Ein niedliches, kleines Vogelküken fiept herzzerreißend draußen im Wald oder auf einer Wiese – scheinbar hilflos. Wer würde da nicht helfen und es mitnehmen wollen? Hoffentlich niemand, der diesen Text zu Ende gelesen hat. Denn das Ergebnis können Kraniche wie Fritzi sein, die sich selbst für Menschen halten.
Die Wildtiere rufen nicht nach Menschen, sondern nach ihren eigenen Eltern, die meist in der Nähe verborgen beobachten und darauf warten, dass die Menschen wieder verschwinden, sagt Beate Blahy. Die Tier- und Naturschützerin kümmert sich auf einem Grundstück in Steinhöfel in der Uckermark mit ihrem Mann Dr. Eberhard Henne seit mehr als 20 Jahren um Kraniche, die aus falscher Tierliebe der Wildnis entnommen wurden.

Ein zutraulicher Kranich in Fehrbellin

Doch fangen wir vorne an. Selbst im Luch rings um Fehrbellin können Kraniche normalerweise eher nur aus der Ferne beobachtet werden. Sie sind scheu und flüchten vor Menschen. Dem Kranich, der am Montagnachmittag auf der Bahnhofstraße in Fehrbellin landete und dort munter herumspazierte, haben seine Artgenossen das aber nie beibringen können. Der Fehrbelliner Wilfried Howe hatte den Vogel dort, wie viele andere, entdeckt und ein Foto von der ungewöhnlichen Situation gemacht. „Die Anwohner waren sehr aufgeregt“, erinnert er sich. Schließlich gibt es so etwas nicht alle Tage zu erleben. Schon vor Ort drängte sich vielen die Vermutung auf, dass es sich bei dem Kranich um eine Handaufzucht handelte, weil er überhaupt keine Scheu vor Menschen hatte, berichtet Howe. Die Leute versuchten, den im Ort bekannten Naturschützer Peter Stallknecht zu erreichen, was aber misslang. Also informierten sie Cornelius Voyé, Mitglied der Gemeindeverwaltung und zugleich Feuerwehrmann, der innerhalb weniger Minuten da war.

Mit einer Jacke eingefangen

Voyé konnte sich dem Tier ohne Probleme nähern. Zufällig hatte er früher einmal fünf Jahre lang bei einem ornitologischen Verein gearbeitet und kannte sich daher aus. „So nah war ich noch nie an einem Kranich dran“, gab er im Nachhinein zu. Selbst bei den Kranichzählungen, an denen er teilgenommen hatte, sei er im Nebel immer nur auf wenige hundert Meter herangekommen. „Doch dieser Kranich war total zutraulich.“ Er legte dem Vogel eine Jacke über den Kopf, um ihn einzufangen. „Wir hatten den Schnabel freigelegt, aber er wehrte sich nicht und schien auch sonst gesund zu sein.“ Doch eine Möglichkeit zur Unterbringung für das Tier gibt es in Fehrbellin nicht. Und so kam Henry Lange aus Neuruppin ins Spiel. Der Greifvogelexperte hilft im Tierschutzverein Ostprignitz-Ruppin aus, wenn Wildvögel Hilfe brauchen. Er nahm den jungen Kranich vorübergehend auf.

Zwischenstation in Bechlin

„Ich habe den Kranich abgeholt“, berichtet Lange, der sich auch die Beringung des Tiere näher ansah. „Er ist über den Winter von der Naturschutzstation Woblitz gepflegt und dort beringt worden. Im Frühjahr wurde er in Linum ausgewildert.“ Und Lange hat auch eine Erklärung dafür, warum der Kranich so zutraulich ist. „Er hat die Menschen nie als Gefahr kennengelernt.“ Das bedeutet aber auch, dass der Vogel in der Wildnis nicht überleben würde, weil die Scheu vor dem Menschen nicht die einzige Lektion ist, die ihm fehlt. Daher kam der Kranich am nächsten Tag an einen Ort, wo es andere wie ihn gibt: nach Steinhöfel in der Uckermark. Dort leben Beate Blahy und Eberhard Henne auf einem ein Hektar großen Grundstück außerhalb des Ortes. Neben Schafen wohnen dort mit ihnen aktuell vier junge Kraniche.

Die Reise führt in die Uckermark

„Der fünfte ist gerade erfolgreich ausgewildert worden“, freut sich Blahy. Doch es gibt auch Kraniche, bei denen das nie gelingen wird. Da wäre etwa der Kranich Willi. „Für den sind wir wie Familie. Ein anderer Kranich, den wir aufgezogen haben, schläft auch nachts draußen und kommt uns nur noch tagsüber besuchen. Er hat gute Chancen und wird sich hoffentlich bald verabschieden“, sagt Beate Blahy. Andere bleiben vielleicht viel länger. Blahy kennt wenigstens einen Fall, in dem ein Kranich in Gefangenschaft 45 Jahre alt geworden ist. Wobei die Tiere in Steinhöfel jederzeit davonfliegen könnten.
Entscheidend dafür, ob eine Auswilderung wirklich Erfolg verspricht, ist das Alter der Tiere, in dem sie von Menschen aus der Wildnis gerissen wurden. „Es sind fehlgeprägte Jungvögel, die gar nicht wissen, dass sie Kraniche sind“, berichtet Blahy. Stattdessen würden sich manche für Menschen halten, weil sie von diesen aufgezogen worden sind. „Die Tiere sind für ihre eigene Art total verloren. Das ist ein Drama, auch wenn es den Menschen, die das gemacht haben, oft gar nicht bewusst ist.“

Fritzi findet Artgenossen

Hier nun wird Fritzi, wie der Kranich aus Fehrbellin getauft wurde, gemeinsam mit drei Artgenossen aufgezogen. Und obwohl nicht bei allen am Ende die Auswilderung stehen wird, sollen die Tiere dort so viel wie möglich von dem lernen, was Kraniche normalerweise von ihren Eltern beigebracht kriegen würden. „Wir gehen jeden Tag von morgens bis abends mit den Kranichen spazieren. Sie sollen so weit wie möglich ihren natürlichen Trieben folgend aufwachsen, die Biotope und natürlichen Feinde kennenlernen, im Boden graben und sich in den Lebensräumen zurechtfinden“, berichtet die Frau, die zuweilen auch mit dem Spitznamen Kranichmutter bezeichnet wird, auch wenn sie das nur unfreiwillig ist.
Angefangen hatte es im Jahr 2000, als der Dackel eines Jägers im Kranichgelege, das sie aus einem Fotoversteck beobachtet hatten, ein Jungtier tötete. Die Eltern wurden verschreckt und kamen überhaupt nicht mehr wieder. Also entschieden sich Blahy und Henne, das zweite, übrig gebliebene Jungtier aufzuziehen, um es später auszuwildern. Seitdem sind es viele weitere Kraniche gewesen. Doch so viel Zeit, wie Blahy und Henne in die Aufzucht der Tiere stecken, hat dafür im Normalfall eigentlich niemand, mahnt Blahy.

Kranichküken sollten nie aus der Wildnis mitgenommen werden

Daher warnt sie eindringlich davor, Kranichküken aus der Wildnis zu nehmen. „Die Menschen, die anfangs in bester Absicht die Elternrolle übernommen haben, können zu allermeist nicht die Bedingungen schaffen, die Kranichküken benötigen, um auch psychisch gesund aufzuwachsen und die Erfahrungen zu machen, die sie für das spätere Leben in Freiheit benötigen.“ 2020 sei deutlich zu bemerken gewesen, dass mehr Menschen in der Natur unterwegs waren, sich darin aber nicht auskennen und daher Fehler machen, berichtet Beate Blahy. „Das hatte Folgen, denn die Liebe zur Natur und ihre Kenntnis sind zwei völlig verschiedene Dinge. Allein bei Kranichschutz Deutschland sind sieben Kranichküken bekannt geworden, die von Menschen aus der Natur, von ihren Eltern fortgenommen worden sind und damit in ein Leben geholt wurden, das nicht für sie vorgesehen war.“
Zudem gibt es nicht nur Fälle, in denen Menschen helfen wollen. Eines der Tiere etwa, das in Steinhöfel aufgezogen wird, ist ein „Herrentagsopfer“, wie Beate Blahy berichtet. „Da waren ein paar Typen, die besoffen mit dem Boot rausgefahren sind und dachten, es wäre lustig, die Kraniche aufzuschrecken.“ Eines der Jungtiere wäre dabei fast ertrunken und wurde von jemandem gerettet, der es an Blahy und Henne übergab. „Es gab sogar einen Fall, wo Eier absichtlich vom Nest genommen und künstlich erbrütet wurden, um eine Attraktion für den eigenen Reiterhof zu haben“, beschreibt sie weiter.

Fritzi ist vermutlich auch ein „Rettungsopfer“

Ob das bei Fritzi auch der Fall war, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. „Er ist im Juni in Woblitz angekommen, sobald er fliegen konnte“, sagt Blahy. Vermutlich sei er von seinen illegalen Aufziehern einfach weggeflogen. Die Fehlprägung war da aber schon unumkehrbar. Ob Fritzi jemals mit seinen wilden Artgenossen davonfliegen wird, ist unklar. Immerhin ist er aber nicht mehr allein als Kranich, der sich für einen Menschen hält.