Vize-Bürgermeisterin: Das ist Neuruppins neue starke Frau

Neu im Rathaus: Daniela Kuzu (37) hat am Freitag ihre auf acht Jahre begrenzte Stelle als Erste Beigeordnete der Stadt Neuruppin übernommen. Sie löst Baudezernent Arne Krohn als Vize-Bürgermeister ab, der diese Funktion rund zehn Jahre zusätzlich ausgeübt hatte.
Siegmar TrenklerGeboren wurde sie 1981 in Mühlhausen in Thüringen. „Die Stadt ist ähnlich groß wie Neuruppin, hat 36 000 Einwohner, ist ländlich gelegen, aber nicht so gut angebunden wie Neuruppin“, berichtet Kuzu an ihrem ersten Tag als Vize-Bürgermeisterin. Sie sitzt fortan in dem Zimmer, in dem bis vor einem Jahr der ehemalige Kämmerer Willi Göbke gearbeitet hat. Das kommt nicht von ungefähr: Immerhin gehören zu ihrem Dezernat auch die Bereiche Kämmerei, allgemeine Verwaltung, Liegenschaften und Recht. dass sie dort angekommen ist, verdankt sie neben harter Arbeit auch ihren Eltern. „Ich komme aus einer ganz normalen Arbeiterfamilie. Mein Vater ist Lagerist, meine Mutter Kassiererin in einer großen Supermarktkette. Auch wenn ihnen wenig Einkommen zur Verfügung stand, war ihnen Bildung sehr wichtig.“ So hat ihr Vater immer darauf Wert gelegt, dass sie viele Bücher liest. Das Ergebnis: „Ich war die erste in unserer Familie, die studieren durfte.“ Und während es ihren sechs Jahre jüngeren Bruder nach Köln zur Filmbranche zog, studierte Daniela Kuzu nach ihrem Abitur Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Rechtswissenschaften. „Gegen Ende des Diploms das ich in Berlin abgeschlossen habe, habe ich mich dann auf Konfliktmanagement spezialisiert.“ Mit 22 hatte sie ihren Abschluss in der Tasche. „Weil ich so jung war, habe ich noch einen Masterstudiengang an der Lancaster University absolviert. Das war ganz im Norden, schon fast in Schottland – eine sehr ländliche und sehr stille Gegend.“
Schon im Hauptstudiengang in Berlin war Kuzu Stipendiatin der Friedrich-Ebert-Stiftung. Von der Organisation wurde sie nach ihrer Zeit in Großbritannien sofort angeworben. „Ich habe dann dreizehn Jahre lang für die Stiftung gearbeitet, auch wenn ich vor zehn Jahren aus der SPD ausgetreten bin.“ Zuerst absolvierte sie ein Trainingsprogramm im Asienreferat. Das lag nahe, schließlich hatte sich die Studentin in ihrer Masterarbeit mit dem Nepalkonflikt beschäftigt.
Nach einem Jahr begann sie als Referentin für Menschenrechte zu arbeiten. Mit 28 Jahren ging sie dann als Büroleiterin nach Ghana. Dem Rotationsprinzip entsprechend folgen in der Stiftung auf zwei Auslandseinsätze eine Einsatz in Deutschland. Für Daniela Kuzu bedeutete das nach fünf Jahren und vier Monaten einen Wechsel in die Türkei, um dort als stellvertretende Büroleiterin zu arbeiten. „Ich hatte mir das gewünscht, dahin zu gehen, weil mein Mann türkische Wurzeln hat“, berichtet sie. „Er kommt eigentlich aus der Industrie. In der Türkei hatte er bis zum 26. Lebensjahr eine Firma, die Druckmessgeräte für Fabriken herstellte.“ Als er nach Deutschland kam, hatte er sich als Programmierer in Berlin selbstständig gemacht. Um seine Frau zu unterstützen, gab er aber seinen Beruf auf, begann sich um Haus und Kind zu kümmern und fing an, Elektrogitarren herzustellen. „Er hält mir den Rücken frei. Ohne ihn würde es nicht gehen“, würdigt Daniela Kuzu die Unterstützung.
Die Zeit in Istanbul dauerte bis Juli 2018. „Wir waren also weg, bevor der große Knall kam mit der Wirtschaft und dem Einbruch der Lira“, sagt sie. „Wir sind ziemlich krisenresistent. Auch in Ghana hatten wir nicht nur einfache Zeiten. Und anfangs haben wir in Istanbul auch direkt gar nicht so viel von der Entwicklung bemerkt.“ Das liegt laut der 37-Jährigen auch an der Größe der Stadt. „Dort leben offiziell 17 Millionen, inoffiziell aber zwischen 22 und 23 Millionen Menschen. Da kann man von einem Ende der Stadt zum anderen mit Staus schon mal sechs oder sieben Stunden unterwegs sein.“ Als zehn Touristen in der Stadt getötet wurden, habe sich das daher anfangs noch sehr weit weg angefühlt. „Man blendet das einfach aus. Doch dann kamen weitere Krisenphasen. Da hatte sich ein Attentäter mit vier Israelis in die Luft gesprengt – das war nur 300 Meter Luftlinie von der deutschen Grundschule der Botschaft entfernt, in der unsere Tochter war. Zwei Wochen zuvor hatte die Schule eine Bombendrohung bekommen. Da macht man sich dann immer mehr Sorgen. Dann war da der Anschlag am Flughafen, an dem ich wegen Dienstreisen oft war. Schließlich gab es einen Anschlag in der Nähe unserer Wohnung, bei dem schon alle Scheiben bei uns geklirrt haben. Ich hatte gerade entbunden und ein drei Wochen altes Baby auf dem Arm. Und wir wussten: Es kommt immer näher.“
Wäre all das nicht passiert, hätte sich Daniela Kuzu möglicherweise auch noch einmal dazu entschieden, ihren Drei-Jahres-Vertrag in der Türkei um weitere zwei zu verlänger. „Wir haben uns dann aber wegen der Sicherheitslage entschieden, weiterziehen.“ Das wurde durch den Putsch weiter verstärkt. „Es gab viele deutsche Repräsentanten anderer Organisationen, die gesagt haben: ,Das wird schon wieder besser. Er (der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan, die Red.) kann seine autoritären Züge nicht so weit ausfahren.’ Aber ich war immer der Meinung, dass er weitermacht bis zum Blutvergießen, bis er hat, was er wollte, egal, wie viel internationaler Druck aufgebaut wird“, erinnert sich Kuzu. Der Familie wurde die Situation zu heikel. Doch es gab auch einen weiteren Grund. „Wir hatten auch gemerkt, dass unsere große Tochter mit den ganzen Umzügen nicht klar kommt. Sie hatte Anpassungsschwierigkeiten, und in Istanbul war das sehr krass. Deshalb war klar, dass ich eine Stelle in Deutschland annehme.“
Das war aber mit einigen Herausforderungen verbunden. „Die Mietpreise in Berlin sind exorbitant hoch. Mein Mann braucht als Gitarrenbauer Platz für eine Werkstatt. Also haben wir uns gesagt, dass wir aus der Stadt ziehen, um Leben und Beruf unter einen Hut zu bringen.“ Als die Suche um näheren Umfeld der Hauptstadt erfolglos blieb, kam Daniela Kuzu auf die Region um Neuruppin. „Ich kannte die Gegend schon durch Ausflüge, Urlaube und Reha-Aufhalte von Familienangehörigen. Wir sind dann auch schnell fündig geworden, haben uns sofort in Haus und Hof verliebt und uns dann hier niedergelassen. Und wir wollen hier auch alt werden“, bekräftigt die Frau.
Einen Kitaplatz in Rheinsberg zu finden, sei kein Problem gewesen. „Das wäre in Berlin wahrscheinlich der Horror gewesen“, vermutet Kuzu. „Aber wir haben Monate vorher aus der Türkei angerufen und da war gleich klar, dass wir auf die Liste kommen und das klappt. Auch die Einlebephase ist wunderbar verlaufen.“
In Ruppiner Land soll nun die gesamte Familie auf ihre Kosten kommen. Danielas Mann kann sich weiter der Gitarrenbauerei widmen, die Kinder – eine neunjährige und eine zweijährige Tochter – müssen nicht mehr umziehen. Und die Eltern finden in der Region auch genügend Unterhaltung. „Wir sind durch den Beruf meines Mannes eng verbunden mit der Kultur- und Musikszene. Uns ist es auch sehr wichtig, dass zu Hause sehr viel Musik gemacht wird und sich die Kinder künstlerisch austoben können. Meine Älteste hat sich zwar, wie ich auch früher, geweigert, ein Instrument zu lernen. Ich habe aber als Schülerin zwei Jahre lang eine Gesangsausbildung genossen und sie singt jetzt auch.“