Die vergangenen beiden Jahren waren echte Boom-Jahre, was die Zahl der Hundebesitzer angeht: Viele nutzten die Corona-Pandemie, um sich einen Vierbeiner zu kaufen. Und genau diese Hunde durchleben nun eines ihrer ersten oder sogar das erste Silvester.
Hundetrainerin Joanna Bauer, die eine Hundeschule in Neuruppin betreibt, erklärt, wie die Vierbeiner am besten auf die Nacht der Knaller vorbereitet werden können. Vom Einsatz von Medikamenten rät sie strikt ab.

Bei jungen Hunden ist noch viel möglich

„Gerade bei jungen Hunden kann man jetzt den Grundstein legen“, erklärt Joanna Bauer. „Wir haben einen naiven Welpen vor uns.“ Daher sei es besonders wichtig, diesem Tier gleich die Angst vor Silvester zu nehmen – oder es zumindest zu versuchen. Doch auch für ältere Hunde, die schon Ängste haben, gibt es Notfall-Maßnahmen, wie diese die Silvesternacht bestmöglich überstehen können.
Bei jungen Hunden muss quasi das Knallen mit etwas Gutem verbunden werden: „Ich habe es selbst erlebt: Es wird schon geknallt“, sagt die Hundetrainerin. „Hunde sind viel geräuschempfindlicher als Menschen.“ Zudem seien die Tiere auch viel aufmerksamer: Gibt es irgendwo ein lauteres Geräusch, wenden sie ihre Aufmerksamkeit dorthin. „Und das ist der Moment, wo man etwas machen muss, das dem Hund Spaß macht“, erklärt Joanna Bauer. „Ich hopse, spiele, lenke den Trieb auf mich.“

Nicht den Ball durch die Gegend werfen

Wird dabei ein Spielzeug genutzt, ist es laut Joanna Bauer wichtig, dass dieses sich mit dem Menschen bewegt: Ein Ball, der weggeworfen wird und dem der Hund dann hinterherläuft, ist nicht sinnvoll. „Der Hund soll nicht wegrennen“, so Bauer. „Ganz Verfressene können auch mit einem Keks beschäftigt werden.“ Der Plan sollte das aber nicht sein. „Wir möchten ja, dass sich alle Muskeln des Hundes entspannen, also ist Hopsen wirklich das Beste.“
Die Trainerin empfiehlt Besitzern junger Hunde, den Knall des Böllern zu etwas zu machen, vor dem das Tier keine Angst haben muss. „Wenn es knallt, kann ich sagen: Hey, toll! Komm her!“ Klemmt der Hund schon die Rute, zeigt also Angst, dann ist Bewegung besonders wichtig. „Es ist nicht zu empfehlen, dem Hund dann zu sagen: Alles ist gut“, so Bauer, die sich noch gut an ihre Kindheit erinnert: „Wenn es da hieß ,Alles ist gut’, war meistens nicht alles gut.“ Hunde spüren diese Schwingungen ebenfalls.

Ängstliche Menschen, ängstliche Hunde

Leute, die selbst Angst vor Böllern haben, sollten daher am Silvesterabend nicht diejenigen sein, die sich um den Hund kümmern. „Das überträgt sich“, erklärt Joanna Bauer. „Der Hund merkt: Ihr Puls geht hoch. Also geht meiner auch hoch.“ Die Trainerin macht aber allen Hundebesitzern Mut, denn gerade bei jungen Tieren lasse sich noch gut an den kritischen Silvester-Situationen arbeiten.
Sehr viel schwieriger ist es bei den Hunden, die ihre Angst schon längst verfestigt haben oder bei denen nicht ganz klar ist, wie sie reagieren werden. „Viele haben sich ja Hunde aus dem Tierheim geholt. Da ist nicht klar, ob sie Angst haben“, sagt Joanna Bauer. Sie empfiehlt, diese und auch alle anderen Tiere an Silvester doppelt zu sichern: mit Halsband und Geschirr sowie einer Leine mit zwei Karabinern. „Schlüpft der Hund aus Halsband oder Geschirr, ist er noch durch das jeweils andere gesichert.“ Auch sollten Besitzer ihre Telefonnummer am Tier anbringen: Läuft der Hund doch weg, kann er schnell wieder nach Hause gebracht werden.

Am Silvesterabend drinnen bleiben

„Spaziergänge am Silvestertag sollten tagsüber geschehen“, so die Hundetrainerin. Statt durch die Stadt zu laufen, empfiehlt sie, sich eine Wiese zu suchen – weit ab der möglichen Knallerei. „Am Silvesterabend selbst sollten die Hunde drinnen beschäftigt werden.“ Die Gassi-Runde kann getrost ausfallen. „Es gibt dann kaum einen Hund, der sich dann noch lösen kann“, so Bauer. Zudem könnten Hunde auch mal gut längere Zeit aushalten, ohne vor die Tür zu müssen – mit Ausnahme von Welpen.
„Auf gar keinen Fall sollte der Hund allein gelassen werden, während der Besitzer feiern geht“, sagt Joanna Bauer. Handle es sich um ein älteres Tier, bei dem sich der Halter ganz sicher sein kann, sei das anders. „Aber nicht in den ersten Jahren.“ Dem Tier sollten Möglichkeiten geschaffen werden, wo es sich zurückziehen kann. „Es kennt zu Hause ja seine Ecken und Höhlen.“ Wenn Herrchen oder Frauchen dann noch die Jalousien herunterlassen und den Fernseher dudeln lassen, wird eine gewohnte Atmosphäre ohne viel Störung geschaffen.

Geruch und Geräusche aussperren

„In der Silvesternacht knallt und zischt es. Es riecht komisch“, erklärt Joanna Bauer. Bleibt der Hund drinnen und wird etwas abgeschirmt, muss er sich weder mit den lauten Geräuschen, noch mit dem Geruch auseinandersetzen. „Dann bleibt vielleicht noch das Dröhnen, aber das kann man abdämpfen.“
Joanna Bauer hat schon Hunde erlebt, die in der Silvesternacht vor lauter Angst koten und urinieren. „Das sieht aus wie ein epileptischer Anfall, schrecklich“, erinnert sie sich. Sie hat Schüler, die mit ihren Tieren daher dorthin fahren, wo nicht geknallt wird – und sei es die Autobahn-Raststätte. Es gebe auch Medikamente, die Hunden mitunter verabreicht werden. Davon hält Joanna Bauer aber nichts: „Die hemmen den Hund körperlich, können ihn geistig aber nicht lahmlegen.“ Das Tier empfindet also die Angst, kann sich aber nicht bewegen. „Daher würde ich das komplett ausschließen.“

Ein bisschen Eierlikör darf laut Joanna Bauer sein

Aber es gibt ein anderes, recht ungewöhnliches Hilfsmittel: „Alkohol darf ein Hund eigentlich nicht trinken“, erklärt Joanna Bauer. Doch er sei in kleinen Maßen auch nicht wirklich schädlich oder gar tödlich. „Bevor ich meinen Hund also mit Medikamenten lahmlege, gebe ich ihm eine wirklich kleine Menge Eierlikör oder Bier“, sagt die Hundetrainerin. Die Rede ist dabei von einem Esslöffel. „Dann döseln die Tiere vor sich hin, ganz ähnlich dem Menschen.“ Dazu die gewohnte Umgebung, geschlossene Fenster und heruntergelassene Jalousien – und auch ein unentspannter Hund kann laut Joanna Bauer recht entspannt durch die Silvesternacht kommen.
Der Eierlikör-Tipp stammt vom prominenten Hunde-Profi Martin Rütter. Er befürwortet es, Hunde zu Silvester mit einer kleinen Menge Eierlikör zu beruhigen. Tierarzt Ralph Rückert verteidigt Rütters Vorschlag gegen Kritik in einem langen Blog-Beitrag. 
Rückert gibt in seinem Blog-Eintrag sogar Dosierungstipps in Abhängigkeit zum Gewicht des Hundes.
Joanna Bauer betreibt in Neuruppin die Hundeschule JoBaDog. Ab dem 2. Januar startet sie wieder mit Kursen in der Stadt.