Wohnungsmarkt: Genossenschaft feiert Jubiläum

Verglast und geräumig: Die neuen Balkone bieten viel Platz und sind auch im Winter nutzbar.
Jürgen RammeltVielen alteingesessenen Rheinsbergern ist noch die alte Bezeichnung AWG geläufig, was Arbeiter–Wohnungsbaugenossenschaft bedeutete. Um in der DDR Wohnraum zu schaffen, gab es die Möglichkeit, Genossenschaften zu gründen. Es waren Zusammenschlüsse von Beschäftigten aus Betrieben und Institutionen, die Wohnungen als genossenschaftliches Eigentum errichteten. Die Arbeiter–Wohnungsbaugenossenschaften wurden damals mit zinslosen Krediten staatlich gefördert. Die Mitglieder erbrachten Arbeitsleistungen und erwarben Genossenschaftsanteile, mit deren Hilfe dann Wohnungen gebaut wurden. Betriebe unterstützten die Bauvorhaben. So war es auch in Rheinsberg, wo im Herbst 1959 die AWG gegründet wurde. Viele Jahre war der Lehrer Rudi Bölsch Vorsitzender dieser Genossenschaft.
Deren Nachfolgegesellschaft, die Rheinsberger Wohnungsbaugenossenschaft, die seit 2003 von Rolf Wernecke als Vorstandsvorsitzenden geleitet wird, besitzt 154 Wohneinheiten. Sie verteilen sich auf fünf Gebäude in der so genannten KKW–Siedlung. Das Wohngebiet entstand im Zuge der Errichtung des Rheinsberger Kernkraftwerkes. 139 Wohnungen gehören der Genossenschaft. 15 Quartiere wurden an die Mieter verkauft. Allerdings ist es laut Wernecke das Ziel, dass auch diese Wohnungen wieder in den Bestand der WBG gehen sollen. Eine Wohnung dient als Gästequartier. Wenn einer der Mieter Besuch bekommt, muss der nicht unbedingt im Hotel wohnen. Dann kann er gegen ein Entgelt kurzzeitig in die Gästewohnung einziehen. „Die heutigen Bewohner sind langjährige Mieter“, erklärt Gudrun Dittmann, die im Vorstand für die Finanzen zuständig ist. Der älteste Mieter ist 94 Jahre alt. Der Altersdurchschnitt der Bewohner liegt bei 69 Jahren. Das Älterwerden wurde ein Problem für die Genossenschaft. Nach der Jahrtausendwende gab es erste Stimmen, die sich einen Aufzug oder Fahrstuhl wünschten.
Doch die Bedürfnisse waren verschieden. Während sich vor allem die Älteren und Mieter der oberen Stockwerke einen Aufzug wünschten, stieß das Vorhaben bei den jüngeren und noch fitteren Bewohnern auf Skepsis und Bedenken. Doch 2006 war es dann soweit. Der erste Lift wurde angebaut und ging in Betrieb. Inzwischen besitzen zwölf Aufgänge einen gläsernen Fahrstuhl. Der letzte wurde 2017 eingeweiht.
Rolf Wernecke zeigt sich überzeugt, dass die meisten Mieter froh sind, dass sie nicht mehr mit ihren Taschen nach dem Einkauf Treppen steigen müssen. Die Kosten für die Lifte sind im Lauf der Jahre immer weiter angestiegen. Während der Einbau des ersten Fahrstuhls noch für knapp 100 000 Euro zu haben war, so kostete der bisher letzte bereits 130 000 Euro.
Und dann gibt es noch etwas, auf das die Mitglieder der Genossenschaft stolz sind: Es sind die neuen Balkone, die den Häusern ein modernes Aussehen geben. Wie Gudrun Dittmann erzählt, waren die alten Balkone aus den 1960er–Jahren nicht mehr sicher und sollten abgerissen und erneuert werden. So wurde im Vorstand beraten, wie das passieren könnte. Am Ende gab es eine Lösung, die bei der Mehrheit der Mieter auf breite Zustimmung stieß. Die einst 3,9 Quadratmeter großen Balkone wurden demontiert und durch neue ersetzt, die über eine Grundfläche von 7,2 Quadratmetern verfügen. Der Clou dabei ist, dass die Balkone voll verglast sind und so bei Wind und Wetter Schutz bieten. Und wenn im Sommer die Sonne scheint, lassen sich die Fenster öffnen. „Bei der Suche nach einer passenden Form sind wir auf eine schwedische Firma gestoßen, deren Stil uns gefallen hat“, berichtet Rolf Wernecke. „Das Unternehmen hat uns sogar ein Muster aufgebaut, so dass jeder sehen konnte, wie sein Balkon mal beschaffen ist. Natürlich gab es einige Mieter, die anderer Meinung waren und sind“, weiß der Vorstandsvorsitzende zu berichten. Christiane und Klaus Albrecht, Hiltrud Senz, Helgard und Wilfried Jäger sowie die meisten freuen sich aber über die verbesserten Wohnbedingungen.