, die Hilfesuchenden an den Pranger zu stellen.
„Wir schauen einfach gemeinsam, was bezahlt werden muss, was zur Verfügung steht und welche monatlichen Fixkosten es gibt.“ Danach wird ein Plan erarbeitet. Jeder einzelne Schritt erfordert Mitarbeit von den Klienten. Das hält nicht jeder durch. Doch von denjenigen, die es schaffen, gibt es am Ende auch die Rückmeldung, die für Rollig und ihre Kollegen die Mühe lohnenswert machen. „Wir haben neulich einen Fall abgeschlossen, bei dem wir eine junge Frau recht schnell entschulden konnte.“ Die Endzwanzigerin hatte 8 000 Euro Schulden. „Sie hat am Schluss gesagt: Das tat gut. Jetzt habe ich mir Strukturen aufgebaut.“
Tipps zum Shopping
Wie lässt sich aber die Schuldenfalle im Vorfeld vermeiden? Dafür hat Rollig einfache Tipps. „Man muss sich schon vorher ein festes Budget setzen und überlegen, wie man die Leute damit beschenken möchte. Das muss man dann auch einhalten.“ Damit das gelingen kann, sollte nicht zu impulsiv gekauft werden. „Es ist notwendig, die Preise zu vergleichen und vor allem die Werbung zu hinterfragen. Sind die Angebote wirklich billiger als sonst oder in anderen Läden?“ Auch über die Konsequenzen von Käufen sollte länger nachgedacht werden. „Viele wissen nicht, dass auch eine Null-Prozent-Finanzierung in der Schufa vermerkt wird. Das kann Leuten bei einem späteren Kredit auf die Füße fallen.“
Hilfe für jedes Alter
Nicht nur Jugendlichen wird in der ASB-Beratungsstellen in Kyritz, Wittstock und Neuruppin geholfen. Jeder, der ernsthaft daran interessiert ist, das Problem anzugehen, bekommt Hilfe. Kontakt kann telefonisch aufgenommen werden unter 03391 6885073, 03394 465508 und 033971 62507.
Wer nutzt die Beratung?
Insgesamt suchten 259 bis 28-Jährige die Beratungsstelle auf. 150 davon haben keine abgeschlossene Ausbildung. 89 hatten einen Abschluss. 20 befanden sich während der Beratung in Ausbildung. 219 leben im SGB II- oder im SGB XII-Bezug, sind also auf Hartz IV angewiesen. 188 nutzten schon ein Pfändungsschutzkonto.⇥zig